Nur Geige? Nein danke!

Alina Pogostkina im Kaisersaal der Münchner Residenz.

Als Alina Pogostkina den Sibelius-Violinwettbewerb gewann, änderte sich ihr Leben. Wie sie mit den vielen Reisen, ihrer Nationalität und zeitgenössischer Musik umgeht verriet sie uns im Interview.

Trotz eines anstrengenden Konzerts am Vortag erscheint Alina Pogostkina bestens gelaunt in der Münchner Residenz und freut sich, ein paar schöne Fotos in diesem barocken Rahmen zu machen. Sie wünsche sich aber dezente Schminke, sagt sie der Stylistin. Alina Pogostkina ist keine Diva, so viel ist schon zu Beginn des Treffens klar.

crescendo: Am vergangenen Abend haben Sie Beethovens Tripel-Konzert gespielt, gemeinsam mit dem Cellisten Adrian Brendel und der Pianistin Diana Kettler. Da ist man nicht Solistin, sondern Kammermusikerin. Wie war`s?
Alina Pogostkina: Schön. Sogar besonders schön, denn es ist ja eine Kombination aus Solospielen mit Orchester. Wir sind Solisten, können uns aber trotzdem kammermusikalisch austauschen und die Musik miteinander teilen. Wir haben es alle drei sehr genossen, weil wir gerne und viel zusammen musizieren. Als Kammermusikgruppe vor einem Orchester zu stehen, ist ja eher ungewöhnlich.

Aber Sie wollten schon mit dem Ziel, Solistin zu sein, auf die Bühne, oder?
Naja, ich wurde so erzogen. Für meinen Vater war das der Traum. Dass ich es schaffe, dass ich große Karriere mache. Ich habe ­seinen Traum ein bisschen übernommen. Aber irgendwann, als ich von Zuhause ausgezogen bin und studiert habe und versucht habe, meinen eigenen Weg zu finden, habe ich gemerkt, dass es noch so vieles mehr gibt. Ich spiele gerne solo und ich bin sehr dankbar, dass ich diese Solo-Karriere habe, trotzdem merke ich, dass mein Leben so viel facettenreicher ist, wenn ich viele andere Dinge mache. Wie eben Kammermusik. Ich will bestimmt auch irgendwann mal unterrichten und studiere jetzt zusätzlich Barockmusik, mache auch mehr zeitgenössische Musik. Ein Komponist schreibt gerade ein Violinkonzert für mich! Einfach lauter spannende Sachen.

Gerade erscheint Ihre Gesamteinspielung der Werke des lettischen Komponisten Pēteris Vasks. Muss man sich zeitgenössischer Musik anders nähern als einem Beethoven-Violinkonzert?
Es ist schwieriger. Ich habe lange Zeit gesagt: „Zeitgenössische Musik ist überhaupt nicht mein Fall. Sie bewegt mich nicht, das mag ich nicht. Ich will lieber ‚richtige‘ Musik spielen“. Ich musste erst an den Punkt kommen, an dem ich mich mit zeitgenössischer Musik beschäftigen wollte.

So geht es sicherlich auch vielen Konzertbesuchern.
Ja, man wird als Kind eben nicht oft in Konzerte mitgenommen, wo dann wirklich ganz moderne Musik gespielt wird. Auch als Musiker wächst man mit der Musik von Beethoven und Brahms auf, aber nicht unbedingt mit zeitgenössischer Musik. Deswegen muss man sich das Verständnis dafür erstmal erarbeiten. Und klassische Musik ist nun mal eine Musik, die einen gewissen Zugang braucht – vor allem zeitgenössische. Weil sie eine andere Sprache spricht. Und diese muss man erst verstehen lernen. Ich bin aber froh, dass bei mir irgendwann die Zeit gekommen ist, in der ich mich darauf eingelassen und gemerkt habe, dass ich mich öffnen muss, weil mir sonst ein Großteil der Musik entgeht.

Sie leben mitten in Berlin. Beschweren sich da nicht manchmal die Nachbarn, wenn Sie üben? Gerade bei zeitgenössischer Musik?
Nein, zum Glück nicht. Sie beschweren sich eher, wenn ich zu laut staubsauge (lacht).

Wie kam es zu der Zusammenarbeit mit Pēteris Vasks?
Sein Violinkonzert, das er für Gidon Kremer geschrieben hat, hatte ich schon im Repertoire. Das ist ja fast ein Standardwerk für Geige. Ich spielte es dann bei einem Festival, wo Vasks „Composer in Residence“ war. So haben wir uns kennengelernt, und er mochte meine Art sein Konzert zu musizieren sehr. Er hat sich dann gewünscht, dass ich sein Gesamtwerk für Violine und Orchester aufnehme – eine sehr große Ehre für mich! Ich liebe seine Musik sehr, es ist eine spirituelle Musik.

