Musik und Gender: Und was ist, wenn die Falten kommen?

(Dirigentin Joana Mallwitz, Foto: Nikolaj Lund)

Dirigentinnen sind genervt von den ewigen Fragen zu ihrem Geschlecht. Aber sie fallen noch auf – solange sie jung und hübsch sind.

Was für ein Skandal! Als eine der ersten Frauen am Pult der Berliner Philharmoniker präsentierte Lise Maria Mayer 1929 neben Werken von Beethoven und Weber auch ihre eigene Tondichtung Kokain. Viele Konzertbesucher gerieten in Rage. Weniger wegen der Musik, sondern weil sie vorn im Parkett keine Dame mit weißen Rosen erblickten. Mayers Ehemann hatte nämlich eine fingierte Heiratsanzeige aufgegeben, um Käufer für die teuersten Konzerttickets zu finden. Heute führen Auftritte von Dirigentinnen normalerweise nicht mehr zu Tumulten. Und doch haben diese Frauen mit Lise Maria Mayer eines gemeinsam: Sie sind gegenüber ihren männlichen Kollegen weiterhin deutlich in der Minderzahl.

Dass eine solche Ungleichheit im 21. Jahrhundert fortbesteht, erscheint skandalös. Das Lucerne Festival lud deshalb im vergangenen Sommer Dirigentinnen und Komponisten dazu ein, sich unter dem Motto „PrimaDonna“ gemeinsam vorzustellen. Das Interesse der Öffentlichkeit war offensichtlich groß. Doch ist die Geschlechterfrage für die Künstlerinnen selbst ein wichtiges Thema? Die einhellige Antwort darauf lautet: Nein!

„Ich wache ja nicht morgens auf und sage mir: Hey, ich bin eine Frau, meint die kanadische Sängerin und Dirigentin Barbara Hannigan in dem Film „Maestras – der lange Weg der Dirigentinnen ans Pult“, der am 11. März um 21.15 Uhr auf 3sat ausgestrahlt wird. „Mich macht es eher traurig, wenn mir die Frage gestellt wird, wie ich mich als Frau am Dirigentenpult fühle. In meinem Beruf spielt dieser Gedanke für mich überhaupt keine Rolle“, sagt Joana Mallwitz, seit der Spielzeit 2014/15 Generalmusikdirektorin des Theaters Erfurt, im Interview mit crescendo. „Dirigieren bedeutet Kommunikation, die auf einer individuellen Körpersprache beruht. Der Klang des Orchesters wird dadurch direkt beeinflusst. Einen typisch männlichen oder weiblichen Dirigierstil kann ich nicht erkennen.“

Mallwitz, Jahrgang 1986, ist allerdings auch davon überzeugt, dass frühere Generationen von Dirigentinnen erst einmal das Eis brechen mussten. Hätten Kolleginnen wie Simone Young, Marin Alsop oder Sylvia Caduff nicht wertvolle Pionierarbeit geleistet, wäre es für die jungen Dirigentinnen heute sicherlich schwieriger, sich zu behaupten. Caduff, 1937 in Chur geboren, steht im Fokus des Films über die „Maestras“, den Günter Atteln und Maria Stodtmeier im letzten Sommer in Luzern gedreht haben. Ihre künstlerischen Anfänge sind beeindruckend. Die Schweizerin studierte Dirigieren bei ihrem Mentor Herbert von Karajan, gewann 1966 den prestigeträchtigen Mitropoulos-Wettbewerb in New York und assistierte ein Jahr lang Leonard Bernstein.

Anders als Claudio Abbado, dem der Preis eine Weltkarriere eröffnete, landete Caduff jedoch in der deutschen Provinz und wurde 1977 Generalmusikdirektorin in Solingen. Im Jahr darauf sprang sie für den erkrankten Karajan am Pult der Berliner Philharmoniker ein. Seither haben nur Simone Young, ebenfalls als Einspringerin, sowie die Finnin Susanna Mälkki und die französische Barockexpertin Emmanuelle Haïm die Philharmoniker dirigiert. Macht auszuüben, habe sie nie interessiert, bekennt Caduff vor der Kamera. „Wenn ich boxen muss, dann lasse ich es lieber bleiben. Vielleicht ist das eine falsche Einstellung. Vielleicht müsste man ja nur ein bisschen boxen.“

„Für mich steht immer die Musik im Vordergrund. Allerdings gibt es in dem Beruf inzwischen auch viele Frauen, die vor allem ihre Karriere im Blick haben“, meint die griechische Komponistin, Dirigentin und Ensemblegründerin Konstantia Gourzi, die außerdem Professorin an der Hochschule für Musik und Theater in München ist. Im Sommer 2016 leitete sie unter anderem die Uraufführung ihres Werks Ny-él, two Angels in the White Garden mit dem Orchester der Lucerne Festival Academy. Die traditionellen gesellschaftlichen Rollenmuster seien mittlerweile zwar aufgebrochen, sagt sie im Gespräch mit crescendo. „Doch wenn Männer und Frauen gleich gut sind, fällt die Wahl weiterhin meistens auf den Mann.“ Komponierende und dirigierende Männer hätten es zudem leichter, in ihrer Doppelrolle wahrgenommen zu werden. Frauen würden dagegen eher auf eine einzige Tätigkeit festgelegt.

„Lange Zeit galt der Grundsatz ,Mulier taceat in ecclesia‘ – ,Das Weib schweige in der Gemeinde‘. Nur der Mann hatte das Recht, das Wort zu führen“, meint Susanne Stähr, Dramaturgin beim Lucerne Festival. „Am Dirigentenpult hat es besonders lange gedauert, bis dieser Mechanismus durchbrochen war. An deutschen

Hochschulen beträgt der Anteil der Dirigierstudentinnen mittlerweile immerhin schon etwa 30 Prozent. Trotzdem sind wir noch nicht da, wo wir sein müssten.“ Dass die 30-jährige Litauerin Mirga Gražinytė-Tyla als Nachfolgerin von Andris Nelsons Musikdirektorin des City of Birmingham Symphony Orchestra geworden ist, sieht Stähr als „Quantensprung“. Die interessante Frage bleibe aber, ob Frauen auch dann noch am Dirigentenpult akzeptiert würden, wenn sie nicht mehr jung und drahtig seien. Hochbetagte männliche Kollegen wie Bernard Haitink und Herbert Blomstedt würden weiterhin von Orchestern eingeladen. „Doch wird die Gesellschaft irgendwann reif sein für eine greise Maestra? Im Moment sehe ich das noch als großes Tabu.“

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