Mit wem sprechen eigentlich unsere Intendanten?

Die Programme der neuen Spielzeit sind veröffentlicht. Unser Kolumnist stutzt – das Millionengrab Elbphilharmonie will 3,50 Euro von seinen Besuchern und in Bremen exerziert man Dramaturgentheater am Publikum vorbei. Da kommt nur wenig Lust auf Oper auf.

Von Axel Brüggemann

Inzwischen sind so ziemlich alle Saisonhefte der Konzert- und Opernhäuser erschienen. Und dabei gibt es durchaus einige Überraschungen. Eine davon in Hamburg: Die Elbphilharmonie ist derart berauscht von seinem Publikumserfolg, dass sie ihre Broschüre nur gegen ein Entgeld von 3,50 Euro abgibt. Wie bescheuert muss man als staatlich subventioniertes Haus sein, um auf derart dicke Hose zu machen? Zumal das Publikum bislang wohl weniger wegen der musikalischen Höhepunkte gekommen ist als um die Architektur des Hauses zu erleben. In zwei oder drei Jahren wird es definitiv schwieriger werden, die Ränge zu füllen –  nicht auszuschließen, dass das Publikum sich dann noch an dieses absurde „Von-Oben-Herab“ erinnern wird. Dass das Millionen-Schulden-Haus, das einen Werbeetat von 10 Mio Euro hatte, nun Geld für seine Jahresbroschüren will, das verstehe wer wolle. Aber diese Aktion ist nach der verpatzten, da grenzenlos superlativistischen, im Ton peinlich anbiedernden und handwerklich schlecht ausgeführten Auftakt-PR vielleicht auch nur ein weiterer, logischer Tiefpunkt.

Es lassen sich – besonders in der Oper – grundsätzlich zwei unterschiedliche Lager ausmachen: Eines, das vermitteln will, das versucht, Schwellen abzubauen und Türen zu öffnen, in dem es auf Social-Media, auf Erklärungen und den Spaß an der Kunst gesetzt wird. Das andere Lager pflegt gern ein rhetorisches „Von-Oben-Herab“. Hier wird die Oper als Elfenbeinturm bewahrt, als Hort selbstverliebter Wortdrechsler, die bewusst oder unbewusst die Wirklichkeit und ihr Verlangen nach Phantasie und sinnlicher Weite immer weiter von jenem Abtrennen, was auf ihren Bühnen stattfindet.

Ein Subventionshaus, das Geld für das Programm nimmt – unverständlich!

Ein Vorzeigebeispiel dafür ist das Spielzeitheft des Theater Bremen. In der Anmutung von Toilettenpapier, billigst gemacht (dafür immerhin kostenlos!) werden die Aufführungen durchexerziert, und das Ensemble muss sich in litfasssäulenhaften schwarz-weiß Fotografien abbilden lassen.

Ich habe in der letzten Spielzeit allerhand Repertoire-Aufführungen des Hauses besucht und war schockiert: Selten saßen in einer Opernaufführung mehr als 100 Zuschauer, das immerhin für 800 Besucher ausgelegt ist. Zahlen werden seit langem geschönt, indem einfach die Ränge geschlossen und damit die Auslastung hochgeschummelt wird.

Wenn man nun den halbseitigen Essay des Intendanten Michael Börgerding, der eigentlich das Vorwort der Spielzeit ist, liest, ist es nicht wirklich verwunderlich, warum es dem Haus schon lange nicht mehr gelingt, in der Stadt Fuß zu fassen. Börgerding kommt aus der Dramaturgie – und das liest man jedem seiner Worte an: Er zitiert seinen Dramaturgen-Kollegen und Autoren Jonas Lüscher (übrigens ist diese Vetternwirtschaft ist ebenfalls symptomatisch für sein Haus!). Es geht um eine Million-Dollar-Frage: „Warum alles, was ist, gut ist, und warum wir es dennoch verbessern können.“ Mit einem verqueren Streifzug durch das Silicon Valley landet Börgerding schließlich bei Leibniz „Wir leben in der besten aller möglichen Welten“, um dann über Voltaire und Bernstein („Sein Candide ist ganz sicher nicht nur eine Liebeserklärung an die europäische Musik.“ – Äh, nein, Herr Börgeding!!!!) bei irgendwelchen „intellektuellen Vordenkern der Linken“ zu landen, kurz die Bremer Stadtmusikanten zu streifen, um am Ende festzustellen: Während die Deutschen sich entkapitalisieren, entklolonialisieren, entgentrifizieren und entprivatisieren wollen, gefällt es doch den Flüchtlingen bei uns ganz gut – kann also alles nicht so schlimm sein.

Der gequirlte Text, dem Börgerding wahrscheinlich am liebsten noch 65 Fußnoten hinzugefügt hätte und dem der Stolz des Autoren über seine eigene Lektüre der letzten Wochen anzumerken ist, in dem kaum die Verbindung von einem zum nächsten Gedanken funktioniert, endet mit dem „Candide“-Philosophen Prof. Pangloss (für Börgerding ein Doktor), der sagt „Gut gesagt, aber unser Garten muss bestellt werden“. „Candide“ ist ein großer Abgesang an Leibnitz. Ob Börgerding das verstanden hat oder „die beste aller möglichen Welten“ lieber doch unberührt lassen will, wird in seinem Text letztlich nicht wirklich klar.

