Nach Gehör oder Noten?

Shinichi Suzuki setzt auf die auditive Wahrnehmung, die russische Klavierschule fordert komplizierte Stücke und Notenlehre gleich zu Beginn. Eine Reise in die Musikpädagogik zeigt, mit welchen Schwierigkeiten Eltern bei der Auswahl von Lernmethoden zu kämpfen haben.

Eine revolutionäre Lehr- und Lernmethode ist nur dann eine revolutionäre Methode, wenn sie erfolgreich ist. Die musikalische Lernmethode des japanischen Pädagogen Shinichi Suzuki gilt unter Profimusikern als eine der erfolgreichsten. Das beweist auch die Liste der nach seinen musikalischen Prinzipien ausgebildeten Künstler. Die Geiger Joshua Bell, Julia Fischer, Janine Jansen und Hilary Hahn oder auch Cellistin Sol Gabetta lernten nach der Methodik des Japaners. Gabetta lobte erst vor kurzem im Gespräch mit einigen Schülern, Suzuki sei eine tolle Methode. Das Gute daran sei, „dass man am Anfang gar nicht liest, sondern alles nur hört.“ Für sie sei diese Methode unglaublich wichtig gewesen.

Nur: Wer ist Shinichi Suzuki und vor allem: Nach welchen Prinzipien funktioniert seine Schule?

Der Japaner, geboren 1898 in Nagoya, 300 Kilometer südwestlich von Tokio, hatte sich das Geigespielen im Alter von siebzehn Jahren selbst beigebracht. Er hatte klassische Musik auf Schallplatten gehört und so lange auf den Saiten he­rumprobiert, bis der Klang dem der Aufnahmen ähnelte. Obwohl Suzuki aus einer musikaffinen Familie stammte – sein Vater war der Gründer einer renommierten Violinen-Fabrik in Japan – war ihm die Geige eher als Spielzeug denn als Instrument vertraut und seine Erfahrungen am eigenen Leib führten ihn schließlich zur These: „Talent ist keine Sache von Geburt“.

"Suzuki wollte musikalische Persönlichkeiten bilden."

In den 1940ern stellte Suzuki, inzwischen zum erfolgreichen Virtuosen herangereift, ein umfassendes Unterrichtskonzept vor. Er nannte es „Talenterziehungsmethode“ und eröffnete bald das dazugehörige „Talenterziehungsinstitut“. Auch nach seinem Tod im Jahr 1998 (er wurde 99 Jahre alt), bleibt seine Lernmethode einzigartig.

Ein wichtiger Leitsatz seines Werkes lautet: „Child first – then music.“ Die Methode zielt gerade nicht darauf ab, aus jedem Kind ein Wunderkind zu machen. Stattdessen soll der Nachwuchs durch eine neue Kombination verschiedener Herangehensweisen zur Musik bewegt werden. Suzuki äußert sich in seinem Hauptwerk dazu wie folgt: „Musik zu unterrichten, ist nicht mein Hauptziel. Ich möchte gute Menschen hervorbringen. Wenn Kinder vom ersten Tag an ausgezeichnete Musik hören und sie spielen lernen, entwickeln sie Einfühlsamkeit, Disziplin und Ausdauer – sie entwickeln ein gutes Herz.“

Suzukis Methodikverständnis war immer tief mit dem Gehör verbunden. Das resultierte aus seiner Beschäftigung mit Sprache. Er hatte festgestellt, dass es beim Erlernen der Muttersprache in der Regel keinen Misserfolg gibt. Jedes Kind lerne die Sprache mit großer Exaktheit im eigenen Lerntempo. Also stellte er die Frage: „Wie kommt es, dass es jedem Kinde leicht beizubringen ist, seine Mutter­sprache zu sprechen; aber warum werden die gleichen Kinder mit einigen Schulfächern nicht fertig, obgleich sie sich damit ebenso viel Mühe geben?“ Daraus zog er Konsequenzen für die Musik: Kinder sollten früh, schon ab dem Alter von drei Jahren, ans Musikhören herangeführt werden und auch beim Erlernen eines Instruments sollte sich zunächst auf die auditive Wahrnehmung beschränkt werden. So verzichtet Suzukis Methode zunächst komplett auf das Lernen von Noten.

