Nicht ohne meinen Mann

Ohne Liebe keine Oper. Aber müssen reale Paare der Klassik auch immer gemeinsam auftreten? Ein Zwischenruf.

Von Axel Brüggemann

Liebe ist eine schöne Sache. Aber der Beruf des Opernsängers ist dieser schönen Sache nicht  immer förderlich: Hotelbetten, lange Reisen, Küsse per Skype und Liebesbotschaften per WhatsApp. Dazu allabendliche Empfänge weit weg von zu Hause mit vielen fremden Menschen, die behaupten, beste Freunde zu sein. Zwar müssen große Stimmen am Abend regelmäßig die große Liebe besingen, die Turbulenzen Amors wie in „La Traviata“ bewältigen, flirrende Affären wie in „Cosi fan Tutte“ über die Bühne bringen oder selbstlos als Ehe-Revolutionäre für eine bessere Welt in den Tod gehen wie in „Andrea Chenier“. Aber wenn der Vorhang gefallen ist, zurück im Hotelzimmer, wartet oft die große Leere, das profane Nichts, die endlose Sehnsucht nach einem zu Hause, nach Familie und Geborgenheit.

Natürlich sind Musiker – egal wie groß sie die Liebe auf der Bühne in Szene setzen – am Ende eben auch nur Menschen. Und ein Großteil der Menschen lernt seinen Partner im Job kennen. Nach einer Statistik kommen die meisten Paare über Freunde zueinander (27%), viele beim Ausgehen (16%), aber mit 11% folgt bereits der Arbeitsplatz als eine der erfolgreichsten Liebesbörsen. Besonders relevant ist er in jenen Jobs, in denen man leidenschaftlich arbeitet, in dem man viel über seinen Beruf redet, über Kollegen, über die Arbeit an sich, wenn der Job nicht aufhört, sobald man die eigenen vier Wände betritt. All das trifft auf Opernstars in besonderem Maße zu. Es ist wahrscheinlich nicht leicht, einen Menschen zu finden, der all die Entbehrungen, welche die Kunst dem Künstler abverlangt, mitträgt. Und natürlich sei jedem das Glück der Liebe gegönnt. Welch großartiger Zustand ist es schließlich, wenn beide Partner in der gleichen Liga spielen, wenn nicht nur ein gemeinsames Verständnis für die Arbeit des anderen die Liebe trägt, sondern wenn gemeinsame Auftritte, Reisen und gemeinsame, wertvolle Zeit auf Touren miteinander verbracht werden können.

Traumpaare der Oper

Irgendwie scheint so ein „Traumpaar der Oper“ ja auch für die Presse und das Publikum etwas Besonderes zu sein. Vielleicht, weil an Abenden, an dem Ehefrau und Ehemann gemeinsam in die Rollen der großen Opern-Liebespaare schlüpfen, immer auch dafür sorgen, dass in der falschen Welt der Kunst, im Kosmos der gesungenen Leidenschaft, im Kraftwerk der Emotionen, immer auch ein Hauch Wirklichkeit mitschwingt, die Hoffnung, dass eine ganz normale Ehe eben nicht allein aus Sportschau und Dosenbier besteht, sondern dass es zumindest die Möglichkeit des Extremen, des besonders Leidenschaftlichen gibt, jener Momente, die größer als der Großteil einer ganz normalen Ehe sind.

