Neues Musiktheater für Kinder

Vielfältig sind sie geworden, die Spielpläne im Bereich des zeitgenössischen Musiktheaters für junges Publikum! Vorbei sind die Zeiten, in denen die Theater und Opernhäuser einmal im Jahr eine Kinderoper produzierten, um junges Publikum heranzuführen, zu begeistern und zu zukünftigen Opernbesuchern zu machen. Unsere Autorin hat sich in den Spielplänen 2017/18 nach Spannendem für den Nachwuchs umgesehen.

Theaterarbeit mit und für Kinder meint heute mehr: nämlich Begegnungen zu schaffen mit Musik und Theater und darüber Erfahrungsräume für eine Begegnung mit dem Noch-nicht-Gesehenen und Noch-nicht-gehörten zu ermöglichen. Eine unermüdlich forschende Schar mutiger Theatermacher konnte, unterstützt durch die Intendanten, die Politik und weitblickende Sponsoren, seit den letzten zwanzig Jahren Erfahrungen sammeln, die sich mittlerweile deutlich in den Spielplänen abzeichnen: So finden sich neben werkhaft geschlossenen Produktionen, zahlreiche Stückentwicklungen von und mit Kindern, denen meist auch das Forschen nach neuen musikdramatischen Erzähl- und Ausdrucksformen eingeschrieben ist.

Beinahe wie ein Motto lässt sich die Spielzeit 2017/18 mit dem Thema „Fremdheitserfahrung“  überschreiben. Beispielhaft erwähnt sei zunächst die Junge Oper Stuttgart, die im Juni diesen Jahres ihren 20. Geburtstag feiern konnte. Treu ihrem Gründungsgrundsatz, werden auch in der nächsten großen Premiere Krieg stell dir vor, er wäre hier (April 2018) unter theaterpädagogischer Anleitung jugendliche Laiendarsteller und professionelle Musiker / Sänger an der Frage „Was ist eigentlich Heimat?“zusammenarbeiten. Das Libretto basiert auf dem gleichnamigen Buch von Janne Teller; die Musik stammt von Marius Felix Lange, der bereits zahlreiche Kompositionen für junges Publikum geschrieben hat. In einem partizipativen Projekt befragen an der Bayerischen Staatsoper junge Geflüchtete und Münchner Jugendliche mit und ohne Migrationshintergrund den religionsübergreifenden Stoff “Moses” auf seine heutige Bedeutung und auf die Möglichkeiten einer musikdramatischen Umsetzung (Komposition und Arrangements Benedikt Brachtel).

Ebenfalls um ein musiktheatrales Rechercheprojekt  mit Jugendlichen handelt es sich bei Der Schrei des Pfauen in der Nacht an der Deutschen Oper Berlin (April 2018), in dem es um die Frage nach der eigenen Herkunft gehen wird und wie man erinnertes Hörbar machen kann. Um eine Auftragskomposition der Komischen Oper Berlin handelt es sich bei der Kinderoper Die Bremer Stadtmusikanten des türkische Komponist Attila Kadri Şendil (September  2017): Vier Vertriebene nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und erfahren, um wie viel stärker man als Gruppe ist. Die Zweisprachigkeit des Librettos erweist sich dabei als ein selbstverständlicher Bestandteil des Lebensalltags der vier Freunde. Um das Ablegen von Vorurteilen geht es in der Oper Ein sanfter Riese (März 2018, Deutsche Erstaufführung) an der Staatsoper Hannover, die der britische Komponist Stephen McNeffs nach dem gleichnamigen Kinderbuch von Michael Morpurgo geschrieben hat. Das Team des Jungen Theaters Münster fragt hingegen danach, welche Klänge sich an die Erinnerung der eigenen Kindheit knüpfen. Wie klingt Nimmerland? ist eine Collage aus akustischen und performativen Bildern von hundert Jahren Kindheitsabschied mit Motiven aus Peter Pan von J.M. Barrie und anderen (z.T. autobiografischen) Texten.

Gespannt sein darf man außerdem auf die Deutsche Erstaufführung der Oper Coraline am Theater Freiburg (Juni 2018). In Ihrem neuen Zuhause entdeckt die neunjährige Coraline eine Parallelwelt und muss sich dort großen Gefahren stellen. Der Komponist Mark-Anthony Turnage zählt zu den erfolgreichen Vertretern der Neuen Musik, mit einer Verbundenheit zum Jazz. Und auch für kleinere Kinder (ab 5) wird am Oldenburgischen Staatstheater das Thema Fremdheit in einer musikalischen Stückentwicklung (November 2017) aufgegriffen: In Der Bär, der nicht war des belgischen Komponisten Frederik Neyrinck begibt sich ein Bär auf eine musikalische Reise durch einen wundersamen Wald. Dabei muss er erfahren, was es heißt, auf sich alleine gestellt zu sein und eigene Entscheidungen zu treffen zu müssen. Dabei verwandelt sich der wundersame Wald, der für das Leben selbst steht, in ein großes Instrument.

Neben diesen Uraufführungen finden sich aber auch Neuinszenierungen und Wiederaufnahmen bestehender „Klassiker“ wie Gordon Kampes Musiktheater Kannst du pfeifen Johanna? am Staatstheater Mainz, Mike Svobodas Der unglaubliche Sprotz  an der Staatsoper unter den Linden, Gold an der Jungen Oper Stuttgart oder auch Ingfried Hoffmanns Jazzoper Die Heinzelmännchen zu Köln an der Kölner Kinderoper. Und sogar einige erfolgreiche musikalische Stückentwicklungen sind als Wiederaufnahme auch in dieser Spielzeit zu sehen: u.a. zweieinander am Staatstheater Mainz (Musiktheater für die Allerkleinsten über das Thema “Grenzen”), Das Geheimnis der blauen Hirsche an der Deutschen Oper Berlin oder auch Moritz Eggerts’ Teufels Küche, eine theatrales Spektakel zwischen Küche und Konzert.Ein Neustart vollzieht sich in dieser Spielzeit an der Jungen Oper Mannheim. Diese startet, neben einer Adaption von Rossinis Aschenputtel, mit einer Kammerfassung Pellás und Mélisande von Steven Tanoto (März 2018). Ein neuer Fokus auf das Musiktheater ist fortan auch an der Schauburg München gleich mit zwei Stücken zu beobachten: dem Musiktheater Peter und der Wolf von Thomas Hollaender und Markus Reyhani nach dem Märchen von Prokofjew und mit Juliane Kleins “Klassiker” Der unsichtbare Vater.

Es gibt viel zu hören und zu sehen in dieser neuen Spielzeit….!

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