Die Geigerin Hilary Hahn verriet einmal in einem Interview, sie habe in ihren ersten Unterrichtsstunden tatsächlich nur „das Verbeugen“ gelernt. Die weiteren Schritte, die ein kleiner Geigenschüler in den ersten Stunden gehen muss sind ebenfalls genau vorgeschrieben: 2. Das Klemmen der Geige unter den Hals – zunächst mit einer Pappgeige. 3. Die Bogenhaltung – zunächst mit einem Pappbogen. 4. Das erste Liedchen auf der E-Saite – erst mit Pappinstrument, dann mit echtem Bogen auf der Papp-Geige, schließlich mit echtem Bogen und echter Geige.

Usus ist, dass die Kinder, bevor sie selbst mit dem praktischen Unterricht anfangen, zunächst bei älteren Schülern zuhören. So lernen sie schon den Stücke-Kanon kennen und erfahren, wie die Unterrichtsstunde ablaufen wird: Im Einzelunterricht erarbeiten die Musiklehrer mit ihren Schülern ein fest vorgeschriebenes Stücke-Repertoire, das in mehreren aufeinander folgenden Bänden zusammengestellt ist – ausgewählt von Suzuki-Pädagogen und immer wieder ergänzt und aktualisiert. Auch der Gruppenunterricht wird in der Suzuki-Methode groß geschrieben. Für alle Schüler ist das gemeinsame Musizieren fest im Stundenplan integriert – und ist auch praktisch durch den gemeinsamen Fortschritt leicht möglich.

Ebenfalls besonders: Die Eltern begleiten den Übe-Prozess zuhause und sind auch im Unterricht immer dabei. Sie sollen miterleben, wie schwer das Geigenspiel am Anfang ist.

Das erstaunliche: Shinichi Suzukis Methode hält sich bis heute und wird seit den achtziger Jahren von der Geige oder Bratsche auf immer mehr Instrumente übertragen. Mittlerweile unterrichten sogar zahlreiche Klavierlehrer nach Suzukis Prinzip, es existieren außerdem Suzuki-Übertragungen für Harfe, Flöte, Schlagwerk und Cello. In Deutschland gibt es seit den 1970ern ein eigenes Suzuki-Institut, über das sich Instrumentallehrer nach Suzukis Geigenwerk ausbilden lassen können. Dabei lernen die Lehrer auch – trotz allen Erfolgschancen der Methode – das Wohl des Kindes immer im Auge zu behalten. Nicht umsonst nennt Suzuki sein Hauptwerk „Erziehung ist Liebe“. Der Meister wollte, das war ihm wichtig, „musikalische Persönlichkeiten bilden“, nicht zwangsläufig Berufsmusiker heranzüchten.

Gerade jedoch weil die Suzuki-Methode in der Vergangenheit einige erfolgreiche Geigen-Stars hervorgebracht hat und sie teils als „Wunderkindmethode“ verschrien ist, finden sich auch zahlreiche Kritiker: Der Geiger Isaac Stern soll, nachdem er einen kurzen Abschnitt eines „Suzuki-Konzertes“ gesehen hatte, einmal empört den Saal verlassen haben. Im Anschluss wurde er mit den Worten zitiert: „Suzuki-Lehrer sind alle Verbrecher!“

Viele Methoden, die Musiklehrer heute als Grundlage ihres Unterrichts nutzen, sind keine detailgetreue Beschreibung der Art des Unterrichts, sie sind vielmehr eine durch Notentext vorgegebene sinnvolle Reihenfolge des Lernens – natürlich je nach Ausprägung der Methode mit gewissen Schwerpunkten. In der Instrumental­pädagogik von verschiedenen „Methoden“ zu sprechen, stellt viele also vor gewisse Schwierigkeiten. Verbreiteter ist die Begrifflichkeit der „Schule“. Hierunter verstehen Musiklehrer in der Regel Notenbände oder Studienbücher, die von Musikpädagogen herausgegeben und, nach einem gewissen Schwierigkeitsgrad sortiert, angeordnet sind.

Hinter der sogenannten „Russischen Klavierschule“ verbirgt sich so beispielsweise ein in den Musikschulen weit verbreitetes Standard-Klavierwerk für Klavierschüler, konzipiert vom Russen Alexander Nikolajew (1913 – 1990). In drei Bänden lernen Kinder nach einer klassischen Lehrmethode von Anfang an Lernstücke hohen musikalischen Anspruchs. Hierbei wird von Anfang an nach Noten gespielt und der Schwierigkeitsgrad wächst von Stück zu Stück – von schlichten Volksliedern, über Bach-Preludien hin zu umfangreichen Sonaten. Band drei der Lernschule bildet schließlich die „Kür“: Hier sind für Schüler einige Vortragsstücke zusammengestellt, aus denen sie mit dem Lehrer auswählen können.

