Musik aus dem Kleinen

Paavo Järvi über Beethoven 

Seit langem gehört Paavo Järvi zu den weltweit gefragtesten Dirigenten und ist bei den bedeutendsten Orchestern zu Gast. Nun hat er erst einmal Beethoven mit der Bremer Kammerphilharmonie aufgenommen. Ein Interview.

crescendo: Herr Järvi, wie wichtig ist der Spagat zwischen großen und kleinen Ensembles?

Paavo Järvi: Als Dirigent merkt man ziemlich schnell, dass man nur mit Orchestern experimentieren kann, die experimentieren wollen. Die Größe eines Ensembles ist dabei nur eine Sache, viel wichtiger ist der Geist des Orchesters. Gruppen wie die Bremer Kammerphilharmonie fallen aus dem Mainstream der oft sehr bürokratischen Orchesterlandschaft, weil sie selbstverwaltet sind, keine Gewerkschaft haben, und weil jeder einzelne Musiker künstlerisch Verantwortung trägt.

crescendo: Sie sind ja nicht der einzige Dirigent, der in kleinen Ensembles Inspiration findet und am Klang tüftelt. Selbst Haudegen wie Claudio Abbado oder Daniel Barenboim leben nach einer Weltkarriere mit großen Orchestern in der Subkultur der jungen und kleinen Ensembles wieder auf.

Järvi: Aber das ist doch ganz klar. Mit diesen Ensembles kehren selbst Star-Dirigenten zu den Anfängen ihrer Karriere zurück. Hier entdecken sie die Gründe wieder, warum sie sich irgendwann einmal dafür entschieden haben, Musik zu machen. Hier finden sie direkte Begeisterung und müssen sich nicht erst mit organisatorischen Nebensachen, mit Tarifverträgen, Probezeiten und Gewerkschaftsbedenken aufhalten, sondern kommen, machen Musik und finden hungrige Musiker, mit denen sie sich austauschen können.

crescendo: Als ich gehört habe, dass Sie Beethoven aufnehmen, habe ich gedacht: “Oh Gott, noch ein Beethoven! Wer braucht das?” Nach dem Hören war ich überzeugt: so habe ich die dritte Sinfonie noch nie gehört.

Järvi: Das freut mich sehr. Aber Sie haben natürlich Recht. Auf den ersten Blick brauchen wir keinen neuen Beethoven. Plötzlich merkt man allerdings, dass es doch noch was zu sagen gibt – selbst über die dritte Sinfonie. Dass wir in einer neuen Zeit leben, die Tradition kennen und ein weiteres Kapitel aufschlagen können. Beethoven ist dann kein Standard-Reperoire mehr, sondern eine echte Neuentdeckung, die man nicht aufnehmen kann, sondern aufnehmen muss. Wir haben mit der Kammerphilharmonie 12 Jahre lang immer mal wieder Beethoven aufgeführt, und es gab im Orchester ein Faible für seine Musik – deshalb haben wir ihn uns nun noch einmal richtig vorgenommen.

crescendo: Wie entsteht ausgerechnet bei der “Eroica” so etwas wie ein neuer Klang?

Järvi: Hauptsächlich durch die Begeisterung für die Musik. Viele Musiker großer Orchester sind bei großen Werken ziemlich skeptisch geworden, oder sagen wir lieber: routiniert. Sie denken, daß sie jede Note kennen und wissen, wie jeder Takt angelegt werden muß. Wenn man ihnen dann bei den Proben in die Augen schaut, ist da immer ein Funkeln von Skepsis. Es ist da eine fast religiöse Haltung mit dem credo: Wir haben das schon immer so gemacht, und es wird auch immer so bleiben. Aber es gehört eben mehr zur Musik als sich auf eine Interpretation festzulegen. Viel wichtiger ist das dauernde Befragen der Musik. Dazu ist Offenheit nötig. Und diese Offenheit ist in Bremen sehr ausgeprägt.

crescendo: Das mag daran liegen, daß es bei diesem Orchester keine Tradition gibt, die sie auf frühere Interpretationen berufen kann.

Järvi: Wenn man sich Furtwänglers, Knappertsbuschs oder Kleibers Beethoven anhört, gibt es da nicht Unauthentisches – und sie stehen auch heute noch im interpretatorischen Raum. Für jedes Orchester. Sie sind ja als Revolutionäre bekannt geworden. Aber sie haben ihren Stil nie als Dogma begriffen, sondern als selbstverständlichen Beitrag zur Interpretationsgeschichte. Die Dogmatik ist erst in der Rezeption dazugekommen. Diese Dirigenten haben Beethoven nicht neu erfunden, sondern ihn selbst nur aus einer Tradition heraus gespielt. Eine Tradition, die sie befragt und gebrochen haben.

crescendo: Und wie gehen Sie mit dieser Tradition um?

Järvi: In den Proben in Bremen haben wir uns manchmal den Spaß gemacht und das gleiche Stück in verschiedenen Karikaturen gespielt: Mal so, wie es Furtwängler dirigiert hätte und dann wie Böhm es gemacht hätte. Nicht, weil wir das gut finden, sondern weil wir Spaß an der Tradition haben. So finden wir heraus, warum Furtwängler sich in der “Eroica” so viel Zeit genommen hat – nicht aus Effekt, sondern aus dramaturgischer Überzeugung. Wir fragen uns nach dem “warum” und suchen nach neuen Wegen. Inzwischen musizieren wir doch in einer Zeit, in der wir sowohl Respekt vor den alten Meistern haben, sie aber gleichzeitig auch befragen können. Es geht nicht um den Bruch mit der Tradition, sondern um ihre Fortführung.

crescendo: Tradition ist zum Kampfwort der Klassik geworden: Entweder soll sie bewahrt werden, oder man will nichts mit ihr am Hut haben.

Järvi: Jede Form von Dogmatik widerspricht dem musikalischen Geist. Sobald man nicht fragt, sondern weiß, klingt die Interpretation nicht mehr authentisch. Es ging auch Furtwängler nie darum, zu schocken, einen neuen Klang zu formen, sondern es ging ihm und die Lesart von Beethoven in seiner Zeit. Am Anfang stand für ihn immer der Klang, die Musik, und nicht das künstlerische Ego. Heute hat sich das zuweilen etwas verschoben, wenn Musiker auf Tricks und Effekte setzen, nur um anders zu klingen als alle Musiker vor ihnen. Wenn man Tradition als Gesetz begreift, ist das genau so schlimm, als wenn man die Tradition ganz brechen will. Wer eines von beidem tut, sucht letztlich nur eine Entschuldigung für seine intellektuelle Faulheit. Musik ist Tradition und die Fortführung von Tradition.

crescendo: Alles andere wäre also eine Revolution ohne Anlass oder die Errichtung eines klingenden Musik-Museums?

Järvi: Die sogenannte Traditionspflege ist ja nicht einmal ein Museum. Dort werden immerhin Originale ausgestellt. Aber was ist denn das Mozart-Original? Mein Lehrer am Curtis-Institut hat gern gesagt: “Die Wiener Philharmoniker haben den Mozart-Klang gepachtet. Mich würde einmal interessieren, welcher Musiker denn schon unter Mozart gespielt hat.” Tatsächlich ist es doch so, dass Josef Krips die große Mozart-Tradition in Wien gegründet hat – und das war in den 40er Jahren. Darin liegt der Betrug der sogenannten Museums-Musiker.

Das Gespräch führte Axel Brüggemann.

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