Mozart heilt

Musik heilt. Auch die Deutsche Herzstiftung hat unter dem titel

Dass klassische Musik eine beruhigende Wirkung hat, ist bekannt. Immer mehr Studien belegen nun, dass sie auch bei ernsthaften Krankheiten hilft.

Behutsam schiebt Maria Biehl ihren Rollator ins Musikzimmer­ der Münchner Paracelsus-Klinik. Die betagte Patientin leidet an schwerem Rheuma – und bekämpft ihre Krankheit mit klassischer Musik. In diesem „singenden Krankenhaus“ intoniert sie unter fachkundiger Anleitung klassische Lieder. Seither hat sie weniger Schmerzen und kann ihre Medikamentendosis reduzieren.

Eine ganz neue Wissenschaft – die Neuromusikologie – setzt bei vielen psychischen und körperlichen Krankheiten auf den gezielten Einsatz von Musik – mit erstaunlichen Heilerfolgen. „Musik hat zweifellos günstige Effekte bei Ängsten, Depressionen und Erkrankungen des Herz-Kreislauf-Systems“, schreibt Mediziner und Profi-Geiger Hans-Joachim Trappe in der „Deutschen Medi­zinischen Wochenschrift“. Klassische Musik­ steigert zudem Konzentration, Gedächtnis, Krea­tivität und Tatkraft und beeinflusst das Immunsystem positiv. Auch bei Schmerzen, Stress und Schlafstörungen ist sie hilfreich. Das „Arioso aus der Kantate Nr. 156“ von Johann Sebastian Bach wirkt zudem nachweislich gegen Nervosität.

Doch damit nicht genug. Musik wirkt auf vielen Ebenen. So lässt sich mit dem Vorspielen­ von Sonaten der Gesundheitszustand von Parkinson-Kranken verbessern. Verschiedene Untersuchungen haben gezeigt, dass sich die meist stark reduzierte Schrittlänge der Kranken vergrößert und die Gehgeschwindigkeit steigert, wenn die Patien­ten ihre Bewegungen auf einen akustischen Taktgeber abstimmen.

Der Chicagoer Neurologe John Hughes wiederum hat bei Epilepsie-Patienten festgestellt, dass eine bestimmte Sonate für zwei Klaviere von Mozart nicht allein die im EEG gemessene Hirnstromaktivität normalisieren kann, sondern tatsächlich auch die Zahl der Anfälle senkt.

Mitreißende Opernmusik wie Puccinis „Nessun Dorma“ erweist sich als ideal für die Rehabilitation nach einem Schlaganfall. Diese nämlich senkt Herzschlag und Blutdruck, fand Luciano Bernardi von der Universität Pavia heraus.

„Sogar Koma-Patienten kann geholfen werden“, schwärmt Dominik Traub vom Schweizerischen Fachverband für Musiktherapie. Wenn er den Kranken etwas vorsingt, reagieren manche mit rhythmischen Bewegungen. Diese Nervenstimulation könne die Rehabilitation der Hirnverletzten fördern.

Wie vielfältig sich Musik einsetzen lässt, zeigt sich im Sportkrankenhaus Hellersen in Lüdenscheid. Dort erhalten Patienten vor einer Operation einen Kopfhörer, um Musik zu hören. Bis zu 50 Prozent weniger Beruhigungsmittel, so der Anästhesist Ralph Spintge, brauche man bei den Eingriffen. Und auch nach den Operationen treten weniger Komplikationen auf.

Dabei war es lange Zeit strittig, ob eher die Lieblingsmusik erklingen sollte oder klassische Stücke, die aufgrund ihrer musikalischen Struktur auf die meisten Menschen eine beruhigende und pulssenkende Wirkung zeigen. Eine Studie des Musikpsychologen Wolfram Goertz mit Herzkatheter-Patienten spricht für den Einsatz von Mozart und Bach – auch bei denjenigen Patien­ten, die sonst lieber Rockmusik hören. Derlei Forschungsergebnisse werden auch durch einen weiteren besonders verblüffenden Effekt der Klassik gestützt, den Kinderärzte im Tel Aviv Sourasky Medical Center­ entdeckten. Dort liegen in Brutkästen Frühchen. Eine dieser Frühgeburten war beispielsweise mit einem Gewicht von weniger als 400 Gramm auf die Welt gekommen. Normalerweise gelten solche Babys nicht als lebensfähig. Das Baby durfte täglich 30 Minuten lang Mozart hören – und überlebte.

Dieser Fall ist nur einer von 20 gesunden Frühchen, die der Kinderarzt Dror Mandel für eine Studie in zwei Gruppen teilte: Die eine­ bekam jeden Tag eine halbe Stunde lang Mozart-­Sonaten vorgespielt, die zweite lag einfach ohne Musik ruhig im Bett. Der Vergleich des Energieverbrauchs der Kinder vor und nach dem Konzert ergab ein klares Bild: Wenn die Kleinen der Musik gelauscht hatten, nahmen sie schneller zu. Dies macht die Babys offenbar robuster und schützt sie vor Infektio­nen und Entwicklungsstörungen. Nun wollen die Forscher herausfinden, ob andere Komponisten eine ähnliche Wirkung erzielen.

Dass Mozarts Musik etwas ganz Besonderes ist, wurde bereits seit 1993 vermutet. Damals ging eine Meldung durch die Presse, die weltweit für Furore sorgte. Ein US-Forscherteam hatte festgestellt, dass man eine verbesserte Gehirnleistung erzielen kann, wenn man sich ausgiebig Musik von Mozart und klassische Stücke im Allgemeinen anhört. Besonders die Mozart Sonate in D-Dur, KV 448 erbrachte eine deutliche Leistungssteigerung bei der Raumvorstellung. Die Sonate­ wirkte sogar im Tierversuch: Ratten, die damit beschallt wurden, meisterten ein Labyrinth schneller als Ratten, die andere oder keine Musik zu hören bekamen.

Dieser „Mozart-Effekt“ schlug Wellen sogar bis hinauf in die Politik: 1998 veranlasste der Gouverneur von Georgia, dass jede Mutter eines Neugeborenen im US-Bundesstaat eine Klassik-CD erhielt, um die Intelligenz ihres Kindes zu steigern. Die Studie zog zahlreiche Untersuchungen nach sich, doch der behauptete Mozart-Effekt bestätigte sich nur manchmal. Und so bleibt der Streit, ob Mozart wirklich intelligent macht, bis heute unentschieden.

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Kommentare

  1. 31. Oktober 2013 at 12:10

    Es ist nicht nur die klassische Musik, die Körper, Geist und Seele bei der Selbstregulation und Selbstheilung unterstützen kann. Jede Musik wirkt irgendwie auf uns fördernd, hemmend oder lässt uns scheinbar unberührt. Alternative medizinische Methoden wie z. B. die Kinesiologie nutzt die Musik therapeutisch. Dass Musik die ganze Persönlichkeit eines Menschen fördern kann, zeigt meine langjährige Erfahrung als Coach. Musik spricht scheinbar unmittelbar die Seele des Menschen an und dadurch kann so einiges blockierte in unserem Leben wieder zum fließen kommen. Ich denke, das die Forschungen über die Wirkung der Musik die Medizin in den nächsten Jahren sehr positiv verändern wird.

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