Völlig konträr zur russischen „Lernweise“ stehen­ die Lehrbücher des amerikanischen Musik­pädagogen James Bastien (1934 – 2005). Er entwickelte in den 1960er Jahren eine Methode, die wie die Suzuki-Methode ohne Noten funktioniert, sich dafür aber mit einem Bezifferungssystem behilft: Jedem Finger ist eine bestimmte Ziffer zugeordnet, die dann auf die jeweiligen Tasten der Klaviatur übertragen werden und den Schülern zunächst den richtigen Klang anzeigen sollen. Erst ­später wird die so erlernte Technik, bei der besonderes Augenmerk auf das Gehör und die richtige Handhaltung des Klavierschülers gelegt wird, auf die Notenschrift übertragen. Der Rhythmus­ allerdings spielt von Anfang an eine große Rolle und wird in der Pädagogik Bastiens gleich von Beginn an mitgelernt: Die Lehrer stellen den Kindern schon die Notenwerte dar, die Tonhöhen sind schließlich der zweite Schritt. Übrigens unterscheiden sich die „konventionelle“ russische Klavierschule und die Bastien-Schule auch optisch: Während die russische Klavierschule bloß mit Studienbüchern voller Noten aufwartet, sind die Bastien-Bücher reich und bunt bebildert.

"Talent, Begabung oder Übefleiß werden erst im weiteren Verlauf der Musikerziehung wichtig."

All diese Schulen sind Leitfäden zum Lernen und setzen Schwerpunkte im Musikunterricht. Ein detailliertes und so grundlegendes pädagogisches Konzept wie das von Shinichi Suzuki, bei dem man am ehesten von einer „Methode“ sprechen kann, ist im Instrumentalunterricht jedoch einzigartig.

Bei einem Punkt allerdings kann auch Suzuki nicht helfen: der schwierigen Jugendphase „Pubertät“. Kaum ein Klassikkünstler berichtet nicht von einer Durststrecke während seiner Teenagerzeit, als das klassische Musikinstrument plötzlich anfing „uncool“ zu werden und sich andere Thematiken in den Vordergrund drängten. Mancher kokettiert geradezu mit seiner miesen Übedisziplin, wie etwa Nigel Kennedy, der in einem Interview einmal flapsig erzählte, wie er nach der Hälfte seiner Unterrichtsstunde immer „aufs Klo“ verschwand, um dort „Science-­Fiction Bücher zu lesen“.

Ob es hier die Aufgabe der Eltern ist, ihre Kinder an die Hand zu nehmen und pubertäres Nicht-Üben-Wollen durch Druck zu überbrücken, bleibt unter Experten eine vieldiskutierte Frage. Die Mehrzahl der Musiker behauptet, die Suzuki-Methode schaffe schon zu Beginn des Unterrichts ein tiefes Verständnis der Eltern für das Instrumental­spiel des Kindes und lege somit den Grundstein für eine fruchtbare Zusammenarbeit in schwierigen Phasen. Erstrebenswert sei hierbei, dass die Eltern im „kritischen Alter“ den Mittel­weg zwischen Motivation und Strenge gehen könnten, um ihre Sprösslinge an die oftmals kurzzeitig verloren gegangene Begeisterung für Musik zu erinnern.

Die Schlussfolgerung einer den Instrumentalunterricht betreffenden Studie lautete somit auch: Am Anfang des Unterrichts spielt die persönliche Bindung zwischen Lehrer und Schüler die größte Rolle. Talent, Begabung oder Übefleiß werden erst im weiteren Verlauf der Musikerziehung wichtig

„Klar, die Eltern müssen mit üben!“

Suzuki-Pädagogin Maxi de Buhr-Möllmann über Suzukis Idee, das frühkindliche Gehör und den Eltern-gestützten Klavierunterricht. 

