Öffnen Sie die Augen, Georg Ratzinger!

Sehr geehrter Georg Ratzinger –

Sie sind müde, Ihre Gesundheit macht Ihnen zu Schaffen: der Körper, das Denken – die Augen. Und, ja, ich kann mir vorstellen, wie mühsam und anstrengend es sein muss, am Ende eines Lebens, fast erblindet, die Augen dann doch noch einmal öffnen zu müssen, wie viel Kraft es braucht, die müden Lider zu heben, nur, um in die Hölle blicken zu können: statt der angenommen 70 Missbrauchsfälle bei den Regensburger Domspatzen reden wir nun wohl von mehreren hundert, der Rechtsanwalt, der die Fälle aufarbeitet, beobachtet einen „Dominoeffekt“ der Offenbarungen und den Einsturz eines Lügengebäudes, lieber Georg Ratzinger, das Sie damals mit erreichtet haben. Hieronymus Bosch hätte sich kaum schlimmer ausmalen können, wie es unter Ihrer Leitung bei den Domspatzen zugegangen ist: Ohrfeigen, Züchtigungen, Missbrauch – im Himmel sollen angeblich die Engel singen, auf Erden wurden sie von Herzens-Zerstörern ausgebildet! Und Sie, Georg Ratzinger, müssten nur einmal noch die Augen öffnen, um Ihre Rolle dabei zu erkennen: vor Gott und der Welt.

Körperliche Züchtigung und sexuelle Übergriffe waren bei den Regensburger Domspatzen keine Ausnahme, sondern Teil der Erziehung, eines pädagogischen Systems, dem Sie vorgestanden, das Sie mit erzeugt haben, eines Monsters mit hunderten nicht sehenwollender Augenpaare. Und es ist schwer zu begreifen, warum kein Auge sah und kein Mund geöffnet wurde. Aus Angst? Aus Scham? Warum? – Diese Erklärung, Georg Ratzinger, sind Sie uns schuldig. Denn der Fakt des Wegschauens ist mindestens so erschreckend wie die Missbrauchsfälle an sich. Schließt Gott je seine Augen? Hat Jesus je seine Augen geschlossen? Und, mit aller gegebenen Ehre, Herr Ratzinger: auch Ihr langsames Erblinden und der müde Körper können keine Entschuldigung dafür sein, auch heute noch wegzuschauen und zu schweigen. An Ihrer Person hängt auch die Glaubhaftigkeit Ihrer Institution – der Katholischen Kirche.

Für Sich selber, vor Gott!

Dass Sie 2010, als die ersten Vorwürfe auftauchten, eingestanden haben selber geschlagen zu haben (bis es strafrechtlich in Bayern verboten wurde), dass Sie sich entschuldigt haben, auch dafür, angeblich nichts bemerkt zu haben – das war ein Anfang. Ein Anfang, der heute eher als Prinzip des eignen Endes zu verstehen ist: Sie gaben nur das Offensichtliche zu, wollten, dass weiter geschwiegen wird. Die Beichte aber funktioniert anders als durch das Verstecken der eigenen Verantwortung vor, ja wem eigentlich? Den Opfern? Dem Publikum? Vor sich selber? Vor Gott?

Lieber Georg Ratzinger, Sie waren zeitlebens Musiker. Ihnen unterstand zwar auch die Ausbildung ihrer Knaben, die Erziehung in der Schule, Sie aber interessierte vor allen Dingen die Musik. Damit sind Sie nicht allein. Schon Johann Sebastian Bach ließ sich freikaufen, als er die Thomaner in Leipzig übernahm, um ihnen keinen Lateinunterricht erteilen zu müssen. Auch er wollte sich lediglich an ihrer Musik erfreuen. Aber anders als Sie war Bach nicht schwach: Er kannte seine Grenzen, seine Interessen – und verstand es, sie zu organisieren. Genau daran aber, Georg Ratzinger, sind Sie gescheitert: Sie haben die Verantwortung für die Kinder in Ihrer Schule übernommen – und sie nicht wahrgenommen. Weil Ihnen die Musik wichtiger war? Weil die Disziplin die Musik erst ermöglichte? Weil Engelsstimmen nur durch Teufelsqualen entstehen?

