Ist Musik weiblich? Da regt mich ja schon die Frage auf!

(Drag Queen, Foto: Leland Bobbé)

Frauen waren zu allen Zeiten an allen Orten Teil des Musiklebens. Doch lange kamen sie in der Musikgeschichte kaum vor. Das ändert sich gerade. Zu Recht?

In der Süddeutschen Zeitung vom 19. Dezember 2016 konnte man folgende Nachricht lesen: „Kaija Saariaho ist die zweite Komponistin, von der ein Werk an der Metropolitan Opera in New York aufgeführt wird. (Die erste war Ethel Smyth mit ihrer auf Deutsch getexteten Oper ‚Der Wald‘; das war 1903.) Die wie Saariaho aus Finnland stammende Dirigentin Susanna Mälkki wiederum ist die vierte Frau, die in der Geschichte des Hauses am Pult stehen darf.“

„Man sieht: Die Gleichstellung der Geschlechter schreitet rasant voran!“ So der sarkastische Kommentar einer Kollegin.

Vorbei sind die Zeiten, in denen eindeutig schien, wer als Mann, wer als Frau galt, in denen Gleichstellungspolitik und Geschlechterforschung an einem Strang zogen und für Chancengleichheit kämpften. Vorbei sind auch die Zeiten, in denen theoretisch fein säuberlich zwischen sex (biologischem Geschlecht) und gender (sozialem Geschlecht) unterschieden wurde. Nicht vorbei ist hingegen, dass Jahr für Jahr pünktlich zum internationalen Frauentag am 8. März auf den Gendergap, also die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern, verwiesen wird. Nicht nur nicht vorbei, sondern immer aktueller ist, dass wir Tag für Tag nicht nur im Fernsehen und im Kino, sondern hautnah mit Menschen anderer Kulturen konfrontiert sind, für die Gleichberechtigung nach westlichen Vorstellungen kein Thema ist. Und dennoch wütet die neue Rechte gegen die Geschlechterforschung, spricht ihr ab, Wissenschaft zu sein.

Und was hat das alles mit Musik zu tun? Bleiben wir auch im „postfaktischen“ Zeitalter bei den Fakten: Bereits in der bürgerlichen Frauenbewegung der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, erst recht in der neuen deutschen Frauenbewegung Ende der 60er-Jahre des 20. Jahrhunderts wurde gefragt: Warum hört man so gut wie nie Musik, die Frauen komponiert haben? Warum findet sich in allgemeinen Musikgeschichtsdarstellungen kaum ein weiblicher Name? Denn diese mangelnde Hör- und Sichtbarkeit war alles andere als selbstverständlich. Im 19. Jahrhundert war es gerade der Bereich der Musik, in dem bürgerliche Frauen zuerst die Chance auf eine professionelle Ausbildung zumindest im Gesang und im Klavierspiel hatten und damit die Möglichkeit, sich auf dieser Basis eine eigenständige berufliche Existenz aufzubauen, während sie zum Universitätsstudium erst um die Wende zum 20. Jahrhundert, so etwa in Preußen 1908, zugelassen wurden.

Da die „Frauenmusikbewegung“ in den 1970er- und 80er-Jahren nicht von Seiten der Wissenschaft, sondern von der künstlerischen Praxis ausgelöst wurde, schaute man zunächst ausschließlich nach Komponistinnen, deren Werke man wieder aufführen konnte. Der Blick zurück war jedoch von vornherein mit dem Bemühen verknüpft, auch zeitgenössischen Komponistinnen ein Forum zu schaffen. Das zeigten die nicht zufällig nicht von Wissenschaftlerinnen, sondern von Sängerinnen initiierten und organisierten Festivals Ende der 1980er-Jahre. Archive wurden aufgebaut, erst im eigenen Arbeitszimmer, dann auch mit kommunaler Unterstützung. Erste Verzeichnisse und Lexika erschienen. Auch ein Verlag, der sich ausschließlich der Publikation von Werken von Frauen widmete, wurde gegründet.

Die erste Phase war gekennzeichnet durch eine fruchtbare Zusammenarbeit zwischen Musikerinnen, Journalistinnen und Redakteurinnen, einer Verlegerin und Wissenschaftlerinnen. Selbst der Bayerische Rundfunk veranstaltete 1993 im Gasteig in München ein Symposion und ein live übertragenes Forum zum Thema: „Hat Musik ein Geschlecht?“ Es wurde von Martha Mödl dominiert, die – sich im Ruhme einer großen Sängerinnenkarriere sonnend – unter dem Beifall der ZuhörerInnen die Ausgangsfragestellung kurzerhand für gegenstandslos erklärte. Erste wissenschaftliche Veröffentlichungen zu Beginn der 1980er-Jahre verschwanden in Bibliotheken in neu eingerichteten Nischen unter dem Stichwort „Frau und Musik“. Geschlecht galt nicht als eine zentrale Kategorie, die alle Aspekte des Lebens betrifft, sondern als ein Sonderforschungsbereich.

Nach einigen Jahrzehnten der Forschung wissen wir: Zu allen Zeiten und auf der ganzen Welt haben Frauen das Musikleben mitgetragen und mitgeprägt. Entstanden ist beispielsweise das Internetforum MUGI mit Lexikon und multimedialen Präsentationen. Es gibt zwei Forschungsinstitute, das Forschungszentrum Musik und Gender an der HMTM Hannover sowie das Sophie Drinker Institut in Bremen. Gedruckt wurde unter anderem das Lexikon „Musik und Gender“ sowie eine Buchreihe „Europäische Komponistinnen“. Aber wie die Musik klingt, die da ausgegraben wurde, wissen wir in vielen Fällen immer noch nicht. Wie ist das möglich?

