Musikalische Politisierung

 Igor Levit und Matthias Moosdorf nutzen ihre Facebook-Profile für politische Positionierungen. Das ist gut so. Leider bleiben sie weitgehend unter Ihresgleichen.

Von Axel Brüggemann

Die Wahl ist gelaufen. Die Parteien sortieren sich. Und die Musik geht weiter. Es war auffällig in diesem Bundestagswahlkampf, dass sich auch viele klassische Musiker öffentlich politisch verortet haben – sowohl auf den Konzertpodien als auch jenseits von ihnen in den sozialen Medien und in öffentlichen Interviews.

Grundsätzlich ist das großartig! Denn es werden gleich zwei Dinge deutlich: Musiker sind Menschen – und damit Wähler und Meinungsbildner, so wie jeder andere auch. Und: Die Musik selber ist ein Ort, der nie jenseits des Politischen spielen kann, der immer etwas damit zu tun hat, welche Klänge und Interpretationen wir unserer Gegenwart ablauschen – und mit welchen Tönen wir unsere Zuhörer konfrontieren.

Interessant ist, dass Musik an sich – auch klassische Musik – dabei politisch zunächst einmal neutral bleibt. Sie scheint nur ein Raster, ein fixes, über Jahrhunderte gewachsenes Korsett zu sein, an dem man die eigene Positionierung ausloten kann. Musiker können links sein oder rechts, weit außen oder fest, mit beiden Füßen in der Mitte stehen. Unter meinen Facebook-Freunden sind mir in den letzten Monaten besonders zwei Künstler aufgefallen, die in den sozialen Medien mit ihren politischen Meinungen immer wieder offensiv umgehen, dabei gern provozieren, zum Nachdenken anregen oder einfach Lust auf Debatte haben.

Zwei Welten

Einer von ihnen ist der Pianist Igor Levit. Einer, der in erste Linie besorgt über den Zustand unserer Demokratie zu sein scheint, der für das Recht des Menschen, für die Klugheit der Menschen, das Miteinander des Menschen und die Inklusion des Fremden in unserer Gesellschaft aufmerksam macht – und vor allen Dingen vor Parteien wie der AfD warnt. Auf der anderen Seite steht der Cellist des Leipziger Streichquartetts Matthias Moosdorf. Er gehört eher zu jenen Musik-Bürgern, die sich aus anderen Gründen um die Zukunft des Landes sorgen, die glauben, dass Themen wie Immigration oder Überfremdung nicht genug debattiert werden, die der Meinung sind, dass die amtierenden Politiker ihre Ängste nicht ernst nehmen und dass das Kulturelle Erbe Deutschlands und Europas in Gefahr sei. „Populisten sind jene Menschen, die einen Spaten einen Spaten und eine Katze eine Katze nennen“, zitiert Moosdorf Shakespeare gleich in der Kopfzeile seines Facebook-Profils.

Es geht an dieser Stelle nicht darum, die einzelnen Positionen zu werten. Interessant aber finde ich, dass auf beiden Profilen ungefähr das Gleiche passiert: Unter fast jedem Post der beiden gibt es vollkommene Zustimmung von ihrem jeweiligen Publikum. Egal, ob Moosdorf Posts weiterleitet, auf denen Angela Merkel ausgepfiffen wird oder einen Marktplatz in Italien mit wunderschöner Architektur filmt und darüber sarkastisch schreibt: „Überall dasselbe in Europa: Abseits der Sprache ist keine eigenständige Kultur nachweisbar.“ Unter diesen Post antwortet einer seiner Freunde: „Zum Glück gibt es Anatolien“. Ein anderer: „Alles Gebäude aus einer Zeit, da die Linken noch nicht das Sagen hatten.“

Vollkommene Zustimmung auch bei jedem Post von Igor Levit, der über ein Bild von Alice Weidel schreibt „Faschisten, Lügen- und Feiglingspartei #AfD“ und seine Fans in regelmäßigen Abständen darüber aufklärt, welcher AfD-Verband ihn gerade gesperrt hat. Irgendwie ist Levit durch seine glaubhafte politische Positionierung zum Liebling des Feuilletons geworden. Es reicht, wenn er Sätze wie „Wär gerad gern Gustav Mahler“ veröffentlicht oder jedes Mal, wenn er ein neues Werk einstudiert, erklärt, dass dieses nun doch nun das größte Meisterwerk von allen sei – die Botschaften können noch so banal sein, ihm jubelt auf seiner Facebook-Seite sofort das halbe Feuilleton der FAZ, der Süddeutschen oder der Welt in Form von „Likes“ und fraternisierenden Antworten zu.

