Murray Perahia: „Rockmusik stumpft ab“

(Murray Perahia, Foto: Chris O'Donovan)

Brexit, muslimische Demos in der Innenstadt und Rockgeschichte um die Ecke. Die Welt des Murray Perahia bleibt unverändert: die gute, alte Musik. Ein Hausbesuch in London.

crescendo: Herr Perahia, zwei Häuser weiter wohnte in den 1960ern Paul McCartney, nebenan sind die Abbey Road und die EMI Studios. Man könnte sagen, wir befinden uns im Epizentrum des Pop – können Sie mit dieser Musik was anfangen?
Murray Perahia: Na ja, Sie können sich vorstellen, dass mich all das nicht wirklich interessiert. Ich bin nicht aus diesem Jahrhundert. Und auch nicht aus einem Teil des letzten Jahrhunderts.

Aber ist es nicht wichtig, die Musik der eigenen Zeit zu kennen? Ein Großteil des Publikums oder auch von Kritikern sind mit Rockmusik aufgewachsen…
MP: Ja, leider. Und ich glaube fest, dass sie das daran hindert, die Feinheiten der Klassik wahrzunehmen. Der gleichförmige Beat der Rockmusik lässt keine Flexibilität zu. Die extreme Lautstärke und Schlichtheit dieser Musik stumpft die Menschen ab. Sie nehmen nur äußerliche Dinge wie die Virtuosität oder die Melodie wahr – alles andere fällt hinten runter. So bleiben Menschen auf einem, sagen wir mal, kindlichen Niveau, denn sie können ihren Geist an dieser Musik nicht weiterentwickeln. Wirkliche Strukturen in der Musik hören sie nicht. Schlimmer noch: Sie langweilen sich bei wirklich großer Musik. Deshalb wollen sie auch immer wieder etwas „Neues“ entdecken.

Wenn ich Sie so höre, denke ich an Ihren Landsmann Ivor Bolton, der in einem Interview auf die englischen Sozialisten schimpfte, weil sie die Grammar Schools abschaffen wollen, die „die Stupidifizierung der Masse“ fördern.
MP: Es stimmt, was er sagt. Auf den kostenlosen Grammar Schools bekam man eine humanistische Ausbildung. Heute tut man auf den britischen Schulen einfach zu wenig. Besonders auch in Bezug auf Musik: Die Kinder sollten von klein an Mozart hören, um ihr Gehör zu schulen, zu sensibilisieren, um das Subtile erkennen zu lernen. Wenn ein Kind erwachsen geworden ist, ist es meistens schon zu spät.

Erinnern Sie sich noch, wie Sie mit Anfang 20 in den frühen 1970ern aus New York nach London kamen?
MP: 1972 war ich erster Preisträger des Internationalen Klavierwettbewerbs Leeds. Ich war Mitte 20 und fand das Land einfach wunderbar. Die BBC hatte damals eine so bedeutende Stellung, sie hat alle Komponisten, egal welcher Stilrichtung, gefördert und deren Werke aufgezeichnet. Ständig war man neugierig, wer was komponiert hatte. Ob Michael Tippett oder Benjamin Britten, der allerdings schon 1976 starb. Das gibt es alles heute nicht mehr.

Haben Sie Britten kennengelernt?
MP: Ich lernte ihn im Rahmen des Wettbewerbs in Leeds kennen. Er war schon krank und hat dann bald einen leichten Schlaganfall erlitten. Ich wollte wissen, wie ein Komponist Klavier spielt, wie sein Zugang ist, wie er denkt. Britten war ja selbst auch ein ausgezeichneter Pianist. Als erster Preisträger bekam ich dann Gelegenheit, beim Aldeburgh Festival aufzutreten, der Heimat von Benjamin Britten. Später traf ich ihn zum Lunch, ich war nervös, doch er nahm mir jede Verlegenheit. Wir hörten gemeinsam sehr viel Musik, er sagte mir nur, er sei kein Klavierlehrer. Dennoch lernte ich viel von ihm.