Vasks arbeitet in seiner Musik viel mit volkstümlichen Elementen, die er dann musikalisch in zeitgenössische Kontexte stellt. Haben Sie noch einen Bezug zur russischen Volksmusik?
Leider nicht so viel. Nur das, was in der klassischen Musik vorkommt. Ich habe mich von Russland in den letzten Jahren nicht entfernt, aber ich spüre, dass ich viel zu wenig weiß über das Land, aus dem ich komme.

Sie sind in St. Petersburg geboren …
… und ich war seit zwölf Jahren nicht mehr dort! Ich erinnere mich kaum noch an die Stadt, und ich merke immer mehr, wie sehr es mir fehlt, zu meinen Wurzeln Kontakt zu haben. Am meisten spüre ich Russland noch, wenn ich russische Musik spiele. Dann merke ich, dass ich einen natürlichen Bezug dazu und ein natürliches Gespür dafür habe. Da spüre ich, dass eben doch ein großer Teil von mir russisch ist und russisch bleiben wird, auch wenn ich schon lange nicht mehr in diesem Land lebe.

Möchten Sie als russische oder als deutsche Geigerin wahrgenommen werden?
Ich möchte eigentlich nicht, dass das eine Rolle spielt. Im Endeffekt geht es doch um die Persönlichkeit. Trotzdem merke ich natürlich, dass es mich geprägt hat, dass ich die ersten 15 Jahre auf der Geige in der Tradition der russischen Schule unterrichtet und erzogen wurde. Danach habe ich das ganze Studium über von einer deutschen Lehrerin gelernt. Ich bin also sowohl als Mensch als auch als Musikerin von beiden Ländern beeinflusst. Und das ergänzt sich gut, obwohl es zwei sehr unterschiedliche Schulen sind. Ich konnte aus beidem etwas schöpfen und daraus mein Eigenes kreieren. Ich fühle mich als Europäerin.

Sie haben in den vergangenen Monaten viele Konzerte gegeben, mit großen Orchestern und Dirigenten gearbeitet. Hat Sie eine Zusammenarbeit besonders beeindruckt?
Ich finde es aufregend, dass im Moment scheinbar eine neue Ära anbricht. Es gibt viele junge Dirigenten. Sie wirbeln die Szene mit neuer Energie und neuen Ideen auf. Ich habe das Gefühl, dass man so als junger Solist noch mehr auf Augenhöhe arbeiten kann. Als ich jünger war, habe ich mich viel getrennter gefühlt von den Dirigenten und Orchestern. Aber mittlerweile habe ich meine Rolle eingenommen: Wir sind Kollegen, die zusammen etwas schaffen. Deswegen versuche ich auch immer die Menschen kennenzulernen, mit denen ich musiziere. Je älter ich werde, desto leichter wird es, weil man nun auch ernster genommen wird und nicht mehr „nur“ ein Wunderkind ist. Ich habe in den letzten Jahren mit vielen tollen jungen Dirigenten gearbeitet, zum Beispiel Andris Nelsons und Robin Ticciati.

Hätte es denn eine Alternative zur Musik gegeben?
Nein, nicht wirklich. Die Musik wurde mir ja quasi in die Wiege gelegt. Es gab immer Musik, immer Geige – es war ganz natürlich, dass ich das Instrument lerne.

Haben Sie mal daran gezweifelt, ob es das Richtige ist?
Phasenweise. In der Pubertät, als die Zeit des Wunderkinds vorbei war und sich das Bewusstsein eingeschaltet hat: Du stehst auf einer Bühne, und alle schauen Dich an. Ich habe als Teenager nie bewusst die Entscheidung getroffen: Ich will jetzt Musikerin werden. Meine Mitschüler habe ich manchmal beneidet, denn sie konnten sich nach dem Abi fragen: Was mache ich denn jetzt? Sie hatten die Freiheit, ihren Weg selbst zu bestimmen. Konnten erst einmal eine Weltreise machen. Aber ich habe irgendwann gemerkt, dass Musik das ist, was ich gerne mache. Dass ich nichts lieber machen würde.

Vasks hat mal gesagt, man könne eine Liebesgeschichte nicht besser erzählen als mit Geige und Orchester. Wie sehen Sie das?
Ganz ehrlich? Mir ist es egal, welches Instrument man spielt oder ob man singt. Am Ende ist es nur ein Instrument.