Smilla ist neun. Vor fünf Jahren, mit vier, hat sie mit dem Klavierunterricht nach der Suzuki-Methode angefangen. Zu Beginn der Stunde stellen sich  Smilla und ihre Lehrerin gegenüber und verbeugen sich. Danach sitzen die beiden an zwei Flügeln nebeneinander, so dass Smilla gut sehen kann, wenn Maxi ihr etwas vorspielt. So funktioniert Shinishi Suzukis Methode: Durch Nachahmung. Smilla spielt los, ohne Noten, ihre Mutter sitzt daneben, die Klaviernoten auf dem Schoß. In der Pause nutzen wir die Gelegenheit, mit der Lehrerin zu sprechen. Maxi de Buhr-Möllmann ist Diplom-Klavierpädagogin und ausgebildete Suzuki-Lehrerin.

crescendo: Müssen die Eltern auch Klavierspielen können, um mit ihren Kindern zu üben?
Maxi de Buhr-Möllmann: Wenn Sie es nicht können, müssen sie die Grundlagen lernen. Die Eltern lernen schon vor den Kindern die Suzuki-Stücke, die ihre Kinder dann auch spielen werden. Sie haben also auch Klavierunterricht, damit sie gut zusammen üben können. Die Stücke werden von Mutter und Kind auch Zuhause gelernt, nach Gehör, mit der CD. Im Unterricht besprechen wir zuvor die Fingersätze oder schwierige Stellen. Aber im Grunde hat der Schüler die Stücke immer schon im Ohr, weiß, wie sie klingen sollen.

Und die Schüler spielen von Anfang an wirklich alles nach Gehör?
Natürlich lernen wir nach einiger Zeit auch mit Noten, aber im Prinzip wird alles nach Gehör gespielt. Das Tolle daran ist, dass die Kommunikation über den Klang sehr direkt ist und es im Unterricht wenig „Leerlauf“ gibt. Einfache Stückchen können die Schüler schnell nachspielen. Der Zugang über das Gehör ist bei kleinen Kindern zwischen drei und fünf besonders leistungsfähig, da ist es für die Schüler weitgehend intuitives Lernen. Die Kinder haben musikalisch einen echten Vorsprung, wenn sie so früh schon Klavier gelernt haben.

Wie viele Eltern kommen mit dem Wunsch, dass Sie aus dem Sprössling ein „Wunderkind“ machen?
Das kommt schon vor. Aber in der Regel habe ich die Schüler dann nicht genommen, weil die Ziele der Eltern und meine nicht übereinstimmten und das Kind darunter leiden würde. Erstaunlicherweise ist es auch oft so, dass sich die sehr ehrgeizigen Eltern dann im Unterricht gar nicht besonders engagieren. Dadurch, dass die Eltern vorher zum Zuhören kommen, kriegt man allerdings schnell mit, wenn das Ziel ein solches ist.

Suzukis Idee war auch eine andere …
Ja, er wollte eigentlich eine Art Breitenförderung mit seinem Unterricht bewirken. Er wollte keine Solisten hervorzaubern, auch wenn  es letztlich doch ab und zu so gekommen ist.

Ist die Suzuki-Methode nur mitengagierten Eltern möglich?
Ja! Ich muss mich als Lehrerin darauf verlassen können, dass die Eltern mit ihren Kindern üben. Sonst funktioniert die Methode nicht. Wenn die Eltern keine Zeit haben, den Lernprozess zu begleiten, sollte man lieber ein paar Jahre später mit konventionellem Klavierunterricht anfangen. Sonst kann den Kleinen das Klavierspiel schnell verdorben werden, weil sie keine Fortschritte machen und die Lust verlieren.

Müssen die Kinder irgendwann auf andere Schulen umsteigen?
Wenn die Kinder mit drei anfangen, spielen sie erstmal einige Jahre ohne Noten, damit sich das Gehör entwickeln kann. Wenn sie in die Schule kommen und sowieso lesen lernen, kann man auch mit Noten beginnen – vorher macht es keinen Sinn, weil die Kleinen physiologisch und kognitiv meist noch nicht dazu in der Lage sind. Es gibt zwar einen festgelegten Stücke-Kanon und gemeinsame pädagogisch-ethische Werte, die alle Suzuki-Lehrer teilen, aber ab dem Zeitpunkt ist es „normales“ Klavierlernen, das je nach Lehrer individuell ausfällt. Der entscheidende Unterschied in der Suzuki-Methode ist der Anfang: Dass die Kinder so klein sind und nach Gehör spielen.

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