Nur liegen ist schöner!

(ligconcert - Liegekonzert, Jeroem van Veen)

Die Pianisten Sandra und Jeroen van Veen entwickelten das Konzept des ligconcert, bei dem das Publikum den Klängen von Einaudi, Satie oder Pärt auf mitgebrachten Matratzen liegend zuhört. Unsere Autorin legte sich in der Philharmonie Haarlem dazu.  

Stellen Sie sich vor, Sie liegen in einem Konzertsaal, eine weiche Matte schützt Sie vor der Kälte des eleganten dunkelbraunen Parketts. Wenn Sie die Augen öffnen und an die Decke blicken, sehen Sie prunkvolle Kronleuchter, umrahmt von kleinen Stuckverzierungen, und Scheinwerfer, die die Szenerie in ein warmes gelb-orangenes Licht tauchen. Ihre Fersen berühren den Boden, und Sie spüren die leichten Vibrationen der beiden Flügel, die geöffnet in der Mitte des riesigen Saals stehen. Die Klänge des unglaublich wunderbaren Stücks Gymnopédie Nr. 1 des französischen Komponisten Erik Satie füllen den Raum, schweben über Sie hinweg und direkt in Sie hinein.

Ein solches Konzerterlebnis bieten Sandra Mol und Jeroen van Veen ihrem Publikum schon seit einigen Jahren. Gemeinsam haben sie sich auf den musikalischen Minimalismus spezialisiert – wie etwa die Werke von Satie, der seine Kompositionen selbst als „Möbelmusik“ bezeichnete, eine Musik, die so natürlich im Raum stehen sollte wie Sofa und Sessel. Das holländische Pianistenpaar lernte sich bereits 1987 während des Studiums am Utrechter Konservatorium kennen – beim gemeinsamen Improvisieren am Klavier. Zunächst spielten sie nur privat zusammen, bald darauf als „pianoduo Sandra & Jeroen van Veen“ auch in ersten öffentlichen Konzerten. Damals saß ihr Publikum noch brav in den Stuhlreihen.

Die außergewöhnliche Idee zu den ligconcerten stammt von Jeroen van Veen. Seine Mutter, ebenfalls Pianistin, unterrichtete regelmäßig zuhause. Als Kind legte er sich unter den Flügel und hörte einfach zu. „Da unten klingt alles ganz anders! Viel dumpfer – und natürlich spürt man die Schwingungen im ganzen Körper, das war ein tolles Gefühl“, erinnert er sich. Dieses Erlebnis wollte der Pianist und Komponist mit seinem Publikum teilen und die Musik so einmal auf ganz andere Art und Weise erfahrbar machen. Tatsächlich gab es auch im Konzert schon Zuhörer, die sich direkt unter einen der beiden Flügel legen wollten. Da jedoch nicht das gesamte Publikum unter die beiden Resonanzkörper passt, spielen Sandra und Jeroen van Veen nicht auf der Bühne, sondern mitten im Saal, dort, wo sich sonst die Stühle aneinanderreihen.

Ein ligconcert bedeutet also viel Aufwand für ein Konzerthaus. Alle Stuhlreihen müssen ausgebaut, zwischengelagert und schließlich wieder eingebaut werden. Trotzdem ist es den Organisatoren die Mühe wert: Das Klavierduo lockt so viele junge Konzertbesucher an wie sonst kaum eine Veranstaltung. Sogar im Amsterdamer Concertgebouw wurden ihretwegen schon alle Sitze aus dem Saal verbannt – „und das ist so etwas wie der Tempel der klassischen Musik hier in Holland“, bemerkt Jeroen. Auch aus New York und Berlin gibt es schon Anfragen.

Für viele junge Menschen sind die Liegekonzerte eine tolle Gelegenheit, in die Philharmonie zu gehen. Die van Veens erhoffen sich in diesem Rahmen mit ihrem Programm aus bedeutenden Werken der Minimal Music eine Brücke zur klassischen Musik zu bauen. Andersherum war es zunächst schwierig, das etwas konservativere Publikum davon zu überzeugen, sich im Konzertsaal nicht wie gewohnt auf einen der nummerierten, gepolsterten Stühle zu setzen.

Die Leute, die am Abend die Haarlemer Philharmonie besuchen, sehen aus als würden sie an den Strand, in den Campingurlaub oder zum Mädelsabend gehen: Unzählige Plastiktüten mit Isomatten, Kissen und Decken baumeln an den Armen der Konzertbesucher, Freundinnen, Ehepaare, frisch Verliebte, Singles. Alle bereiten sich auf das Konzert vor, aber nicht mit Sekt und fachsimpelnden Gesprächen, sondern mit dem Aufblasen von Luftmatratzen. Ein Herr hat es sich bereits in einem der von der Philharmonie aufgestellten Liegestühle bequem gemacht und schießt ein Selfie. Prompt bittet ihn eine andere Dame doch auch noch ein Foto von ihr zu machen, sie legt sich auf ihr Kuschelkissen und schließt breit grinsend die Augen. Es wirkt wie eine große Übernachtungsparty, wären da nicht die Kronleuchter an der Decke und die zwei unter ihrem Licht glänzenden Steinway-Konzertflügel. Als die van Veens erscheinen, ganz in Weiß gekleidet, wird das Licht gedimmt und ein Soundscape, eine von Jeroen komponierte Klanglandschaft, eingespielt. Dann beginnt das erste Stück: Für Alina von Arvo Pärt. Die beiden Künstler spielen ohne große Gestik, ganz konzentriert und klar. Sie sind sehr offensichtlich ein eingespieltes Team. Ein paar Konzertbesucher trauen sich erst nach und nach im Liegen weiterzuhören, andere fühlen sich scheinbar schon so wohl wie im eigenen Wohnzimmer. Über den ersten Balkon ragen bald zwei Fußpaare. Von Stück zu Stück wechselt das Licht und verändert mit intensiven Farben die ganze Atmosphäre.

Man muss kein Yogi sein, um bald ganz in seiner Matte zu versinken. Auch das Umblättern der Noten stört nicht, auf den Pulten stehen iPads, geblättert wird per Fußpedal. Nur einmal stehen die Zuhörer wieder auf – nach dem Schlussakkord, um dem Duo angemessen zu applaudieren.
Arvo Pärt „Für Anna Maria“ Jeroen van Veen (Brilliant Classics)

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