My Fair Lady: Bunt, quirlig und ein wenig skurril

(Foto: Nik Schölzel)

Eine sehr unterhaltsame und musikalisch mitreißende „My Fair Lady“ eröffnet die Augsburger Freilichtbühnen-Saison

Es war ein Welterfolg – Frederic Loewes und Alan Jay Lerners Musical „My Fair Lady“ aus dem Jahr 1956, in alle Welt hinausgetragen durch den sensationellen Film mit Audrey Hepburn und Rex Harrison. Wie nun nähert man sich heute diesem Stück nach George Bernhard Shaws „Pygmalion“, das aus dem einfachen Blumenmädchen Eliza mit der Kunst der Phonetik eine Lady macht – ohne verhindern zu können, dass das erschaffene „Produkt“ dann doch einen eigenen Willen entwickelt? Das Team um den bekannten Regisseur Thilo Reinhardt, der aus der Schule von Götz Friedrich stammt, entscheidet sich mit der Neuproduktion für die Augsburger Freilichtbühne für einen unkonventionellen, ebenso frischen wie bunten Weg, der immer wieder schrill sein darf. Passt das zum Stück? Jawohl, es passt.

Das beginnt schon bei der Bühne: Paul Zollner baut eine Art künstlich übersteigertes Ideal-England auf –  die Wallanlage auf der Freilichtbühne wird dabei zum Buckingham Palace, zu dem eine riesige Treppe mit einem ebensolchen roten Teppich (dem gesellschaftlichen Parkett) hinaufführt. Als Abgrenzung dient ein riesiges goldenes Tor, wie man es aus Walt Disney-Filmen kennt. Rechts und links säumen Bürgerhäuser die Bühne, darunter gibt es ein Pub für all jene, die ihr Leben in der Gosse oder zwischen Müllsäcken verbringen. Real sehen nur die Protagonisten und die Müllkutscher rund um Elizas verkommenen Vater aus, die Oberschicht wird von Kostümbildnerin Annette Braun stets persifliert – in übergroßen Kostümen mit toller Fernwirkung und mit starren, beängstigenden Augen. In Ascot beim Pferderennen scheinen sie der US-Zeichentrickserie „Die Simpsons“ entsprungen, beim Ball der Queen wirkt Eliza im pinkfarbenen Traumkleid wie eine Mischung aus Barbie und Cinderella, die erlesene Gesellschaft könnte auch einem Tim Burton-Film entsprungen sein. Kurz gesagt: Das Ausstattungsspektakel hat stets etwas Surreales, was dem altgedienten Musical durchaus einen besonderen Reiz verlieht.

Und was da nicht alles zu sehen ist auf der Bühne: Eine perfekt eingebundene Choreografie (Riccardo de Nigris) mit Revuegirls in Biotonnen und einer x-mal vervielfachten Eliza, die im neonfarbenen Negligé „Ich hätt getanzt heut Nacht“ singen und tanzen darf. In Ascot gibt es echte Pferde, für die Queen einen Mops, dazu schöne Oldtimer – und als dann „Her Majesty“ persönlich eine Ansprache hält und anschließend mit der Pferdekutsche und der Karikatur des Prince of Wales die Huldigungen des Publikums entgegen nimmt, bleibt kein Auge trocken.

Gesellschaftskritik? Geschlechterkampf (zwischen Sprachprofessor Higgins und seinem „Versuchsobjekt“ Eliza)? Gar Liebe? Nun, es ist von allem ein bisschen – vor allem aber ein rundum buntes und märchenhaft-phantasievolles Geschehen, bei dem man nicht immer allzu hintersinnig nachdenken muss. Am Ende bleibt offen, ob Elizas Rückkehr zum schrulligen Junggesellen-Professor Realität oder Traum ist.

Musikalisch hat Eberhard Fritsche die Augsburger Philharmoniker, den Opern- und Extrachor des Theaters Augsburg perfekt und äußerst schwungvoll im Griff. Darstellerisch herausragend sind Cathrin Lange als anfangs herrlich vulgäre, dann weiblich verletzliche und schließlich selbstbewusste Eliza Doolittle und Christian Heller als Professor Henry Higgins. Stefan Nagel gibt einen idealen Oberst Pickering. Lediglich Christopher Busietta bleibt als rollschuhlaufender, blumenbekränzter Verehrer Freddy ein wenig blass – was aber vor allem daran liegt, dass die Regie diese Partie arg ins Lächerliche zieht. Zwischen Super-Prolet und schmierigem Emporkömmling präsentiert sie auch einen sehr überzeichneten Alfred Doolittle, der vom Müllmann zum Zuhälter-Typen im rosa Pelzmantel mutiert. Das spielt Markus Hauser zwar sehr gut, aber es fehlt ihm ein wenig an Stimme für diese Partie. In Sachen Format kann schließlich Eva Maria Keller als resolute Mrs. Higgins punkten.

Fazit: Das knallbunte Freilicht-Vergnügen macht einmal mehr so richtig Spaß!

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