Berühmtheit mit Burnout

(Foto: EMI Classics)

Vor 40 Jahren starb Michael Rabin im Alter von nur 35 Jahren. Drei Alben rühmen nun den Geiger, der einst als Jahrhunderttalent galt.

Rabin? Michael Rabin? Selbst gestandenen Musikkritikern sagt dieser Name heute nichts mehr. Vor vierzig Jahren starb Amerikas genialster Geiger viel zu jung unter tragischen Umständen. Es ist höchste Zeit, seine Aufnahmen wiederzuentdecken. Sie werden sie den Rest Ihres Lebens im Herzen tragen!

Aus heutiger Sicht ist es ein Legenden-Cocktail, nein, eher ein unheilvolles Mythengebräu, das den Blick auf Amerikas tragischsten Wundergeiger verstellt. Als Rabin am 19. Januar 1972 in seiner New Yorker Wohnung starb vermutete man sofort den Selbstmord eines verzweifelten, am eigenen Anspruch gescheiterten Genies! Da war er gerade fünfunddreißig Jahre alt. Sein spektakulärer erster Auftritt in der Carnegie Hall lag da rund zwanzig Jahre zurück. Die Zeit war an dem leidenschaftlichen Konzertgeiger geradezu vorübergesaust. Achtzig Solo-Auftritte hatte er allein mit den New Yorker Philharmonikern absolviert, nachdem Dimitri Mitropoulos, Musikdirektor der New Yorker, schon bei Rabins Debüt fassungslos erklärt hatte: „Er ist wahrhaftig das Geigen-Genie von morgen – ein begnadeter Junge …“ Ein Leben im Schnellvorlauf begann: Tourneen durch Nord- und Südamerika, Australien, mehrere Europa-Touren, Studio- und Radioaufnahmen. Zwei Monate nach dem Mauerbau gab Rabin zwei gefeierte Konzerte in der Berliner Hochschule der Künste. Die „Welt“ lobte seine brillante Musikalität, seinen gleißenden, großen und flexiblen Ton, seine überragende Technik; der Kritiker des „Tagesspiegels“ war hin und weg ob der Virtuosität, Tonschönheit und des rhythmischen Elans des jungen Geigers.

In den Folgemonaten stellten sich erste Ermüdungszeichen auf dem rasenden Blindflug ein. Bei einem erneuten Recital in Berlin wirkte der Fünfundzwanzigjährige nur ein Jahr später verbrannt, geradezu apathisch; die Studenten pfiffen ihn aus. Der wohlmeinende Kritiker vermutete, es sei die Erschöpfung nach einem langen Tag im Tonstudio gewesen. Heute wissen wir: Rabin stand zu dieser Zeit bereits im Bann der Abhängigkeit von starken Schlafmitteln. Sein Spiel, das bis dahin technisch so faszinierend und dabei so unglaublich musikantisch gewesen war, entglitt ihm allmählich. Auftritte wurden abgesagt oder gerieten zu kleinen Desastern. Der Teufelskreis aus Versagensangst und den Folgen des Schlafmittelkonsums hatte Rabin in der Zange, und trübte seinen Ruhm noch zu Lebzeiten.

Was dann an jenem verhängnisvollen Januartag vor vierzig Jahren geschah, hat der kanadische Psychiatrieprofessor Anthony Feinstein in seiner 2005 auf Englisch erschienenen Biografie des Musikers, „Michael Rabin – America‘s Virtuoso Violinist“, rekonstruiert. Rabins damalige Freundin fand den Toten in einer Blut­lache in seiner Wohnung, in Boxer­shorts und T-Shirt, die Guarneri im offenen Kasten. Rabin hatte offenbar gerade eine Dose­ Thunfisch zum Lunch geöffnet, als das Telefon klingelte. Auf dem Weg ins Wohnzimmer war er auf dem frisch gewachsten Boden ausgerutscht und mit dem Kopf gegen eine Stuhllehne geschlagen.

Was uns von Amerikas genialstem Geiger bleibt, sind seine Aufnahmen. Unlängst sind einige davon wiederaufgelegt worden. Rabins wagehalsige Einspielung der vierundzwanzig Paganini-Capricen etwa mag als Referenzaufnahme für kommende Geigergenerationen gelten. Sie ist – neben den Solokonzerten von Paganini, Wieniawski, Tschaikowski, Glasunow, Mendelssohn und Bruchs „Schottischer Fantasie“ – sowohl auf einer „Icon“-Box von EMI Classics­ als auch der „Studio Recordings“-Sammlung von ‚Testament‘ enthalten. Diese Kisten sind bis aufs Coverfoto baugleich, da beide Labels auf dasselbe, inzwischen gemeinfreie Studiomaterial zurückgegriffen haben. Faustdicke Überraschungen erleben Kenner, die zusätzlich die „Unveröffentlichten Aufnahmen“ (ebenfalls Testamant) durchstöbern. Hier gibt es kleine Schätze von Heinrich Schalit, William Kroll oder John Alden Carpenter zu heben, dazu – Obacht! – Bachs d-Moll-Partita, BWV 1004.

Wieder und wieder staunt man über seinen leidenschaftlich-satten Ton bei traumwandlerischer technischer Sicherheit. Wo heutige Geiger vor allem nüchtern-stahlblau, in Mittelsätzen auch einmal moosgrün klingen, herrschen bei Rabin alle Schattierungen vom angriffslustigen Blutrot bis ins mondän abendglühende Bordeaux vor, ohne dass er je etwas verschleppte. Paganinis „Moto perpetuo“ etwa, ein Showstück, für das ein schweißgebadeter achtzehnjähriger Yehudi Menuhin noch knapp vier Minuten brauchte, fetzt Rabin in 3:10 Minuten herunter und klingt dabei so entspannt wie auf einer Fahrradtour durchs frühlingshafte Meadowmount.

Michael Rabin: Icon: Michael Rabin
EMI Classics (EMI)
Michael Rabin: Die unveröffentlichten Aufnahmen 1947,1949,1961, 1964, 1970 & 1971
Testament (Note 1 Musikvertrieb)
Michael Rabin: Michael Rabin: Die Studioaufnahmen 1956-1960
Testament (Note 1 Musikvertrieb)
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