Musik an der See mit dem Baltic Sea Philharmonic Orchestra

(Baltic Sea Philharmonic Orchestra)

Unterwegs mit dem Baltic Sea Philharmonic Orchestra, das mit Kristjan Järvi und Gidon Kremer zwei sehr prominente Leiter vorweisen kann.

Vielleicht ist es der Wind, der einem immerzu salzig und kühl um die Nase weht. Vielleicht aber ist es auch die See, deren Wogen brechen und wallen. Was den baltischen Geist letztlich ausmacht, bleibt ein Rätsel. Fest steht: Er wird geprägt vom Leben in der Nähe des Meeres und der archaischen Schönheit der Natur. Dieser Geist verbindet, auch über Ländergrenzen hinweg, und trifft er auf Musik, so beginnt er zu strahlen. Die Baltic Sea Music Education Foundation pflegt das Zusammenspiel aus Natur und Kultur schon länger. Seit Ende 2015 gibt es nun auch das Baltic Sea Philharmonic, ein Orchester, das unter der Leitung des Dirigenten Kristjan Järvi junge Musiker aus zehn Ländern der Ostseeregion zusammenbringt und in konzentrierten Probenphasen außergewöhnliche Konzertprogramme erarbeitet. Im September war das junge Ensemble zur Baltic Sea Discovery Tour aufgebrochen und hat von Litauen über Russland bis Deutschland Städte an den Küsten bereist. Im Gepäck: das Violinkonzert von Mieczysław Weinberg und Werke rund um das Thema „Schwan“. Im zweiten Teil der Reise mit an Bord: Gidon Kremer und einige Musiker seiner Kremerata Baltica.

Mit Kristjan Järvi und Gidon Kremer prägen in diesen Tagen zwei musikalische Lichtgestalten die Arbeit des Baltic Sea Philharmonic, die – zumindest auf den ersten Blick – unterschiedlicher kaum sein könnten. Järvi, ein drahtiger Amerikaner Anfang 40, der die Musik mit dem gesamten Körper einfordert, der rockt und springt und lauthals lacht auf der Bühne und spätestens bei den Zugaben des Orchesters nicht selten ins Publikum hüpft und die Zuschauer zum Tanzen animiert. „Seriöse Musik – was soll das bitte sein?“, fragt Järvi in der Lobby eines Danziger Hotels und fährt sich schwungvoll durch die schulterlangen Haare. „Seriös ist alles, was man mit Liebe macht.“ Seine estnischen Wurzeln kultiviert er natürlich als Leiter des Baltic Sea Philharmonic: „Letztlich geht es bei unserem Projekt um das, was unsere menschliche Natur ausmacht – jenseits der Leistungs- und Ellbogengesellschaft, verbunden mit dieser Erde, mit der Kraft unserer Umwelt.“

Und dann Gidon Kremer, der 69-jährige Geigenvirtuose aus Lettland und Leiter der längst legendären Kremerata Baltica, die bald ihr 20-jähriges Jubiläum feiert. Kremer ist ein leiser, freundlicher und bestimmter Musiker, ein weiser Denker und kritischer Freigeist, der die Gefälligkeit scheut. „Ich suche nach ungewöhnlichen Projekten und nach vernachlässigten Werken wie dem Weinberg-Konzert“, sagt Kremer. Steht der Geiger auf der Bühne, ist kein Ton ohne Seele und keine Geste zu viel. Kremer sagt: „Ich finde nicht, dass Musik zur Unterhaltung da ist. Wenn ich spiele, möchte ich den Menschen etwas mitgeben und ihnen einen tieferen Sinn in der Musik aufzeigen. Das ist eine große Verantwortung, die wir als Musiker hier haben.“

Was Järvi und Kremer eint, ist eine humanistische Vision von Musik. „Und die Reaktionen der Zuhörer sind fantastisch“, sagt Järvi. Erst am Abend zuvor hat es die Konzertbesucher im Saal des Europäischen Solidarność-Zentrums in Danzig kaum mehr auf ihren Sitzen gehalten.

Mittlerweile sind die Instrumentalisten längst in Kopenhagen angekommen, gerade sitzen sie im Probenraum des Konzerthaus Kopenhagen, wenig später werden sie auch hier abermals die Zuhörer begeistern. Musiker wie der russische Klarinettist Alexey Mikhaylenko, 30 Jahre alt, der die „ganz besondere Atmosphäre des Orchesters“ schätzt und „die unglaubliche Energie von Järvi“. Oder Musiker wie Nils Bieswig, ein 27-jähriger Bratscher aus Detmold, oder Miranda Erlich, eine 20-jährige Kontrabassistin aus Karlsruhe – beide sind sie erst kurz dabei, beide haben sie bereits ungemein viel gelernt. „Die Zusammenarbeit mit Gidon Kremer ist großartig“, sagt Erlich. „Er hat eine solche Erfahrung, kann uns so vieles zeigen und spüren lassen – das ist ein Geschenk.“ In diesem Augenblick sitzt der Virtuose von Weltrang im Jeanshemd und Dreitagebart neben Järvi vor dem Orchester und setzt an zum ersten Satz des Weinberg-Konzerts. Immer wieder hält er leise Zwiesprache mit dem Dirigenten, dann grinst er zufrieden in die Menge und hebt den Bogen.

„Wir suchen nach Persönlichkeiten, nach Musikern mit Charisma, die offen sind füreinander“, hat Järvi die Idee des Baltic Sea Philharmonic beschrieben. Und Kremer sagt: „Wenn es um Musiker geht, urteile ich nach Tönen und nach Augen.“ Kristjan Järvi, Gidon Kremer und ein bunter Haufen junger Musiker. Die Reisegefährten könnten unterschiedlicher kaum sein. Ihr Geist aber ist derselbe.

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