Eine Hand liest die Noten, die andere spielt

(Foto: Yuji Hori)

In Japan und China ist er fast so bekannt wie Lang Lang. Seine Debut-CD verkaufte sich dort so oft wie ein Pop-Hit, und im Sommer gewann er den internationalen Van-Cliburn-Klavierwettbewerb. Dabei ist Nobuyuki Tsujii erst 21. Und: Er ist blind.

Es sind noch ein paar Sekunden, bis er am Flügel sitzen und sich wieder ganz sicher fühlen wird. Lange Sekunden. Bis dahin ist es seltsam ruhig. So fremd. Oft hört Nobuyuki Tsujii nicht nur, wie das Publikum atmet und hüstelt, während es auf ihn wartet. Er kann es laut klatschen hören, manchmal jubelt sogar schon jemand seinen Namen, „Nobu, Nobuuu!“, wenn er auf die Bühne tritt. Er tritt so gut wie immer im Smoking auf, der Kopf ist dabei leicht gesenkt.

Nobuyuki Tsujii ist 21 Jahre alt, seine Debut-CD hat sich in Japan und China mehr als 240.000 Mal verkauft. Das ist viel für eine Klassik-CD. Sehr viel. In China und Japan ist er ein Star, fast so bekannt wie Lang Lang. An diesem Abend ist er aufgeregt wie selten. „Das europäische Publikum ist anspruchsvoll“, sagt Nobuyuki Tsujii. „Es ist an die besten Musiker gewöhnt.“

Das Publikum in Berlin ist anspruchsvoll, keine Frage. Es schenkt dem jungen Pianisten einen höflichen Auftrittsapplaus, ein Herr im Anzug führt ihn vorsichtig zu seinem Hocker. Der Konzertsaal hat eine überschaubare Größe, trotzdem ist er nicht voll. Nobuyuki Tsujii legt seine Hand auf den Flügel, verbeugt sich. Setzt sich hin. Vermisst mit der rechten Hand den Abstand zur höchsten Note, als vergewissere er sich noch einmal, wo die Tasten liegen. Er macht das immer. Nobuyuki Tsujii ist von Geburt an blind.

Als er ein Junge ist, etwa zwei Jahre alt, singt seine Mutter ihm „Jingle Bells“ vor, und der kleine Nobu spielt die Melodie auf einem kleinen, weißen Plastikklavier nach. Das ist der Anfang. Er spielt dann alles nach, was er hört und was ihm gefällt. Irgendwann bekommt er ein großes Klavier und lernt die Stücke in der Braille-Schrift. Eine Hand liest die Noten, während die andere spielt, aber um dann mit beiden Händen zu spielen, muss er sich die Töne eingeprägt haben. Das ist mühsam, außerdem gibt es nur wenig Klavierliteratur in Braille-Schrift. Schließlich findet er einen Lehrer, der jede Stimme einzeln auf dem Klavier spielt und auf CD aufnimmt. Dabei versucht er, die Aufnahme nicht mit eigener Interpretation zu färben, damit der Schüler möglichst wenig beeinflusst wird.

„Einen Vorteil habe ich doch durch meine Blindheit“, sagt Nobuyuki Tsujii. „Jeden Ton höre ich sehr genau und lerne dabei sogar schneller als andere Pianisten.“

So lernt Nobuyuki Tsujii selbst unfassbar filigrane Läufe wie die von Franz Liszt.

Am Tag nach dem Konzert empfängt uns Nobuyuki Tsujii in seinem Hotelzimmer. Er weiß, dass die Europäer einem gern die Hand geben, und das tut er zeitgleich mit einer höflichen Verbeugung. Dann versinkt er für das Gespräch in einem gepolsterten Sessel. Auf dem Hocker neben ihm sitzt der Vertreter seines Plattenlabels in Deutschland und übersetzt ins und aus dem Japanischen. Nobuyuki Tsujii lacht oft und wiegt den Kopf, wenn er eine Frage gehört hat, aber man weiß nicht genau, was der freundliche Manager zu ihm gesagt hat. Es ist ein bisschen wie in Sophia Coppolas Film „Lost in Translation“.

Seitdem Nobuyuki Tsujii vergangenen Sommer als erster Japaner den Van-Cliburn Klavierwettbewerb in Texas gewann, reist er durch die Welt, gibt Konzerte und noch mehr Interviews. Er ist bisher noch nie so lange von zu Hause weg gewesen.

„Als ich hörte, dass ich den Wettbewerb gewonnen habe, stand ich erst wie unter Schock“, sagt er. „Seitdem habe ich kaum Zeit für mich. Das macht zwar Spaß, aber manchmal auch ein bisschen Angst.“

Ein Kamerateam vom japanischen Fernsehen begleitet Nobuyuki Tsujii auf seiner Tournee durch die Schweiz, England, Serbien, Russland und Deutschland. Alles wollen sie einfangen: Wie er den fremden Journalisten Interviews gibt, wie er spielt, wie das Publikum auf ihn reagiert. Ob die Fans ihm teure Schokolade schicken wie in Asien oder seinen Namen schreien. Sie wollen dem japanischen Publikum zeigen, dass das „Nobu-Fieber“ auch die Europäer packt. Am Abend des Konzerts in Berlin haben sie sich im Saal an drei Kameras positioniert, einer direkt an der Bühne, einer im Publikum, einer auf dem Balkon. Das „Nobu-Fieber“ allerdings zeigt eine gewisse Inkubationszeit.

Die beiden Chopin-Nocturnes, mit denen Nobuyuki Tsujii sein Konzert eröffnet, zwingt er in einen strengen, schnellen Rhythmus, lässt sie wütend anschwellen. Das Poetische ist (noch) nicht seins, eher das Kräftige, Verspielte. Virtuos auch die Papillons von Robert Schumann, dann der Liszt. Das Publikum im Saal wirkt überrascht, klatscht zur Pause nicht jubelnd, aber anerkennend. Ein junger Japaner, der sich traut, die großen romantischen Pianisten zu spielen, Chopin, Schumann, Liszt. Kein Programm, das selten und schon allein deshalb interessant ist. Nobuyuki Tsujii greift ins Volle.

„Ich möchte das spielen, was ich selbst liebe“, sagt er dazu. „Ich verbinde viel mit den Stücken. Und ich möchte dem Publikum zeigen, wie ich sie sehe.“

Die „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky sind es schließlich, die den Funken zum Publikum überspringen lassen. Alle jubeln. Nobuyuki Tsujii war als Achtjähriger das erste Mal in Russland. Das Land habe einen ganz bestimmten Klang, sagt er. Das Wasser, wie es plätschert, fließt und rauscht. Die Menschen auf der Straße, wie sie sprechen, gehen, singen. Die Wälder. Die Luft. All das hat er wieder gefunden in Mussorgsky.

Der junge Pianist, der blind geboren wurde, spielt nicht nur Klavier. Er möchte zeigen, was er in den Tönen sieht.

Nobuyuki Tsujii

Der 21-jährige Japaner Nobuyuki Tsujii wurde aufgrund einer Krankheit blind geboren. Im Alter von vier Jahren begann seine musikalische Ausbildung in seiner Heimatstadt Tokio, mit zehn Jahren hatte er sein Konzertdebüt mit den Osaka Century Symphonikern. Zwei Jahre später spielte er bereits in der Suntory Hall, Tokyo. Mittler­weile arbeitet er mit so bedeutenden Dirigenten wie Yutaka Sado.
Nobuyuki Tsujii: Klavierkonzert 2 & Piano Pieces
Challenge Class (SunnyMoon Distribution)
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