So ist das Label „Traumpaar der Oper“ etliche Male bemüht worden: Natürlich bei Roberto Alagna und Angela Gheorghiu, als sie noch verheiratet waren, und selbst danach, als sie im „Tosca“-Spielfilm ganz großes Opernkino abgeliefert haben. Anna Netrebko wurde in ihrer Karriere mit ganz unterschiedlichen Partnern als Teil eines „Traumpaars“ tituliert: Natürlich an der Seite von Rolando Villazón, dann aber auch als reale Partnerin des italienischen Baritons Simone Alberghini, später des uruguayischen Bassbaritons Erwin Schrott und – inzwischen – als Traumpaar-Partnerin des aserbaidschanischen Tenors Yusuf Eyvazov, mit dem sie im Oktober gerade zur Eröffnungspremiere der Mailänder Scala in „Andrea Chenier“ auf der Bühne stand, und der auch auf ihrer neuesten CD „Romanza“ als Duettpartner mitsingen durfte. Ja, leider muss man„durfte“ sagen. Abgesehen vom Glück, das die Netrebko mit ihrem Ehemann (und ihren Instagam-Followern) teilt, haben ihre gemeinsamen Auftritte durchaus Potenzial nach oben, und allein die Karrieren der „Ex-Traumpartner“ der Netrebko zeigen, dass sie ohne die Diva dann eben doch seltener an großen Bühnen und bei großen Labels nachgefragt werden.

Überhaupt fällt auf, dass es besonders erfolgreiche Frauen sind, die immer wieder dafür sorgen, dass ihre Männer gemeinsam mit ihnen auftreten „dürfen“. Wer Elina Garanca für eine Gala buchen will, hat bessere Karten, wenn ihr Ehemann, Karel Mark Chichon, dirigieren darf, wer Diana Damrau verpflichten möchte, hat bessere Chancen, wenn es auch eine Rolle für ihren Mann, den Bass-Bariton Nicolas Testé gibt. Einst war es Simon Rattle, der gern mit seiner Ehefrau Magdalena Kozena in der Berliner Philharmonie und auf Tourneen programmiert hat. Und es müssen auch nicht immer Ehen sein, die gemeinsame Verpflichtungen nach sich ziehen: Montserrat Caballé gibt sich schneller die Ehre, wenn sie ihre singende Tochter Montserrat Martí mitbringen kann.

Das Problem der Liga

Das Problem bei all diesen gemeinsamen Auftritten ist, dass Ehemann und Ehefrau nicht immer in der gleichen Liga musizieren. Sicher, das gibt und gab es immer. So galt die Sopranistin Mirella Freni gemeinsam mit dem Tenor Nicolai Gedda als „Traumpaar der Oper“, aber noch öfter trat sie mit ihrem großartigen Ehemann, dem Bass Nicolai Ghiaurov auf. Eine musikalische Beziehung auf gleichem Niveau, die, wenn man ehrlich ist, am Ende allerdings doch eher selten ist.

Was alles möglich wäre

Nun hat niemand das Recht, den privaten Umgang zwischen Familienplanung und Programmplanung in Frage zu stellen, mehr noch: Es ist doch klar, dass jeder lieber mit seinem Partner reist und auf der Bühne steht, als allein für die hehre Kunst zu kämpfen, dass es kaum etwas Schöneres gibt, als mit den Kindern auf Reise zu gehen, die Familie einfach mitzunehmen! Aber vielleicht ist es doch zuweilen sinnvoll, daran zu erinnern, was möglich wäre, wenn man an die vergeudeten Möglichkeiten eines Abends, einer Aufnahme oder eines Programm-Zyklus denkt, der frei von privaten Interessen geplant würde. Vielleicht gäbe es dann mehr wirkliche „Opern-Traumpaare“ wie Freni und Gedda, wie Callas und Di Stefano, wie Kaufmann und Harteros, wie Beczala und Netrebko, die – nachdem der Vorhang gefallen ist, zurück zu ihren Familien gehen. Denn auch das ist ja Familie: Die Möglichkeiten des Partners zu unterstützen. Schließlich bestellen wir zu Hause auch keinen Heizungs-Installateur, der zwar super ist, aber darauf besteht, dass seine Frau die Anschlüsse legt, oder eine Innenarchitektin, die unser Wohnzimmer nur unter der Bedingung einrichtet, dass ihr Mann die Möbel baut. Und am Ende ist auch das Singen und Spielen von Opern ein Beruf, eine Berufung, die Publikum und Künstler besonders dann erfüllt, wenn die Kunst an sich den Zauber ausmacht und nicht der Klatsch, der sie begleitet.

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