Musikunterricht in Deutschland: Ein Abgesang

Achtzig Prozent des Musikunterrichts an deutschen Grundschulen fällt aus. Das ist nicht nur eine Bankrotterklärung der Kulturnation, findet unser Kolumnist – sondern auch ein wirtschaftlicher Schaden für die Industrienation Deutschland.

Von Axel Brüggemann

Haben Sie mal versucht, eine Karte für Ihr Kind in einem Kinder- oder Jugendkonzert zu bekommen? Oder einen Kindergartenplatz in einem Musikkindergarten? Konzerte für Kinder sind in der Regel sofort ausgebucht, die Warteliste für Musikkindergärten so lang, dass der Nachwuchs frühestens mit den Dritten Zähnen zum ersten Mal die Blockflöte in den Mund stecken kann. Ähnlich erschreckend sieht es auf den Wartelisten der deutschen Musikschulen aus: Über 100.000 Schüler suchen derzeit nach Lehrern – und werden vertröstet! Und nun auch noch das: In einer aktuellen Presseerklärung stellt der Musikrat fest, dass über 80 Prozent des Musikunterrichts an unseren deutschen Grundschulen ausfällt! (zum Mitlesen: achtzig Prozent!) Der Rat fragt zu Recht: „Wie kann das in der viertreichsten Industrienation der Welt sein?“ Und ich frage: „Warum versinkt eine solche Meldung weitgehend unkommentiert in der allgemeinen Nachrichtenflut?“ Ich meine: Jede Partei hat sich in der letzten Bundestagswahl die Bildung auf das Programm geschrieben. Aber seit Jahren wird es nicht geschafft, Musik – das immerhin noch als Grundfach ausgewiesen wird – zu besetzen. Nicht auszudenken, wie groß der Aufschrei wäre, wenn es sich um Mathe, Deutsch oder Physik handeln würde! Was wir gern vergessen: Musik ist die Grundlage all dieser Fächer. Musik ist nicht das wichtigste, vielleicht aber – besonders in den ersten Jahren – das strukturell bedeutendste Fach, auf dem viele andere aufbauen.

Seit Jahren belegen Studien aller internationaler Forschungseinrichtungen, dass eine musikalische Ausbildung (ebenso übrigens wie der Sportunterricht an den Schulen) nicht nur dazu führt, dass Kinder in Kontakt mit Musik kommen, sondern dass musikalische Grundlagen, gerade in den ersten Lebensjahren, die Vernetzung des Gehirns fördern und gleichzeitig Grundlagen für fast alle anderen Fächer legen. Beim Klimawandel hat es lange gebraucht, bis wir begriffen haben, dass wir es mit einem Prozess zu tun haben, den wir schon lange nicht mehr stoppen, aber durch sofortiges kluges Handeln wenigstens eindämmen können. Die Verblödung unserer Kinder scheint uns indes nach wie vor vollkommen egal zu sein. Dabei ist die Konsequenz ebenso gravierend: Kinder und Jugendliche, die heute keinen Zugang zu Musik, zu Kultur oder Sport bekommen, werden spätestens in 18 Jahren zu sozialen Problemfällen und gefährden eine Industrienation, die auf Klugheit, Sozialsinn und Weltoffenheit angewiesen ist. Musik ist kein „schön, dass wir es haben“-Fach, sondern ein Fach, aus dem am Ende kluge Mathematiker, erstklassige Physiker oder geniale Denker hervorgehen. Länder, die in den PISA-Studien vorne liegen, legen in der Regel großen Wert auf Sport und Musik im Lehrplan, weil sie wissen, dass hier die Grundlagen für alle anderen Disziplinen gelegt werden.

Was Eltern begreifen, verpennt die Politik

Im Gegensatz zu unseren Bildungspolitikern haben viele Eltern genau das auch längst verstanden. Das zeigt die erhöhte Nachfrage nach privatem Musikunterricht. Eltern wissen, dass ihren Kindern auch Mathe, Deutsch, Physik oder Englisch leichter fällt, wenn ihre Gehirne bereits in frühen Jahren mit Musik konfrontiert wurden. Warum, verdammt, kommt diese Erkenntnis nicht in unseren Schulen an. Warum nicht in unserer Bildungspolitik? Die Idee, dass frontaler Mathe- und Physikunterricht am Ende geniale Mathematiker und Physiker „produziert“ ist schlichtweg falsch! Gerade in diesen Fächern, auf die es unser Ausbildungssystem angeblich abgesehen hat, sind, wenn man es ernst meint, Kreativität, Genauigkeit, soziale Kompetenz und ein komplexes Verständnis die Grundlagen. Mit anderen Worten: Die staatliche Bildungspolitik arbeitet gegen wissenschaftliche Erkenntnisse und gegen einen offensichtlich breiten und kollektiven Wunsch der Elternschaft.

Die Verblödung unserer Kinder scheint uns egal

Schulen berichten seit Jahren, dass sie bei vielen Schülern Aufmerksamkeitsdefizite feststellen, mangelnden Gemeinsinn, Lese-Probleme und Probleme beim logischen Denken. Musik kann eine spielerische Möglichkeit sein, genau diese heute so defizitär ausgebildeten Grundlagen zu erlernen. Wie oft muss man noch daran erinnern, dass Musik letztlich emotionale Mathematik ist und das logische Denken fördert, dass Musik dem Sprachverständnis hilft, dass Musik zur Bewegung motiviert und dass Musik das soziale Miteinander voraussetzt, das Aufeinanderhören, das gemeinsame Arbeiten an einem Projekt? Mit anderen Worten: Selbst, wenn ein Bildungssystem es darauf abgesehen hat, seine Kinder nicht allein zu bilden, sondern sie primär für den Arbeitsmarkt fit zu machen, wäre gerade der Musikunterricht ein unerlässlicher Motor, um die kreativen Möglichkeiten in den meisten anderen Fächern zu fördern – und vor allen Dingen die soziale Kompetenz der Schüler.

Fakt ist, dass der Musikunterricht bereits in den letzten Jahrzehnten nicht ernst genommen wurde. Und damit ist ein weiteres Phänomen eingetreten: die allgemeine Akzeptanz der Musik ist aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden. Kaum noch eine Zeitung, die sich ernsthaft mit Konzerten oder Opernaufführungen auseinandersetzt, kaum noch ein Politiker, der – verstrickt in vermeintlich realpolitischen Zusammenhängen – die Bedeutung der Kunst und Kreativität als Grundlage der Problemlösung versteht, kaum noch ein Mathelehrer, dem die Bedeutung der Musik als Grundlage seines Faches bewusst ist, und selbst das Fernsehen hat längst auf das Bildungsniveau des Landes reagiert und operiert frei nach dem Motto: Wenn in der Schule keine Musik angeboten wird, können wir sie ja auch aus unseren Programmen streichen. Und weil genau das alles passiert ist, wird es immer schwerer für die Musik, ihren eigentlichen Stellenwert zu behaupten.

Musikunterricht ist ein Wirtschaftsfaktor

Inzwischen ist Musik längst zu einem Distinktionsmerkmal geworden. Auf der einen Seite stehen die Eltern, denen die musikalische Bildung ihrer Kinder wichtig ist (und die in der Lage sind, sie zu bezahlen), auf der anderen Seite ein wachsender Teil der Elternschaft, dem die Bedeutung der Musik als allgemeiner Bildungsfaktor gar nicht mehr bewusst ist. Allein das befördert am Ende das Entstehen einer Zweiklassengesellschaft. Musik kann kein Fach sein, das die Eigeninitiative der Eltern voraussetzt, es muss ein Schulfach sein, das jedem Kind den Zugang zu einem Instrument, zum gemeinsamen Musizieren ermöglicht – und damit eben auch die Förderung neuronaler Verknüpfungen, die für alle anderen Fächer wesentlich ist. Nur, wenn wir Musik und Sport als Grundfächer verstehen wie Deutsch, Mathe und Englisch, haben wir die Chance, die schulischen Ergebnisse unserer Kinder zu verbessern.

Noch vor 10 oder 15 Jahren haben sich viele in Deutschland ausgerechnet am diktatorischen Venezuela orientiert und das dort herrschende „Sistema“, das jedem Kind Musikunterricht garantiert, gelobt. Ja, selbst ein diktatorischer Krisenstaat geht besser mit musikalischer Bildung um als die Bundesrepublik Deutschland! Ausgerechnet die Nation Beethovens, Brahms’ oder Bachs, in der Musik stets einher ging mit technischen, mathematischen, physikalischen oder philosophischen Entdeckungen, hat inzwischen zugelassen, dass der öffentliche Musikunterricht an seinen Schulen totgeschrumpft wurde.

Und noch etwas Verehrendes ist passiert: Während Schulen den Musikunterricht immer öfter ausfallen lassen, wird die Verantwortung der musikalischen Kinder- und Jugendbildung einfach an eine andere öffentliche Institution outgesourced: an die Stadttheater und die städtischen Orchester. Die haben sich anfangs mit viel Engagement darauf eingelassen, getrieben von der Motivation, ihr zukünftiges Publikum selber heranzuziehen – gerade, wenn die Schulen hier versagen. Inzwischen ist klar, dass die Häuser die Aufgabe der allgemeinen musikalischen Bildung gar nicht erfüllen können. Weil sie dafür nicht ausgestattet sind, weil sie keinen Lehrplänen unterliegen, weil sie politisch alleingelassen werden. Die Nachfrage nach ihren Workshops und Kinderkonzerten ist so groß, dass sie einfach nicht mehr gestillt werden kann. Ein Faktum übrigens, das sich gerade in Stadt-Orchestern auch auf das professionelle Musizieren auswirkt: Energien, die von der Musikvermittlung gebunden werden, fehlen am Ende für professionelle Konzertauftritte.

Heute sind es meist Kinder, die eh privilegiert sind, die noch in den Genuss von Musikunterricht kommen. Dabei haben Filme wie „Rhythm is it“ gezeigt, dass gerade Jugendliche aus bildungsfernen Familien von der Musik, vom gemeinsamen Musizieren und von ihren weichen Lernzielen profitieren.

Wir brauchen einen Aufschrei – bevor es stumm wird

Was derzeit passiert, ist, dass der Musikunterricht in Deutschland aus dem öffentlichen Bildungskanon verschwindet. Und es gibt keinen Aufschrei. Das kann nicht im Interesse einer Gesellschaft und einer Nation sein. Gerade dann nicht, wenn sie besonders marktliberal ausgerichtet ist und ihre allgemeine Bildung voll und ganz auf den Arbeitsmarkt ausrichtet. Der aktuelle Ausfall von Musikunterricht ist nicht nur ein kultureller Verlust für Deutschland, sondern auch ein Verlust für den auf Effizienz ausgerichteten Markt. In der Kritik des Musikrates, der zu Recht bemängelt, dass es nicht sein kann, dass die viertgrößte Industrienation ihren Musikunterricht ausfallen lässt, hört es sich noch ein bisschen so an, als wäre der Musikunterricht ein Luxusgut, das eine reiche Nation sich leisten müsse. Das Gegenteil aber ist der Fall: Musikunterricht ist an sich eine ökonomische Größe! Und vielleicht hilft genau dieser Gedanke einer auf Effizienz und den Arbeitsmarkt fixierten Gesellschaft: Musikunterricht fördert das Bildungsniveau der Schüler, verbessert miese PISA-Noten und optimiert (ich benutze diesen Ausdruck an dieser Stelle bewusst) den Menschen für den späteren Arbeitsmarkt – weil Musik genau jene Dinge fördert, die derzeit besonders brach liegen: Gemeinsinn, Solidarität, Aufmerksamkeit, Logik und vor allen Dingen: den Spaß daran, gemeinsam etwa zu erreichen.

Es ist – wenn nicht schon zu spät – höchste Zeit, dass wir die Musik in unseren Schulen wieder ernst nehmen.

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Kommentare

  1. Lola
    6. November 2017 at 20:25

    Ich unterschreibe jedes Wort und werde verstärkt ein Auge auf den Musikunterricht meiner Kinder haben. Bisher hatten wir keine Ausfälle, aber das kann ja noch kommen. Ich gehöre zu denjenigen, die ihre Kinder in die Städtische Musikschule schicken, die dort hervorragenden Instrumentenunterricht bekommen. Wir haben Glück, dass wir uns das leisten können.

    Eine Bitte am Rande: Sehen Sie den Artikel noch einmal kritisch nach Rechtschreibfehlern durch; er strotzt davon ein bisschen arg.

  2. brueggemann
    6. November 2017 at 22:43

    Liebe “Lola” – ja, da war die Wut größer als die Konzentration… ich habe noch mal über den Text “gebügelt”, um die Buchstaben zu ordnen :-)

  3. Pascal Kaufmann
    7. November 2017 at 15:34

    Gibt es eine Quelle zu dieser Zahl, dass 80% des Musikunterrichtes ausfallen?

    Bevor ich mich aufrege möchte ich sicher gehen, dass das nicht nur an einer einzigen Schule in Berlin so ist ;-)

  4. brueggemann
    7. November 2017 at 15:43

    Der Musikrat zitiert hier eine Studie, die er gemeinsam mit Bertelsmann in Auftrag gegeben hat: https://www.waz.de/kultur/musikrat-klagt-ueber-80-prozent-unterrichtsausfall-id212452869.html

  5. Tanja Donath
    9. November 2017 at 22:05

    Ja, ich wäre auch vorsichtig mit einer Größensngabe von 80%. Bin seit Jahren über ein Sing-Projekt in diese Thematik involviert und an vielen Schulen tätig. Ich kann aus meiner Erfahrung einen hohen Anteil an Unterrichtsausfall bestätigen, doch zumindest im ostsächsischen Raum sind es bei weitem keine 80%. Doch selbst 40% sollten bereits ein Skandal sein…
    Vielmehr machen mir die Güte und der Stellenwert des Musikunterrichts Sorge. Im ländlichen Raum Ostsachsens findet Musikunterricht an Grundschulen durch überwiegend fachfremd unterrichtende Lehrkräfte statt. Ich meine, diesbezüglich über einen Anteil von 80-90% gelesen zu haben. Aus meinem Erleben kann ich sagen, dass sich viele GrundschullehrerInnen grosemarie Mühe geben, es sind auch richtige Talente dabei. Doch leider oft habe Musikunterricht erlebt, wo es mehr darum ging, über Musik zu sprechen, etwas zu malen, eine Mehrzahl brummender und schreiender Kinder. Wir brauchen hochqualifiziertes Personal an unseren Schulen! Warum gibt es kein Programm, welches Musiker, die sich andernorts für einen Hungerlohn verdingen, ohne zu hohe Hürden für die Schulmusik qualifiziert? Mit Hürden meine ich die Verpflichtung für Seiteneinsteiger im Lehrerberuf, Lehramt mit mindestens einem weiteren Unterrichtsfach berufsbegleitend zu studieren. Was ja letztendlich heißt, diese hochqualifizierten Musiker unterrichten dann bspw. noch Mathematik o.ä. Ich selbst bin in dieser Situation. Da ich alleinerziehend mit drei Kindern bin und als Opernsängerin bzw. Diplom-Gesangspädagogin im ländlichen Raum Ostsachsens keinen familienfreundlichen und genügend gut bezahlten Job finde, habe ich mich für den Seiteneinsteiger entschieden. Jahrelang habe ich mich über die Leitung eines Sing-Projekts im Bereich Kinderstimmbildung/Kinderchorleitung/Methodik und Didaktik kindgerechten Singens weitergebildet, habe selber zahlreiche Fortbildungen zu diesen Themen geleitet. Nun bin ich im Schuldienst eingesetzt und unterrichte vorwiegend Mathematik und Deutsch – Musik nur eine Stunde…
    Der schwindende Stellenwert qualitätsvollen Musikunterrichts und der für Kinder so gut geeignete klassische Musik beschäftigt mich sehr und begegnet mir täglich.
    Antworten auf die Frage, warum niemand Aufstand übt, habe ich in Klaus Norberts Buch “Idioten made in Germany – Wie Wirtschaft und Politik Bildungsverlierer produzieren”. Da der Autor nicht nur Unternehmensberater und Wirtschaftsjournalist ist, sondern auch Musiker, bezieht er in sein Buch genau jene Frage mit ein, warum es die Politik zulässt, der breiten Masse an Heranwachsenden eine angemessene musikschule Bildung vorzuenthalten. Wagner in Bayreuth (wie nun auch die Elbphilharmonie) sind für die Eliten, Bernsteins grandiose Fernseh-Serie über Musik für Kinder läuft nur nachts im öffentlich-rechtlichen TV-Programm. Dafür aber gibt’s unkommentiert Lady Gaga und Co. schon für die Kleinsten. Die (kommerzielle) Massenverdummung hat System und schreitet voran. Emotionale, leise Töne hören heutzutage nur noch die wenigsten – meist gehen sie unter im Geschrei, Gekreische und Gegröle.

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