Musik und Gender: Das klassische Weib

(Cartoon: Benedikt Kobel)

Sie hat das Talent, er den Ruhm. Ist der weiße, heterosexuelle Mann die Wurzel allen Übels?

„Es wird der Frau einfach kein Werk zugetraut. Kleineres, Kleinigkeiten, ja, auch Lyrik. Aber kein Werk!“ jammerte Elfriede Jelinek und bekam 2004 den Literaturnobelpreis. Ihre Klage steht für die Befindlichkeit vieler Frauen – nicht nur im Kulturbetrieb. Sie fühlen sich verkannt, schlecht entlohnt und unterrepräsentiert, am Pult und im Orchester selbst. Und dort droht weiteres Ungemach: Taub könnten die „Geigerinnen in der zweiten Reihe“ werden, die vor den „männlichen Blechbläsern“ sitzen. Der „weiße, heterosexuelle Mann“: die Wurzel allen Übels der Frau?

Gottlob – oder: göttinlob? – gibt es Genderforscherinnen. Wildentschlossen sind sie angetreten, die Musikgeschichte in eine „herstory“ umzuschreiben, Aufschluss zu geben über den „weiblichen Umgang“ mit Instrumenten und zu klären, „ob Frauen auch deshalb so wenig Sinfonien geschrieben haben, weil sie sich mit derartigen Formen und den heroisch-triumphalen narrativen Strukturen nicht identifizieren wollten“ (aus „Lexikon „Musik und Gender“). Frappant, wie hier Musikwissenschaftlerinnen (!) den intellektuellen Kraftakt, der für die Komposition dieser komplexen Musikgattung aufgebracht werden muss, trivialisieren und gleich zwei historischen Klischees aufsitzen: dem der „unheroischen“ Frau und des „männlich-heroischen“ Charakters der Sinfonie. Da ist man fast wieder bei Richard Wagner (auch ein alter weißer Macho!), der sich Musik als „gebärendes Weib“ vorstellte. Doch mit „männlich“ oder „weiblich“ kommt man nicht weiter, denn Musik ist eine abstrakte Kunst, „eine Offenbarung“, höher „als alle Weisheit und Philosophie“ (Beethoven). Und als alle Ideologie. Und sogenannte „Wissenschaft“, die viel behauptet, aber wenig beweist. Mann und Frau? Kein biologischer Unterschied. Alles gesellschaftlich konstruiert – zum Nachteil der Frau natürlich. Erkenntnisse der Evolutionsbiologie und Hirnforschung werden konsequent ignoriert.

Ja, in der Geschichte mussten Frauen lange schweigen, und eine Fanny Hensel musste sich hinter ihrem Bruder verstecken, nach dem Motto „Ihr das Talent – ihm die Profession“. Ja, der Frauenanteil in Spitzenorchestern ist weiter gering, und hinter dem Kontrabass, den Blechbläsern oder am Schlagwerk sitzen eher Männer. Doch niemand hindert Frauen heute daran, auch zu diesen Instrumenten zu greifen. Am Conservatoire de Paris durften sie schon seit 1795 studieren, an heutigen Musikhochschulen sind sie in der Überzahl.

Die feministische (!) Kulturhistorikerin Camille Paglia zitiert einen interessanten Befund: Im Schnitt schneiden Männer und Frauen beim IQ-Test gleich ab. Aber Männer besetzen die Extreme. „Ein weiblicher Mozart fehlt, weil es auch keinen weiblichen Jack the Ripper gibt“, pointiert Paglia und ermahnt die Frauen, sich nicht von der „überpolitisierten, opferzentrierten Rhetorik verführen“ zu lassen. Das mache sie kraftlos. So wie Simone Young: „Wenn ich zum Dirigieren aufstehe, denke ich nicht darüber nach, ob ich Frau oder Mann bin. Ich mache meine Arbeit.“ Übrigens: „Björk = Männermusik, Chris de Burgh (de Björk) = Weibermusik“, schrieb ein Witzbold in einem Chat. Etwas Humor schadet nicht.

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