Hört man eine Partei in der Interpretation?

Egal, ob bei Moosdorf oder bei Levit: Kontroversen gibt es auf ihren Seiten nicht, sie scheinen als Musiker nur jene Zuhörer und Fans anzusprechen, die sich im gleichen politischen Wertekanon und System bewegen wie sie selber – und das ist ein Punkt, der mich dann doch stutzig macht.

Wie kann es sein, dass die gleiche Musik ein so vollkommen anderes Publikum anspricht? Denn eines ist sicher: Beide Künstler sind zunächst einmal gute Musiker. Ist es so, dass man Levits Rachmaninoff seine politische Meinung anhört, ebenso wie dem Beethoven des Leipziger Streichquartetts Moorsdorfs nationalen Überzeugungen? Klar, Levit setzt sich auch in seinen Konzerten auf der Bühne politisch ein, versucht immer wieder – auch als Redner vor seinen Auftritten – konkrete Bezüge der Musik zur aktuellen Lage der Welt aufzustöbern. Und auch Moosdorf versucht in öffentlichen Stellungnahmen seine politische Positionierung unter anderem aus der Musik abzuleiten. Gleichzeitig aber spielt das Leipziger Streichquartett auch Werke von modernen Komponisten, die nicht gerade bekannt dafür sind, rechts zu stehen: Etwa von Wolfgang Rihm oder dem Nazi-Opfer Viktor Ulmann.

Ich kann meine eigene Frage noch nicht beantworten, sondern sie lediglich in den Raum stellen. Klingt Musik wie die Parteizugehörigkeit ihres Interpreten? Und spricht sie gerade deshalb ein Publikum an, das genau so tickt? Oder ist es doch so, dass das Ohr nicht das auschlaggebende Kriterium für die Nähe zu einem Interpreten darstellt sondern dessen öffentliche Positionierung innerhalb der Gesellschaft durch sein Auftreten jenseits des Spiels?

Interessant – und ein bisschen erschreckend – allerdings kommt es mir vor, dass wir es bei beiden Musikern mit sozialmedialen Vorzeige-Blasen zu tun haben, in denen politisch Andersdenkende nicht mehr vorkommen und stattdessen vehement beschimpft oder gedemütigt werden und Gleichgesinnte die eigene Positionierung immer und immer wieder bestätigen.

All das lässt mich staunen und macht mich ratlos. Mir persönlich gefallen jene politischen Töne besser, die differenzieren und die aus der Musik eine Form des Dialogs ableiten – so wie Daniel Barenboim, für den das Musizieren die natürlichste Grundlage des Miteinanders ist – auch des Miteinanders im Streit. Oder Gabriela Montero, die zwar eindeutig gegen die Erben des Chavez-Systems in Venezuela kämpft, dabei aber immer den übergeordneten Ton der Humanität anschlägt und für einen Dialog mit den politischen Feinden steht (klar, dass jemand wie Levit hier gleich eine mediale Solidarität geschlossen hat – und das, obwohl die beiden für mich politisch auf zwei vollkommen unterschiedlichen Niveaus debattieren).

Befreundet Euch!

Wie auch immer, ich glaube, dass es wichtig ist, dass es Musiker wie Levit und Moosdorf gibt da sie uns klar machen, dass Musiker Teil unserer Demokratie sind, und dass Musik immer auch Inspiration für das eigene Denken und die eigene politische und gesellschaftliche Positionierung sein kann. Dass aus ihr vollkommen unterschiedliche Schlussfolgerungen gezogen werden können, mag erstaunen – aber vielleicht liegt darin der eigentliche Kern der Kunst: in ihrer Offenheit, die uns immer wieder zwingt, Worte für das Unaussprechliche der Musik zu finden.

Übrigens: Moosdorf und Levit sind auf Facebook nicht miteinander befreundet. Ich finde, das wäre Mal eine Vision für die Zukunft – und würde ein wunderschönes Konzert der Streitkultur ergeben.

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *