Musikwettbewerbe: Und raus bist du!

(Bundeswettbewerb

Sie spielen sich um Kopf und Kragen und vielleicht auch um ihre Kindheit. Es gibt weit über 50 große Musikwettbewerbe für Kinder und Jugendliche in Europa. Ist das sinnvoll?

Aus den Zügen, Straßenbahnen und Autos quellen rotwangige, gut gelaunte junge Leute. Die Sonne spiegelt sich in bonbonfarben lackierten Instrumentenkästen. Es liegt eine prickelnde Energie in der Luft, eine Art aufgeregte Erwartung, nervöse Vorfreude. Es ist Bundeswettbewerb „Jugend musiziert“. Es ist jene Woche im Jahr, in der rund 2.500 Musiker zwischen 13 und 21 Jahren immer in einer anderen Stadt zusammenkommen, um die letzte Runde von Deutschlands größtem Musikwettbewerb für junge Laienmusiker auszutragen. Den heranwachsenden Musikern ist eines gemeinsam: Sie haben sich bereits auf Regional- und Landesebene behaupten können – und zwar gegen sage und schreibe 20.000 Mitstreiter. Sie sind bereits angekommen in der „Bundesliga“ der Musikwettbewerbe. Doch wird es nun nicht umso gnadenloser sein zu scheitern? Tragen Musikwettbewerbe nicht dazu bei, aus inspirierten, kreativen jungen Menschen seelenlose Musizierautomaten zu machen? Sollte es nicht wenigstens in diesem Alter noch ein „Musik machen mit“ statt ein „Musik machen gegen“ sein? Stecken bei Kindern nicht zu oft überambitionierte Eltern oder von Ehrgeiz zerfressene Lehrer dahinter, die ihr eigenes Scheitern kompensieren? Und: Ist eine Bewertung von Kunst nicht per se hoffnungslos subjektiv?

All diese Fragen hat Reinhart von Gutzeit, seit vielen Jahren Vorsitzender des Projektbeirats und gute Seele von „Jugend musiziert“, schon hundertmal gehört. Und hat eine Menge sehr guter Antworten darauf parat. Die Vorstellung, Musik sei von ihrem Wesen her uneitel und ganz auf harmonisches Zusammenwirken ausgerichtet, sei ein Trugbild. Sobald ein Mensch die Bühne betrete, sei unwillkürlich ein gewisser Wettbewerbsgedanke dabei und gehöre vielleicht auf ganz natürliche Weise zum vielschichtigen Wesen der Musik. Liegt nicht eine unheimliche Faszination darin, Instrumente bis an ihre Grenzen zu treiben, die Virtuosität und Leistungsfähigkeit ihrer Spieler auf das Äußerste auszureizen?

Gut, aber muss man bereits Kinder diese Last tragen lassen? Von Gutzeit betont, dass eine sinnvolle pädagogische Herausforderung nicht gleichzusetzen sei mit krankmachendem Druck. Gerade musikbegeisterte Jugendliche seien motivierter und leistungsbereiter als die meisten ihrer Altersgenossen, hätten Lust, miteinander in Wettstreit zu treten. Wenn Wettbewerb ein urmenschliches Bedürfnis ist, sollte man Kinder nicht überängstlich davor „beschützen“, Erfolge und Misserfolge ertragen zu lernen.

Was die Hyper-Eltern und Hyper-Lehrer betrifft: Ja, es gibt sie! Aber sie sind Randerscheinungen. „Und muss man nicht akzeptieren, dass auf einigen Instrumenten, so wie in manchen Sportarten, außerordentliche Leistungen nur erbracht werden können, wenn die Grundlagen schon in früher Kindheit gelegt werden, und auch, dass dieser Weg ohne intensive, aufopfernde Betreuung durch eine erwachsene Bezugsperson nicht erfolgreich beschritten werden kann?“, fragt von Gutzeit. In der Tat möchte man antworten, dass ohne Mama- oder Papa-Taxi allein schon ein regelmäßiger Unterrichtsbesuch für viele Minderjährige unmöglich ist.

Und was die Messbarkeit von musikalischen Leistungen betrifft: Es muss Wettbewerbsteilnehmern schlichtweg klar sein, dass sie sich einem subjektiven Geschmacksurteil aussetzen, dass es Fehlentscheidungen geben kann und geben darf. Andererseits, so von Gutzeit, gebe es auch eine Latte von „klaren und durchaus skalierbaren Maßstäben“, mit denen Juroren agieren und die früh kennenzulernen kein Schaden sei, kehren sie später doch auch in Probespielen und Examen wieder.

Aber nun: Butter bei die Fische! Wie muss ein Kinder- und Jugendmusikwettbewerb aufgebaut sein, um Probleme zu vermeiden und Nachwuchs zu fördern, statt zu entmutigen, und wie gut gelingt das „Jugend musiziert“? Immerhin hat „Jumu“ – wie die Teilnehmer ihn nennen – bereits 54 Jahre auf dem Buckel und ist damit – wenn auch nicht der Methusalem, so doch der ältere Onkel – in der europäischen Wettbewerbslandschaft. Das Wichtigste, so von Gutzeit: Es könne eben nicht nur einen Besten geben! Glücklicherweise existieren so viele unterschiedliche Musikertypen: „Exaltierte, nachdenklich-sensible, poetische, intellektuelle; Filigrantechniker auf der Suche nach absoluter Perfektion, Bachanten auf der Suche nach der Verschmelzung mit dem Publikum.“ Da gibt es auf keinen Fall nur einen Sieger, schon gar nicht in der Mischung „von allem etwas“. Die Lösung: Preise sollten immer teilbar sein. Bei „Jugend musiziert“ wird mittels Punktesystem bewertet. Das heißt, dass jeder, der für sein Alter eine absolut herausragende Leistung erbringt, auch einen ersten Preis gewinnt. In einer Kategorie und Altersgruppe können das auch einmal zehn und mehr sein. Auf diese Weise treten die jungen Musiker auch nicht in direkte Konkurrenz zu ihren Kollegen. Bei „Jugend musiziert“ gibt es darüber hinaus etliche Ensemblekategorien, etwa für Duos oder Kammermusikbesetzungen. Das soll die Freude am Zusammenspiel stärken. Gewertet werden hier auch nicht die einzelnen Teilnehmer, sondern das Ensemble als Ganzes.

Nächster Punkt ist der Umgang mit Kandidaten, die keinen Preis gewonnen haben. Bei manchen Wettbewerben erfolgt die Ergebnisbekanntgabe distanziert per Aushang – die Ausgeschiedenen können ihre Sachen packen und (möglichst geräuschlos) gehen. „Jugend musiziert“ hat hier einige Standards entwickelt: Man bemüht sich, schon im Einladungsschreiben, in der Betreuung beim Wettbewerbsgeschehen und bei der Bekanntgabe der Ergebnisse Wertschätzung für alle Teilnehmer auszudrücken. Spätestens ab Landesebene bekommen alle (!) Kandidaten nach ihrem Vorspiel ein kurzes Beratungsgespräch und damit Feedback und Tipps für ihre weitere musikalische Entwicklung. Natürlich wäre es ideal, wenn auch Lehrer, Eltern und Freunde „mitspielten“ – schon manch ein Angehöriger war enttäuschter als der Kandidat selbst.

Ein Wettbewerb braucht außerdem ein künstlerisch durchdachtes Konzept. Dazu zählt auch die Frage nach dem Repertoire, die Anlage der Kategorien. Werden nur berühmte Meisterwerke „abgenudelt“ oder wird zum Beispiel Wert auf Neue Musik und vergessene Schätze gelegt? „Jugend musiziert“ fordert nicht nur konsequent Repertoire verschiedener Stile und Epochen ein, es gibt auch Unmengen von Sonderpreisen, die die Auseinandersetzung mit Ungehörtem, Ungespieltem anregen sollen: etwa für eigene Kompositionen, Uraufführungen, Werke verfemter Komponisten oder Werke von Komponistinnen.

Was die Jury betrifft, so sieht es Reinhart von Gutzeit nahezu als „heilige Pflicht“ an, sich einer Objektivität wenigstens anzunähern, indem die Wertungen mehrerer, unabhängig voneinander urteilender Fachjuroren zusammengeführt werden. „Jugend musiziert“ tut darüber hinaus eines kategorisch, was andere Wettbewerbe trotz häufiger Ärgernisse nicht konsequent durchsetzen: Lehrer von Teilnehmern sind als Juroren ausgeschlossen!

Schließlich: Der Wettbewerb sollte nicht enden, wenn der Teilnehmer den Saal verlässt, auch wenn er eine Urkunde in der Hand hält. Echte Förderung findet dann statt, wenn der Wettbewerb Perspektiven schafft. Bei „Jumu“ winken eine Fülle von Anschlussmaßnahmen: Institutionen und Stiftungen laden Wettbewerbsteilnehmer zu Konzerten und Meisterkursen ein, es winken Stipendien, Notengutscheine, hochwertige Leihinstrumente und Geldpreise. Die Preisträger werden nicht alleingelassen.

So blicke ich nach dem Bundeswettbewerb in Hunderte glückliche und nur wenige weinende Gesichter. Dabei sein ist vielleicht trotzdem nicht alles. Aber die jungen Musiker haben sich – egal mit welchem Ergebnis – mehrere Musikstücke erarbeitet, sind tief eingedrungen in deren Klangkosmos. Und sie fallen sich zum Abschied um den Hals und tauschen fleißig Nummern und Facebook-Kontakte aus: Sie haben neue Freunde gefunden!

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