Was genau war das?
MP: Er war dem Geheimnis Musik nah. Er hat meinen Zugang zum Klavier sehr geprägt. Der Kontrapunkt war für ihn die Basis, um Musik zu verstehen. Die Musik von Bach ganz existenziell. Auch für mich ist sie es. Mich interessiert, an ihr zu erfahren, wie der Kontrapunkt zur Harmonie wird. Das ist essenziell. Deshalb betone ich mehr das lineare, das melodische Element als das vertikale, das kontrapunktische. Für mich ist es wichtig, den Punkt zu finden, an dem die Stimmen zueinandergelangen. Dennoch müssen die Hände unabhängig bleiben. Ich blieb übrigens mit Peter Pears in Verbindung, weil ich ihn auch sehr bewunderte. Und da Britten aufgrund seines Schlaganfalls nicht mehr spielen konnte, wurde ich zu Pears’ Begleiter.

Ein weiterer Musiker, der Sie prägte, war Pablo Casals.
MP: Das war noch früher, ich war gerade 17 Jahre alt, lebte noch in den USA und war auf dem Marlboro Music Festival. Auch er hatte großen Einfluss auf mich, obwohl er ein Cellist war, gleichzeitig auch ein hervorragender Pianist. Jeden Tag begann er mit einem besonderen Werk: einer Partita oder einer Suite von Bach.

Ein wirkliches Erinnerungsstück aber blieb Ihnen von Vladimir Horowitz.
MP: Ja, sein Klavierschemel. Den hat er mir testamentarisch vermacht.

Sie waren auch zu seinen Lebzeiten der einzige Pianist, der auf seinem Steinway-Flügel spielen durfte, den die Firma dem Pianisten und seiner Frau Wanda, der Tochter von Arturo Toscanini, 1943 zur Hochzeit schenkte. Es heißt, Sie hätten das Instrument nicht in den Griff bekommen, wegen der soften Regulierung?
MP: Die Tasten von Horowitz’ Flügel übten kaum Widerstand aus. Aber das hat seinem Spiel offenbar nicht geschadet. Er war ein begnadeter Pianist. Benjamin Britten sagte: Musik kommt eben nicht aus den Fingern, sondern aus dem Inneren. Das ist schwer in Worte zu fassen.

Wenn ich mir die Autoren in Ihrer Bibliothek so anschaue: Elias Canetti, T. C. Boyle, Amos Oz … Bildbände von Rembrandt, Caravaggio…
MP: Ich lese sehr viel. Ich liebe es, Partituren zu analysieren; die Musikwissenschaft ist für mich sehr wichtig und sehr interessant. Die Schriften und Analysen von Heinrich Schenker waren ganz prägend für meine Interpretationen.

Kann zu viel Intellekt kontraproduktiv für die Interpretation sein?
MP: Nur ein bisschen. Man könnte, wenn man sich zu viele Gedanken macht, vielleicht manchmal etwas verkrampft auf der Bühne wirken. Trotzdem soll der Künstler alles über die Musik, die er macht, wissen und verstehen. Dabei geht es gar nicht so sehr um den Intellekt, sondern um das Ohr. Junge Interpreten gehen oft nur vom Gefühl aus. Doch auf der Basis eines Gefühls kann man keine Vision aufbauen. Dies kann man erst, wenn man um die Struktur, den Kontrapunkt, die harmonischen Regeln eines Werkes weiß.

Was wünschen Sie sich 2017 zu Ihrem 70. Geburtstag?
MP: Dass ich dem Geheimnis der Musik noch näherkomme.

Termine:
6.2.2017: Düsseldorf, Tonhalle
19.3.2017: München, Philharmonie
21.3.2017: Berlin, Philharmonie
5.6.2017: Hamburg, Laeiszhalle

Aktuelle CD:

Johann Sebastian Bach:
„The French Suites“
Murray Perahia

(DG)
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