Kastraten und Missbrauch

Erlauben Sie mir einen Vergleich: die Regensburger Domspatzen sind nicht der einzige Fall in der Geschichte der Musik, in dem Kinderleben für die Schönheit des Klanges geopfert wurden. Für einen Frainelli mussten zehntausende Kinder ihr Leben lassen: Kinder armer Menschen, die sich durch den „Verkauf“ ihrer Söhne und deren Kastration erhofften, wenigstens zu überleben. Es war die Moral der Kirche, die damals das Auftreten von Frauen bei Gottesdiensten verboten hatte, es war die Kirche, die damals nach Kastraten schrie, es war die Kirche, auf deren Kosten die Kinder Italiens verbluteten, verkümmerten oder psychisch gedemütigt und gequält wurden. Es wurde oft darüber geschrieben, ob die Stimme der Kastraten, ob die göttliche Musik, die Vivaldi, Händel und andere für sie geschrieben haben, das Leid rechtfertig. Und die moderne Antwort ist: Nein. Natürlich nicht.

Wie leben nicht mehr im Mittelalter, Herr Ratzinger, und das haben wir auch in den 50er Jahren nicht getan, als unter Ihrer Leitung hunderte von Kindern bei den Regensburger Domspatzen gequält und sexuell gedemütigt wurden. Die Katholische Kirche hatte auch damals schon die Kreuzzüge, die Hexenverbrennungen und die Autodafés hinter sich. Ihr Bruder persönlich war es, der sich zeitlebens für die Vereinigung von Logos und Glaube, von Geschichtsschreibung und biblischer Geschichte eingesetzt hat. Als Papst forderte er: „Gewissen heißt, ganz einfach gesagt, den Menschen, sich selbst und den anderen, als Schöpfung annehmen und in ihm den Schöpfer zu respektieren.“ – Darin, lieber Georg Ratzinger haben Sie damals versagt, und darin versagen sie auch in diesen Tagen, in denen Sie die eigene Blindheit und das eigene körperliche Gebrechen als Ausrede für ihr Schweigen nutzen.

Beginnen Sie zu leiden

Wir haben Papst Johannes Paul II. als Menschen erlebt, der das Amt Gottes auch als Weg des eigenen Gebrechens begriffen hat, als Passion, dem das Papstsein zuweilen zur Qual wurde – und die eigene Qual für seine Gläubigen zu einer Offenbarung. Lieber Georg Ratzinger, es ist die Zeit gekommen, dass auch sie sich auf Erden dieser Qual stellen müssen – und noch einmal ihre Augen und Ihren Mund öffnen müssen.

Der Nachfolger Ihres Bruders, Papst Franziskus, versucht in einer enormen Kraftanstrengung einen Grundfehler des Vatikans und der Katholischen Kirche zu beheben: das inhärente, menschenverachtende System des Wegschauens, der eigenen Bereicherung, der Morallosigkeit. Aber auch das Problem einer verdrängten Sexualität. Egal, in welche Religion wir schauen: Überall, wo das sexuelle Verhältnis von Mann und Frau, von Mann zu Mann, von Frau zu Frau tabuisiert wird, wo dem Menschen auferlegt wird, seinen Trieb zu bekämpfen, wo die Keule der Krankheit geschwungen wird, wenn es um Erotik und Lust geht, entstehen Defizite. Es ist wichtig, dass die Kirche gerade das thematisiert. Die aktuellen Nachrichten über die Vergangenheit der Regensburger Domspatzen sind der beste Beweis dafür, wie wichtig es ist, diese Dinge öffentlich zu machen, und dass Religionen, die den Trieb der Lust als Keim des Kranken verurteilen, selber so schnell krank werden.

Lieber Georg Ratzinger – für vieles ist es zu spät. Gebrochene Seelen können nicht mehr geheilt werden, nicht auf Erden, nicht durch den Papst – und nicht durch Sie. Aber Sie könnten wenigstens uns die Augen öffnen, jenen, die blind in der Geschichte Ihres Chores stochern, die nicht verstehen, wie es zu all dem kam. Lieber Georg Ratzinger, Sie sind müde, und sie wollen wahrscheinlich von all dem nichts mehr hören. Vielleicht haben Sie längst reinen Tisch gemacht, zwischen Ihrem Gott und ihrer Seele – aber das kann in diesem Moment nicht reichen. Ebensowenig wie die Reaktionen der Domspatzen, die auf ihrer Homepage zwar en Konzert für die Opfer des Ersten Weltkrieges ankündigen, über die Opfer in ihren eigenen Reihen aber schweigen. Der Chor, verehrter Georg Ratzinger, ist am Ende – er wird keine Zukunft haben, nicht so. Nicht, wenn sein einstiger Leiter sich nicht dazu durchringt, sich nicht allein vor seinen Herren zu stellen, es aber gleichzeitig meidet, den Schäfchen Rede und Antwort zu stehen. Es wird schmerzen, Herr Ratzinger, es wird weh tun – aber diese Passion der Reue, den Pilgerweg an das Mikrofon der wahrhaftigen, öffentlichen Beichte, das ist, was von Ihnen erwartet wird.