Trauen wir der Kunstform oder nicht mehr?

Darum scheint es in der Spielzeit aber auch nicht zu gehen. Das Vorwort, der Spielplan, die Freunde, die der Intendant an sein Theater holt, scheinen mit dem Haus etwas ganz anderes im Schulde zu führen: Das Theater ist zur Projektionsfläche für sie selber pervertiert, zum Ort des kleindenkenden Pseudo-Intellektuellen-Diskurses, dem das Publikum irgendwie zu blöde und die Kunst irgendwie zu kitschig erscheint. Die fatale Folge: Die Steuerzahler, die das Bremer Theater seit Jahrzehnten gern mitfinanziert haben, weil es sich konkret in das Geschehen der Stadt eingemischt hat, wenden sich ab und lassen den Elfenbeinturm, der da so vor sich hin philosophiert, ohne je die Höhe des großen Philosophierens zu erreichen, einfach links (oder rechts, ja wo eigentlich???) liegen.

Saisonvorschau-Zeit ist Bekenner-Zeit. Früher war klar, dass Theater sich bekennen mussten, am liebsten etwas links von der Mitte, als moralische Anstalt oder als sinnlicher Gedankenraum. Das Problem vieler Stadttheater und ihrer Intendanten ist heute, dass sie gar nicht mehr merken, dass ihre Diskurse nicht nur in sich selber unschlüssig, sondern für einen großen Teil des Publikums auch nicht mehr nachvollziehbar sind.

Die Theater sind heute angekommen, wo die Bildende Kunst schon einmal war: Jedes Bild musste damals mit pseudo-philosophischen Katalog-Texten erklärt werden. Dem Bild an sich wurde nur noch wenig Eigenbotschaft zugetraut. Die sehr deutsche Erfindung des Dramaturgen im Theater war eigentlich nicht als Erklärer gedacht, sondern als Sparingpartner, als Quellensucher, als Imputgeber für den Regisseur oder ein Haus. Inzwischen ist es leider auch in der Oper oft so, dass der Oper an sich nur noch wenig zugetraut wird – dass jede Inszenierung das Wort des Dramaturgen braucht, das Programmheft, um erfahrbar zu werden. Eine Erklärung der unerklärbaren Kunst. Und wenn ein Dramaturg dieser Schule dann noch zum Intendanten wird, kann man sogar an der eigenständigen Rolle und Kraft des Theaters zweifeln.

Wer will Publikum in den Elfenbeinturm locken?

Theater, und besonders die Oper, sind Kunstwerke, die bereits auf vielen Ebenen miteinander spielen: Auf der Ebene der Musik, des Textes und des Bildes – die immer irgendwie indifferent bleiben. Darin liegt ihre Kunst. Die Ebene eines künstlerischen Welterklärers, dessen Gedanken im Vergleich zu Leibnitz’ Philosophie, Bernsteins Musik oder Schillers Theater dann doch eher rudimentär sind, braucht in Wahrheit kein Mensch.

Am Ende ist all das ärgerlich – besonders für das Theater selber. Dass die Menschen sich abwenden ist gerade in dieser Zeit eigentlich absurd, denn selten standen mehr offene Fragen in der Welt, selten war die Skepsis gegenüber Politikern oder den so genannten „Eliten“ größer als heute. Die Kunst wäre eine Möglichkeit, Debatten jenseits der alltäglichen Klugscheißerei und Ideologie anzutreten, ein Theater für jeden, in dem jeder etwas zu sagen hat und verstanden werden will. So aber wird das Theater lediglich zur selbstgefälligen Debattenkultur hochsubventionierter Klugscheißer – und davon haben wir in unseren alltäglichen Diskursen doch schon längst zu viele.

 

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Kommentare

  1. Harald
    13. Juni 2017 at 16:45

    Ich war im Theater Bremen in The Fairy Queen. Die Inszenierung war so schlecht, dass man nicht mal mehr glauben kann, dass das Zufall oder aus Versehen war. Die Inszenierung war einfach so schlecht, dass man sich schon fragt ob damit ein größerer Plan verfolgt wird. Es gibt ja Inszenierungen, die sind einfach nicht gelungen oder die gefallen einem nicht. Aber so etwas Schlechtes gibt es sonst gar nicht — außer im Theater Bremen. Das kann doch gar kein Zufall sein. Irgendwer lässt den Börgerding doch dieses Theater kaputt machen, damit man es endlich wegschmeißen kann. Niemand der auch nur 1 Interesse an Kunst hat kann so etwas mit ansehen. Eine größere Ressourcenverschwendung gibt es weit und breit nicht als diese sinnlosen Inszenierungen am Theater Bremen.

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