Werfen wir noch einmal einen Blick zurück: Nach einer Phase des Suchens und Aufarbeitens war klar, einen weiblichen Beethoven würden wir nicht finden. Frauen schienen nichts „Wesentliches“ zur Musikgeschichte beigetragen zu haben. Versteht man hingegen Musikgeschichte als eine Geschichte des Musiklebens, dann wird ein ganzes Netzwerk von Menschen sichtbar, deren Arbeit mit einfließt in das, was wir ein musikalisches Werk nennen. Neben namhaften Komponisten treten Menschen „ohne Namen“, die Musik aufführen, sammeln, andere fördern, Aufträge vergeben, Räume zur Verfügung stellen, vermitteln und vieles mehr. Musik wird in diesem Kontext verstanden als vielfältiges Beziehungsereignis, ein verschriftlichtes Werk als Teil eines komplexen Gefüges, als Ergebnis und zugleich Ausgangspunkt der Zusammenarbeit vieler Menschen.

Untersuchungen zu geschlechterbezogener Metaphorik in Texten, seien es Kritiken, Rezensionen oder musikwissenschaftliche Veröffentlichungen, zu weiblich oder männlich konnotierten Instrumenten, zum „Gendering“ von Komponisten sowie Werkgattungen oder zu dialogischen Schaffensprozessen haben gezeigt, dass die Zuschreibungen männlich/weiblich mit Bewertungen verknüpft sind und dass diese Bewertungen nicht zu trennen sind vom Thema „Künstlerbild und Geschlecht“.

Für die deutschsprachige Diskussion ist ein Dilemma kennzeichnend: Die meisten Menschen, auch kultur- und sozialgeschichtlich orientiert Forschende, nehmen nach wie vor das biologische Geschlecht als gegeben an. Dagegen geht die an den US-amerikanischen Debatten orientierte Genderforschung von performativen Konstruktionen nicht nur bezogen auf das kulturelle Geschlecht aus, sondern inzwischen auch bezogen auf das biologische Geschlecht. „Doing gender“ ist das Stichwort. Geschlecht wird auch im Handeln hergestellt, nicht nur im Alltag, sondern beispielsweise auch in der Musik. Die Stimme eines Menschen als wesentliches Medium des „doing gender“ eröffnet inzwischen in allen Musikbereichen und besonders in der Popularmusik Spielräume für Geschlechtskonstruktionen und -kreuzungen im Rahmen der musikalischen „Performance“. Wie viele und welche Geschlechter gibt es? Ist die Differenz zwischen den Geschlechtern eine zwischen festen Kategorien, oder gibt es Überlagerungen oder so etwas wie ein Kontinuum zwischen den Polen? Hinzu kommen Ansätze, wie die der sogenannten Intersektionalitätsforschung. Diese fordert die Berücksichtigung weiterer Differenzkategorien wie soziale (class) und ethnische Herkunft (race) neben der Kategorie gender. Geschlechterforschung und Gleichstellungspolitik bewegen sich immer weiter auseinander.

Dennoch: „Die gesellschaftlich kollektiven Weiblichkeits- und Männlichkeitsbilder, die sich in literarischen, künstlerischen und massenmedialen Produktionen vermitteln, haben sich – allem sozialpolitischen Fortschritt zum Trotz – seit der letzten Jahrhundertwende kaum gewandelt“, so das ernüchternde Fazit von Bettina Pohle in ihrem 1998 erschienen Buch „Kunstwerk Frau. Inszenierungen von Weiblichkeit in der Moderne“ (S. 150). Das ist nun fast 20 Jahre her und könnte sich doch auf die Jetztzeit beziehen. Denn auch 2017 ist der politische Kampf um Gleichstellung in allen Bereichen – und das gilt selbst für Deutschland – nicht abgeschlossen. Er macht aus der Frage nach der Sichtbarkeit der künstlerischen Arbeit von Frauen und nach der Definitionsmacht von Medien ebenso wie der Musikgeschichtsschreibung aus Forschungsfragen stets auch gesellschaftspolitische Fragen. Klar ist also: Geschlechterforschung befasst sich immer kritisch mit Geschlechter- und Machtverhältnissen. Deswegen bekämpfen die neuen rechten Bewegungen unter anderem die Geschlechterforschung. Sie fordern ihre Abschaffung und diffamieren sie als unwissenschaftlich. Damit bedrohen sie auch die freie Entfaltung von Kunst und Wissenschaft. Setzen wir ihnen etwas entgegen!

Institutionen „Musik und Gender“:

Archiv Frau und Musik
www.archiv-frau-musik.de

Forschungszentrum Musik und Gender (fmg) an der Hochschule für Musik und Theater Hannover
www.fmg.hmtm-hannover.de

ForumMusikDiversität Schweiz
www.fmf.ch

Musik und Gender im Internet (MuGI)
www.mugi.hfmt-hamburg.de

Sophie Drinker Institut
www.sophie-drinker-institut.de

Buchtipp:

Annette Kreutziger-Herr und Melanie Unseld (Hrsg.):
Lexikon Musik und Gender.
Kassel, 2010

(Bärenreiter und Metzler)
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