Humor im Auge des Terrors

(Auf und Ab eines Musikschaffenden; Cartoon: Kobel)

Ironie, Sarkasmus und Groteske: Wie Dmitri Schostakowitsch seine Hörer das ganz besondere Lachen lehrt.

Wenn es um musikalischen Humor geht, ist Dmitri Schostakowitsch nicht der erste Komponist, der einem einfällt. Im Gegenteil: Seine Künstlerbiografie ist so sehr von tragischen Ereignissen, Schicksalsschlägen und persönlichen Demütigungen geprägt, dass sich dies unweigerlich auch in seiner Musik niederschlägt. So ist es nicht verwunderlich, dass die berühmtesten Werke Schostakowitschs, zum Beispiel seine Sinfonien und Streichquartette, einen ausgesprochen ernsthaften, melancholischen und nicht selten tragischen Unterton haben.

Ironischerweise ist es jedoch ausgerechnet der Humor, der sich durch Schostakowitschs Werk zieht wie ein roter Faden, sodass eben dieses Phänomen neben aller Tragik und Schwermut zu einem entscheidenden Charakteristikum seiner Musik geworden ist. Das Besondere an diesem speziellen Humor ist die ungewöhnliche Vielfalt, in der er sich zeigt. In den seltensten Fällen ist es ein Humor, der den Hörer lauthals lachen lässt. Stattdessen präsentiert er sich auf subtile Art und Weise und offenbart sich darum als etwas, das sich nicht sofort jedem erschließt, sondern in manchen Fällen erst vom Zuhörer entschlüsselt werden will. In Schostakowitschs 5. Sinfonie zum Beispiel ist es das Finale, das Zuhörern und Musikwissenschaftlern nach wie vor Rätsel aufgibt. Die einen interpretieren musikalische Merkmale wie Pauken, Trompeten und ein großes Instrumentenaufgebot, strahlende Durklänge und eingängige Melodien in voller Lautstärke als uneingeschränkten Jubel. Die anderen bezweifeln diese vordergründigen Elemente und verstehen die Ironie der überzogenen Darstellung des Positiven als Kritik des Komponisten, die sich hinter der Maske des Triumphs versteckt. Genau diese oft schwer durchschaubare Doppeldeutigkeit diente Schostakowitsch dazu, seine Meinung äußern zu können, ohne dafür zur Verantwortung gezogen zu werden, zumal das stalinistische Regime glücklicherweise nur die oberflächliche Fassade – im Fall der 5. Sinfonie das jubelnde Gesicht des Finales – wahrnahm.

Anders als in der 5. Sinfonie ist jedoch nicht immer Hintergrundwissen zur Biografie des Komponisten notwendig, um seinen Humor zu verstehen. Auf eine verspieltere Art und Weise zeigt er sich beispielsweise durch ungewöhnliche Kombinationen von Instrumenten, deren Auftreten in scheinbar absolut unpassendem Kontext wie ein Augenzwinkern des Komponisten wirkt. Ein solches Phänomen offenbart sich dem Hörer in der 4. Sinfonie, die in erster Linie ernsthafte, tragische und aggressive Töne anschlägt. Mitten in der größten Tragik erklingt dann auf einmal ein Duett von Piccoloflöte und Bassklarinette. Diese Instrumente werden nicht nur selten in solistischer Funktion verwendet, sondern wirken besonders wegen ihrer extrem gegensätzlichen Lage äußerst merkwürdig. Im Rahmen der gigantischen Ausmaße der Sinfonie erhält der Hörer hier den Eindruck von einem Puppentheater, das sich unvermittelt ins Geschehen einmischt und dem Szenario einen humoristischen Beigeschmack verleiht, zumal diese Episode nur der Auftakt zu einem bunten Reigen verschiedenster Tänze ist, die ebenso wenig in das Gesamtbild der Sinfonie zu passen scheinen.

Während sich Schostakowitschs Humor demnach mal subtil, mal verspielt und mal augenzwinkernd präsentiert, bleibt das Phänomen doch generell im Bereich des Unauffälligen, Dezenten. In einem politischen Umfeld, in dem ein Komponist stets unter dem Argusauge Stalins agierte, und alles, was aus der Norm herausfiel, sofort gegen ihn verwendet werden konnte, ist dies nur nachvollziehbar. Umso gewagter ist darum jene Komposition Schostakowitschs, deren Humor nicht nur die obersten Regierungsvertreter verspottet, also auch Stalin höchstpersönlich, sondern dies auch noch in aller Offenheit tut, ohne schützende Ironie. Der Antiformalistische Rajok entstand zwischen 1948 und 1968, wurde aber erst lange nach Schostakowitschs Tod uraufgeführt, was angesichts der musikalischen Charakterisierung Stalins und seiner Mitarbeiter nur allzu verständlich ist. Das auch als satirische Kantate bezeichnete Werk für vier Solobässe, Klavierbegleitung und gemischten Chor ist eine höhnische Abrechnung mit sämtlichen Regeln des Sozialistischen Realismus, denen Schostakowitsch jahrzehntelang ausgesetzt war. Die Komposition macht sich nicht nur über die Vorgabe lustig, möglichst einfach, harmonisch und verständlich zu komponieren, sondern karikiert auch die Persönlichkeiten von Stalin, Schdanow und Schepilow in einer derart überzogenen Weise, dass von Doppeldeutigkeit nicht mehr die Rede sein kann. Die Musik ist voller ironischer Anspielungen, die natürlich in erster Linie diejenigen Zuhörer vollends entschlüsseln können, die mit der politischen Gesamtsituation Schostakowitschs vertraut sind beziehungsweise die persönlichen Eigenschaften der obersten Regierungsvertreter kennen. So verwendet der Komponist beispielsweise für die Charakterisierung Stalins, der sich im Rajok hinter dem Pseudonym Jedinizyn verbirgt, das georgische Volkslied Suliko. Schon aus dem Grund, dass dieses Lied als Lieblingslied Stalins bekannt war, wird seine Person in besonderer Weise karikiert. Die Tatsache aber, dass die romanzenhafte, lyrische Melodie des Originals hier zu einem platten Marsch verfremdet wird und auch der Text an Banalität kaum zu überbieten ist, treibt den Spott des Komponisten auf die Spitze. Generell zeichnet sich die Kantate durch eine betont einfache musikalische Sprache aus, deren humoristischer Tonfall sich auch Zuhörern ohne Hintergrundwissen sofort erschließt.

In Schostakowitschs Gesamtwerk bleibt der Rajok eine Ausnahme. Charakteristisch für seine musikalische Sprache ist neben aller Ernsthaftigkeit eine ebenso deutliche Neigung dazu, humoristische, ironisch-skurrile oder verspielte Wendungen in seine Musik einzubauen. Für ihn selbst mag diese Art zu komponieren eine Möglichkeit gewesen sein, mit der Tragödie um ihn herum zu leben, ohne den Verstand zu verlieren. Für die Zuhörer ist sie ein wichtiger Bestandteil einer ohnehin abwechslungsreichen Musik, der auf diese Weise eine völlig eigene Note verliehen wird.

Uta Schmidt:
„Kompositionen mit doppeltem Boden. Musikalische Ironie bei Erik Satie und Dmitri Schostakowitsch“

(Edition Argus)
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