Erklären sie es uns

Es kann nicht sein, dass im Namen einer Religion, im Namen der Musik, im Namen der Genialität der Stimme das universelle Recht der Schöpfung missbraucht wird, so wie Sie und Ihre Schule es getan haben. Es ist auch nicht die Entschuldigung an sich, auf welche die Opfer, ihre Angehörigen oder all jene Menschen warten, die den Domspatzen jahrzehntelang die Treue gehalten haben, die in Ihrer Musik glaubten, Gott nahe zu sein und doch nur den Teufel hörten. Es ist vielmehr eine Erklärung, lieber Georg Ratzinger, auf die die Menschen warten. Eine Erklärung, die verhindern hilft, dass derartiges noch einmal passiert. Eine Erklärung, die uns wieder glauben lässt – an die Reinheit der Musik, die auf Kosten Ihrer Domspatzen verdreckt wurde.

Raffen Sie sich noch einmal auf, Georg Ratzinger, beginnen Sie die späte Passion – für uns Menschen und vor Ihrem Gott.

Axel Brüggemann

 

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Kommentare

  1. 22. Januar 2016 at 16:28

    Ich bin bestürtzt ob des Tones dieses Meinungsartikels. Aussagen wie “Hieronymus Bosch hätte sich kaum schlimmer ausmalen können, wie es unter Ihrer Leitung bei den Domspatzen zugegangen ist: Ohrfeigen, Züchtigungen, Missbrauch…” und “Körperliche Züchtigung und sexuelle Übergriffe waren bei den Regensburger Domspatzen keine Ausnahme, sondern Teil der Erziehung, eines pädagogischen Systems…”

    …sind in vielerlei Hinsicht reisserisch und schlicht dumm. Der Reihe Nach: “Ohrfeigen, Züchtigungen, Missbrauch…” und “Körperliche Züchtigung und sexuelle Übergriffe” werden zusammen in eine Kategorie gesteckt, als waere das eine Aussagekraeftig fuer das andere und die Tatbestaende auch nur annaehernd vergleichbar.

    Es erinnert mich an die fruehern Visa-Waver Fragen auf US Einreiseformularen die (ungefaehr) mit “Wurden Sie jemals einer Straftat bezichtig” anfiengen, und beim gleichen Kreuzchen “…waren sie jemals aktives Mitglied der Nazionalsozialistischen Partei.”

    Einge Gleichsetzung dieser Tatsachen ist wenigstens Nutzlos, in jedem Fall irrefuehrend, und schlimmstensfalls bewusst reißerisch. Eine Ohrfeige war noch nie das gleiche wie sexueller Missbrauch, ist es auch heute nicht; wird es nie sein. Zwar sind inzwischen auch heute Ohrfeigen offiziell tabu in der Erziehung, eine Gleichmacherei ist deswegen aus heutiger Sicht und noch viel weniger aus damaliger auch nur annaehernd gerechtfertig. Mit den Maszen einer umsichtigen, feinfuehligeren, aber auch hyper-politisch-korrekten Gesellschaft ca. 2015 die Zustaende irgendwo im Lande, Schule, Haushalt, Regensburg, Leipzig, Hinterdupfing, etc. mit denen von vor 20 oder 30 oder gar 50 zu vergleichen ist ein grosser Schmarrn. Wer damit anfaengt muss sich nicht wundern, wenn er in die gleiche Ecke gestellt wird mit denen die im Nachhinein die Adventures of Huckleberry Finn zensieren will und ueberhaupt die ganze Geschichte gerne ad usum Delphini neuschreiben bzw. neuberwerten will. Es wird der Realitaet nicht gerecht, so gut es auch gemeint ist… und so ehrlich die Entruestung einem auch in der Brust schlaegt.

    Wie es sich so trifft, war ich Domspatz zwischen 1985 und 1988, bevor ich dann erfolgreich geflohen bin. Ich fuehlte mich nie wohl… meine Zeit dort war weder gut, geschweigedenn ideal. Ich habe wenig Grund die Zeit, in der ich sehr gelitten habe, zu verklaeren. Aber dieser Ausbruch der Fern-Entruestung ist mir non doch mehr als einen Hauch pharisäisch.

