Moritz Eggert: Witz als Provokation

(Moritz Eggert; Foto: Mara Eggert)

Er hat die Google-Nutzungsbedingungen vertont und Lieder im Twitter-Format geschrieben, in Videos die zeitgenössische Musikszene persifliert oder mit Kinn und Füßen Klavier gespielt. Komponist und crescendo-Kolumnist Moritz Eggert mischt mit seinen Werken die Neue-Musik-Welt auf.

crescendo: Herr Eggert, warum spielt Humor bei Ihnen eine so wichtige Rolle?
Moritz Eggert: Das ist einem in die Wiege gelegt. Humor ist eine Art, die Welt zu sehen. Schon in der Schule hatte ich immer, wenn es ernst wurde, das Bedürfnis, das mit etwas Lustigem zu durchbrechen. Andererseits war ich auf Partys, beim Karneval und anderen Gelegenheiten, bei denen sich alle anderen vordergründig amüsierten, eher depressiv und still, hatte die gegenteilige Emotion von der, die vorherrschte. Das hat sich schnell auf die Musik übertragen, weil ich gemerkt habe, dass gerade die Neue Musik oft wahnsinnig ernst und angestrengt ist.

Im Begriff „Ernste Musik“, der ja auch von der GEMA verwendet wird, steckt das sogar im Namen. Woher kommt das?
M.E.: Das hat sicher mit missverstandenem Bildungsbürgertum zu tun, der Idee der stillen Andacht. Wenn da eine griechische Statue steht, darf man nicht einfach sagen: „Die ist ja nackt!“, sondern schweigt ehrfürchtig. Ähnliches gilt für Lesungen, Konzerte und so fort.

Kam das mit dem 19. Jahrhundert, wo Kunst in der Säkularisierung zu einer Art Religionsersatz und damit zu etwas Unantastbarem wurde?
M.E.: Absolut. Die Musik des Barocks und auch der Klassik hat viele derbe Züge. Bei Mozart wird oft behauptet, er hätte am Tourette-Syndrom gelitten oder war auf andere Weise gestört, ich denke, er war für die Zeit ganz normal. Es war eine sehr verspielte, alberne, neckische Zeit, die Tradition des Schäferspiels war noch lebendig! Später hat man versucht, dem mit einer extremen Bürgerlichkeit entgegenzutreten. Das hat sich in die Musikausübung übertragen: Ab Schumann hatte man gewisse Heroen, verehrte auf ernsthafte Weise die Helden der Vergangenheit, etwa Johann Sebastian Bach. Die Musik wurde ernst vermittelt, also hieß es irgendwann auch „Ernste Musik“. Dabei hat man vergessen, dass Musik immer aus dem Impuls des Lebendigen entsteht. Das Element des „Erhabenen“ ist nur eines von vielen. Ich bin sehr interessiert an diesem Element – bei einem Adagio von Mahler bekomme ich keinen Lachkrampf –, aber der Ausgleich zwischen dem Erhabenen und dem Humoristischen ist wichtig.

Setzen Sie Humor bewusst als Provokation ein?
M.E.: Wenn alles in eine Richtung geht, muss man eine klare Gegenrichtung gehen. Wäre die Neue Musik heute reines Halligalli, würde ich ihr gewiss etwas ganz Seriöses entgegensetzen. Die Aufgabe des Humors ist, eine Situation, die eigentlich unerträglich ist, zu durchbrechen, indem man sie bis zur Absurdität übersteigert. Das Lachen darüber hat etwas sehr Befreiendes. Lachen ist ein intelligenter Akt. Es ist gleichzeitig Lebensfreude und das Verständnis, dass nicht immer alles so ist, wie die Leute sagen. Es öffnet neue Wege. Herrscht nur Erhabenheit, regiert ein Ernst wie beim religiösen Fanatismus, das Lachen dagegen ist anarchisch.

Tatsächlich gibt es in jeder Religion und jeder Diktatur Lachverbote. Drastisch könnte man sagen, dass Fundamentalismus dort beginnt, wo man das Lachen über den eigenen Gegenstand verbietet?
M.E.: Richtig. Auch die Neue Musik hat fundamentalistische Züge. In den 50er- und 60er-Jahren hat man radikale Dekrete erlassen, wie Musik zu sein hat. Im Dritten Reich war Musik verboten, die „entartet“ war, und danach war plötzlich nur noch richtig, was „entartet“ war, und alles andere verboten – was genauso schwachsinnig ist.

Sie karikieren oft die eigene „Zunft“? Wie kommt das an?
M.E.: Zum Teil sehr schlecht, aber mit diesem Risiko muss man leben. Es gibt auch den geschmacklosen, den grenzüberschreitenden Witz wie etwa bei Monty Python, den ich persönlich aber ebenfalls als befreiend empfinde. Provokation ist ein Versuch der Kommunikation: Man mischt auf und lädt die anderen zu einer Reaktion ein. Ich hasse oder verachte die Neue Musik ja nicht oder bin frustriert – wie mir immer wieder vorgeworfen wird –, sie ist ja mein Beruf. Aber ich bin der Hofnarr, der auf Kaisers neue Kleider zeigt, der immer wieder fragt, ob etwas so sein muss, wie es ist.

Komponieren zeitgenössische Komponisten nur deshalb selten humoristische Werke, weil dramatische Werke höheres Ansehen genießen?
M.E.: Man darf nicht vergessen, dass leider mit dem Dritten Reich viel großartiger deutscher Humor verloren gegangen ist, weil dieser sehr von jüdischen Künstlern geprägt war. Vor den Nazis gab es tolle deutsche Filmkomödien, Künstler wie Ernst Lubitsch oder Billy Wilder. Durch deren Auswanderung oder Verfolgung wurde es trüb.

Wegen des Schocks des Nationalsozialismus – „Darf nach Auschwitz noch gelacht werden?“ – haben wir Deutschen vielleicht insgesamt ein seltsames Verhältnis zu unserem Humor gefunden?
M.E.: Wenn ich heute ein Konzert gebe, wird in der Ankündigung oft gesagt: „Es darf auch gelacht werden!“ Das ist die typisch deutsche Kommando-Komik, wie das Ta-Taa im Fasching. Für mich gibt es großartige humoristische Momente in der klassischen Musik. Etwa bei Beethoven, dessen Humor zwar nicht so schenkelklopfend daherkommt, aber wenn man gut zuhört, wahnsinnig komisch ist. Ich sitze im Konzert und lache und freue mich, dass dieser Mensch so viel Humor hatte. Um mich herum sitzen lauter in Ehrfurcht versteinerte Greise, dabei ist diese Musik nie so gemeint gewesen. Es ist die deutsche Art, immer nur das Tragische, das Ernste zu sehen, was uns manchmal vielleicht geholfen hat. Während andere sich dachten: „Jetzt feiern wir mal weiter!“, haben die Deutschen an die Zukunft gedacht – wie im Märchen von den drei kleinen Schweinchen, wo das eine an die Zukunft denkt und ein festeres Haus baut. Das hält vielleicht länger, dafür haben wir mehr Arbeit und sind bedrückter. Gleichzeitig sehnen wir uns spätestens seit Goethe nach italienischer Lebensart. Ich würde mir wünschen, dass mehr deutsche Künstler wieder den Mut haben, dieses Dolce Vita, diesen Witz zu suchen und in die Kunst zu bringen.

Aktuelle CD:

Peter Schöne &
Moritz Eggert:

„Der Klang des Denkers.
Vertonungen von Gedichten Friedrich Nietzsches“

(radiobremen)
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