Die Geige ist für Sie nur ein Instrument?
Ich sehe mich mehr als Musikerin und als Künstlerin denn als Geigerin. Es ist einfach zufällig das Instrument, das ich gelernt habe. Aber es ist mir nicht wichtig als Instrument. Ich möchte etwas erzählen. Wie ich das mache, mit welchen Mitteln oder welchem Instrument, sollte im Endeffekt egal sein. Natürlich ist die Geige aber durch ihren warmen und schönen Klang begünstigt und ich liebe das Instrument und die vielen Gestaltungsmöglichkeiten, die ich damit habe. Aber es gibt ja Leute, die richtig verliebt in ihr Instrument sind – und so bin ich nicht. Deswegen spiele ich auch weniger virtuose Stückchen. Sie geben mir überhaupt nicht das, was ich zeigen will, wenn ich Geige spiele.

Was wollen Sie denn zeigen?
Ich will wegkommen von dem Technischen, das ist für mich wirklich nur Mittel zum Zweck. Es soll auf eine andere Ebene gehen: Weg von diesem Instrumentdenken hin zu einem ‘in Musik Denken’. Ich finde es nicht gut, zu sehr auf ein Instrument fixiert zu sein. Ich habe eine Leidenschaft für die Musik. Darum geht es.

Haben Sie Zeit für sich?
Ich nehme mir Zeit für mich. Ich bin ein Mensch, der das sehr braucht und kann nicht einfach von morgens bis abends Geige spielen, dafür mache ich viel zu gerne andere Dinge: Ich tanze Tango, gehe ins Theater, lese viel. Deswegen liebe ich Bahnfahren, weil man sich dort wunderbar Zeit zum Lesen nehmen kann.

Was lesen Sie denn gerne?
Ich liebe Dostojewksi. Von den deutschen Autoren mag ich die Biographien von Stefan Zweig, seine Kurzporträts von bedeutenden Persönlichkeiten. Aber natürlich auch Hermann Hesse und Thomas Mann. Ich hab die Klassiker sehr gern.

Auch Biographien von großen Musikern?
Ja, ab und zu sehr gerne. Sie sind allerdings nicht meine Lieblingsbücher. Ich finde Musik wirklich unglaublich spannend, es gibt nichts schöneres in meinem Leben. Aber es ist mir wichtig, einen Ausgleich zu haben und andere Sachen kennenzulernen. Es gehört für mich zur Allgemeinbildung, mich eben nicht nur mit Musik zu beschäftigen.

Hätten Sie denn gern mal in einer anderen Zeit gelebt?
Oh ja, in Paris in den Zwanzigern. Da waren so viele geniale Leute auf engstem Raum beisammen.

Und dann mit denen im Café über Gott und die Welt plaudern?
Und dann mein Kostümchen bei Chanel bestellen (lacht)! Aber im Ernst: Mit Simone de Beauvoir und Sartre Kaffee trinken, diskutieren und philosophieren wäre wunderbar. Und doch hat jede Zeit ihre Höhen und Tiefen, und wir haben von den Zwanzigern eine idealisierte Vorstellung. Ich bin sehr dankbar, dass ich in der heutigen Zeit lebe. Dass ich eine künstlerische Freiheit habe und als Frau durch die Welt reisen darf.

Reisen Sie alleine?
Meistens ja. In der ersten Zeit, als es nach dem Gewinn des Sibelius-Wettbewerbs richtig los ging, habe ich ziemlich darunter gelitten. Ich hab immer gedacht: „Oh Mann, ich bin alleine, ich sitze nur in irgendwelchen Hotelzimmern und Fliegern rum“. Aber es ist eine Einstellungssache: Zufriedenheit und Glück kann man in sich selbst finden. Ich versuche nun immer etwas Schönes mitzunehmen und habe inzwischen die Zeit, die ich für mich alleine habe, sehr schätzen gelernt.

Wie kam‘s?
Ich habe gemerkt, dass ich die Freiheit habe, zu entscheiden, was und wie viel ich spiele, und ich mit Leuten arbeiten kann, die ich mag und schätze. Seit ich alles etwas mehr lenke und bewusster lebe, bin ich sehr glücklich mit dem Beruf. Wenn man sich Zeit nimmt, kann es ein so wunderschönes Leben sein!

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Kommentare

  1. bettine braun
    25. Juli 2017 at 22:10

    es klingt alles so natürlich und klug.
    gerne hätte ich wieder kontakt zu alina
    bettine braun
    buchenweg 1
    86919 utting
    tel. 08806 9575808

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