    Selbstverstaendlich kann und will ich nicht behaupten, dass es Missbrauch nicht gegeben haette… ich kann es nicht beurteilen, weil ich selber keinen erlebte. Sicherlich Vorkommnisse die man aus heutiger Sicht so nennen wuerde (und damals unter Zuechtigung durchgingen), aber es damals schlicht nicht waren und von mir damals wie heute nicht als solche angesehen werden. Unfaire Praefaekten (die unbeliebtesten!), paedagogisch unbegabte, unqualifizierte, ueberforderte? Ja. Komische Freiwilligenspielchen (wer dort war, erinnert sich an “3-Sekunden Rueckschlag” beim Anstehen zum woechentlichen Samstagsduschen) die heute als sadistisch bezeichnet werden koennten? Durchaus. Aber nicht qualitativ gleichwertig mit dem schwerstwiegenden Vorwurf “Missbrauch”.

    Es waren auch nicht Zuechitung oder gar angeblicher Missbrauch, die mich im Internat ungluecklich und leiden machten, sondern die Tatsache dass ich schlicht fuer das harte Internatsleben nicht geschaffen war. Nie waren in meiner Zeit die Mitschueler nicht schlimmer zueinander als die Praefaekten zu den Schuelern.

    Wie man also einen Satz wie obenan schreiben kann, weiss ich mir nicht zu erklaeren… es sei denn man wurde tatsaechlich missbraucht (ein furchtbar verwaschenes Wort welches nichts besagt und alles Beschuldigt) oder man war nie dort.

    Zwar wuerde die Art der Erziehung die damals ueblich war nicht mehr in die heutige Zeit passen (was groesstenteils auch gut so ist), aber war damals in keiner Weise sich unterscheidend von dem, was in Privathaushaelten oder anderen Erziehungsanstalten gang und gaebe war.

    Was hier, heute, mit diesem Entruestungswetteifern ueber die Zustaende im Internat geschieht scheint mir ein grundsaetzlich falsches Messen an ueberzogenen Standards moderner Façon.

    jfl

    • Hans Wurst
      26. Januar 2016 at 13:50

      Ein ganz klarer Fall von Stockholm-Syndrom.

      • jens f. laurson
        10. März 2016 at 00:22

        Ein ganz klarer Fall von Feigheit, blöde Kommentare hinter einem (allerdings vielsagenden) Pseudonym versteckt abzugeben.

  2. brueggemann
    26. Januar 2016 at 17:39

    Lieber Herr Laurson –
    mit Verlaub, auch mir ist nicht klar, was Sie hier eigentlich verteidigen. Vielleicht interessiert Sie die Meinung eines Betroffenen, etwa von Lothar Zagrosek. https://www.br-klassik.de/aktuell/news-kritik/domspatzen-missbrauch-erlebnisbericht-102.html
    Liebe Grüße
    Axel Brüggemann

  3. jens f. laurson
    10. März 2016 at 00:45

    Lieber Herr Brüggemann,

    Ich verteidige nicht, ich sage: es wird undifferenziert und reisserisch berichtet; der mir nicht unbekannte Zagrosek Artikel ist da kaum anders. Von 1952 bis 1959 (weit vor Ratzingers Zeit) können Sie Berichte von überall hernehmen und es kommen für heutige Standards Horrorstories heraus. Es wäre einerseits naiv zu glauben, dass damals alles ausserhalb der Internate, ob Domspatzen oder andererorts, Pünktchen-und-Anton-Heiterkeit war (also so zu tun als wären die Umstände an Internaten damals überraschend, wenn man es besser wissen sollte), andererseits ist es fahrlässig und nicht hilfreich mit heutigen Standards die Vergangenheit zu beurteilen. Es sei denn, natuerlich, es geht einem nur um reisserische Clickbait-Artikel in denen die maßlose Übertreibung (“Hieronymus Bosch”, also wirklich…) zur besorgten Anteilname und moralischem Aposteltum stilisiert wird. Wenn man die rhetorischen Blümchen weglässt, kommt in der ganzen Sache ein Resümee heraus, was auch als Onion-Headline Verwendung finden könnte, so banal ist es: “Shocking Discovery Reveals Some Kids Were Occasionally Beaten by Some Parents or Prefects in the 50s and 60s”.

    Es ist im Großen und Ganzen natürlich besser wenn wir heutzutage übertreiben und uns echauffieren, als wenn wir noch auf dem Pädagogischen Standards von 1950 oder 1980 wären. Übertreiben und echauffieren sind ein sehr geringer Preis für — unterm Strich — Fortschritt. Aber es muss auch gesagt werden können, DASS wir übertreiben und uns echauffieren und dass das manchmal auch recht lächerlich wirkt.

    Mit besten Gruessen,

    jfl

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