Barbara Hannigan: Olympische Stimmbänder

Foto: Elmerde Haas

Die kanadische Sopranistin und Dirigentin Barbara Hannigan stürzt sich unerschrocken und mit kompromissloser Energie in ihre musikalischen Projekte. Dabei befeuern sich ihre unterschiedlichen Talente gegenseitig.

crescendo: Die Lulu-Suite von Alban Berg haben Sie schon oft selbst dirigiert und nun für Ihr neues Album aufgenommen. Inspiriert die Arbeit als Dirigentin Ihr Spiel als Lulu auf der Opernbühne und andersherum?
Barbara Hannigan: Oh ja, natürlich. Lulu ist eine kontinuierliche Entdeckung, wird es immer sein. Bei so einem Meisterwerk ist man nie damit fertig, etwas Neues zu lernen – über die Musik, über Alban Berg, über das Menschsein, über Beziehungen – es steckt das ganze Leben darin. Sogar auf der Bühne, während ich spiele, entdecke ich Lulu immer wieder neu und bleibe nicht einfach bei dem, was ich mir vorgenommen habe. Als Dirigentin und als Sängerin beschäftige ich mich immer wieder mit der Partitur, denn die ist Lulus DNA. Ich bin dann Wissenschaftlerin und Psychiaterin zugleich. Ich versuche, Lulu immer mehr zu ergründen, mache dabei neue Entdeckungen. Dadurch ändert sich meine Perspektive auf Lulu immer wieder. Ich hätte die Rolle niemals mit unter 30 spielen wollen. Und wenn ich die Oper eines Tages irgendwann mal dirigiere, werde ich auch nach Sängern gucken, die unbedingt mit ihrer Lebenserfahrung die Rollen ausfüllen können. Man kann nichts spielen, wenn man nichts erlebt hat.

Was waren wichtige Impulse von außen, die Ihre Karriere als Sängerin geprägt haben?
1994 und 1996 war ich zum Studium im kanadischen Banff in Kanada, das war eine wunderbare Zeit. Mein Lehrer Richard Armstrong gehörte zur Roy Hart Theater Group, die sich intensiv damit auseinandergesetzt hat, die stimmlichen Möglichkeiten zu erweitern, ohne der Stimme dabei zu schaden. Da habe ich viel gelernt. Zum Beispiel, dass man in jeder Probe immer 100 Prozent emotionalen und physischen Einsatz bringen muss, auch wenn das Adrenalin fehlt, das man auf der Bühne hat. Man schadet nicht der Stimme, indem man die falsche Musik singt, sondern nur, wenn man müde oder nicht ganz bei der Sache ist, denn dann hat man nicht die volle Spannung. Ein Baby kann ja auch sechs Stunden am Stück schreien, ohne sich selbst zu schaden. Und kann das am nächsten Morgen gleich wiederholen. Einfach, weil es mit Leib und Seele dabei ist. Beim Singen ist das genauso.

Sie singen gerne Stücke, die musikalisch und körperlich extrem sind, wie zum Beispiel Berios Sequenza III for voice. Gibt es da ein besonderes Rezept für den Umgang mit der Stimme?
Ich singe nun schon 25 Jahre lang professionell und habe glücklicherweise ein sehr gesundes Instrument. Wenn Spezialisten meine Stimmbänder sehen, sind sie oft überrascht, in welch einem guten Zustand sie trotz meines Alters und der kontinuierlichen enormen Belastung sind. Sie sind ein bisschen länger als gewöhnlich für jemanden meiner Größe und auch ein bisschen breiter als üblich. Ein Arzt sagte mal, ich hätte olympische Stimmbänder. Wenn man etwas gerne macht, dann ist es gar nicht anstrengend. Ich bin so dankbar für die Möglichkeiten, die ich habe. Normalerweise reicht das schon aus, um mich mit der Energie zu erfüllen, die ich brauche. Sie müssten mich aber mal sehen, wenn ich meine Steuererklärung mache. Puh, wenn ich meine Steuererklärung singen müsste, wäre ich dabei sicher müde und gelangweilt und müsste aufpassen, dass ich meiner Stimme nicht schade.

In Sachen Oper haben Sie in letzter Zeit mit Andreas Kriegenburg, Sasha Waltz, Katie Mitchell, Christoph Marthaler und Krzysztof Warlikowski gearbeitet. Wie sieht eine gelungene Arbeit zwischen Regisseur und Sänger aus?
Das kann ganz unterschiedlich sein. Mit Andreas Kriegenburg habe ich gar nicht so viel gesprochen, und trotzdem ist etwas ganz Besonderes entstanden. Mit Christoph Marthaler ist es sehr angenehm und amüsant, wir haben viel gelacht. Jetzt habe ich zwei Sommer hintereinander die Melisande gesungen. Einmal in Aix-en-Provence mit Katie Mitchell und dann in diesem Jahr bei der Ruhrtriennale mit Warlikowski. Ich arbeite oft mit den beiden, und manchmal überlappen sich die Produktionen dann irgendwie. Es ist spannend, sie haben einen so unterschiedlichen Stil. Krzysztof zeigt viel und Katie beobachtet sehr viel mehr. Für mich ist es toll, sie beide in meinem Leben zu haben. Wir kennen uns mittlerweile sehr gut. Ich würde sagen, wir sind nicht mehr in der Dating-Phase, sondern führen eine echte Beziehung.

Ist das Ludwig Orchestra, mit dem Sie das Album „Crazy Girl Crazy“ aufgenommen haben, auch so ein musikalischer Glücksfall, bei dem Sie sofort ein gutes Bauchgefühl hatten?
Oh ja! Wir arbeiten schon seit 2012 zusammen. Mit Ludwig habe ich 2014 mein Debüt im Concertgebouw in Amsterdam gegeben, und das Konzert war einfach verrückt. Es war ein unfassbares Erlebnis. Wenn Sie ein Kartenspiel haben, dann gibt es da immer einen Joker. Und Ludwig ist ein ganzes Ensemble voller Joker. ­Jeder, der dort mitspielt, ist mit ganzem Herzen dabei. Das Orchester ist wie ein Phönix. Nachdem viele Orchester in Holland durch finanzielle Kürzungen aufgelöst wurden, haben sich die besten Musiker dort versammelt. Wenn ich in ihre Gesichter schaue, dann sehe ich darin wie in einem Spiegel mein eigenes. Das ist fantastisch. Wir können so weit gehen und so viele Dinge ausprobieren, weil wir so gerne zusammenarbeiten. Gemeinsam das Album mit Berg, Gershwin und Berio aufzunehmen, war die Erfüllung unserer gemeinsamen Träume. Es sind die persönlichsten Aufnahmen, die ich je gemacht habe.

Aktuelle CD:

Barbara Hannigan, Ludwig Orchestra:
Berg, Gershwin, Berio: “Crazy Girl Crazy”

(Alpha)
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