Grosse Leidenschaften in schroffem Fels

(Tosca Panorama, Foto: Renée Del Missier)

Wo könnte sich die Kraft von Giuseppe Verdis schonungsloser Oper Rigoletto besser entfalten als unter freiem Himmel in der urwüchsigen Kulisse eines Steinbruchs? Genau das geschieht im Sommer in St. Margarethen im Burgenland.

Beinahe hätte die österreichische Zensur Giuseppe Verdi einen Strich durch die Rechnung gemacht. Als er für den Karneval in Venedig Victor Hugos Schauspiel Le rois’ amuse zu einer Oper umgestalten wollte, schritt die Zensurbehörde ein. Ein französischer König dürfe nicht als Wüstling gezeigt werden. Also verlegte Verdi den Schauplatz von Paris nach Mantua, degradierte den König zu einem Herzog und verwandelte den Hofnarren Triboulet in Rigoletto. Seiner ursprünglichen Absicht, einen „starken, wilden Stoff“ um die beleidigte Menschenwürde zu veropern, taten die Änderungen allerdings keinen Abbruch und dem überwältigenden Erfolg der Oper ebenfalls nicht. Großartig ist die Musik. Wie kaum ein anderer verstand es der „Bauer aus Roncole“, wie Verdi sich selbst gerne nannte, die ewigen Leidenschaften auf die Bühne zu bringen und die menschlichen Abgründe auszuloten.

Oper im Steinbruch bringt Rigoletto auf Europas größte Naturbühne. Der Römersteinbruch St. Margarethen dient seit über 20 Jahren als spektakuläre Kulisse aufwendiger Operninszenierungen. Schroffe Steinformationen und hohe steile Felswände, wild bewachsen mit Gras und Sträuchern, prägen das Bild. Rigoletto ist eine machtvolle Charaktertragödie. Weit über die Vorlage hinausgehend, bringt Verdi Menschen auf die Bühne, deren widersprüchliche Charakterzüge er bis ins letzte Detail ausformt. Das gilt für die beiden Extreme im Wesen Rigolettos ebenso wie für die innere Zerrissenheit Gildas und den leichtfertigen, zügellosen Charakter des Herzogs.

Rigoletto, der bucklige Narr, der sich als liebender Vater einer bezaubernden Tochter offenbart, ist eine Charakterpartie, in der jeder Bariton sein Können zeigen möchte. Seine großartige Arie Cortigiani, vil razza dannata, mit der er seine verzweifelte Anklage gegen die Höflinge herausschreit, und sein rasender Ausbruch im Duett mit seiner Tochter – Vendetta – gehören zu den aufwühlendsten Gesangspassagen. Vladislav Sulimsky vom Mariinsky-Theater in St. Petersburg und Davide Damiani, Scarpia bei Oper im Steinbruch 2015, teilen sich die Partie. Herrliche Musik hat Verdi dem Herzog zugeschrieben. Seine Kanzone Questa o quella und die berühmte Arie La donna è mobile strahlen Abenteuerlust und unbekümmerte Leichtigkeit aus. Die Tenöre Yosep Kang, Arthur Espiritu und Jesús León übernehmen im Wechsel die Partie.

Rigolettos Tochter Gilda erhält eine der berührendsten Arien. Als Gualtier Maldé gab sich der Herzog bei ihr aus. Und um diesen „caro nome“ singt sie in melodischen Koloraturen von ihrer Liebe, einer Liebe, die auch der Betrug des Herzogs nicht zu erschüttern vermag. Zwei Duette fügt Verdi an diesem dramatischen Moment des Geschehens zu einem Quartett zusammen: den Herzog mit Maddalena und Rigoletto mit Gilda. Aber deren Liebe ist stärker. Sie opfert sich, bevor sie im ergreifenden Duett mit ihrem Vater Lassù in cielo Abschied nimmt. Die Sopranistin Elena Sancho Pereg kehrt mit dieser Starrolle in den Steinbruch zurück. 2016 war sie Adina in Donizettis Liebestrank. Die Sopranistin Tatiana Larina wechselt sich mit ihr ab.

„Mir scheint, was Bühnenwirkung anbelangt, ist Rigoletto das beste Buch, das ich bis jetzt in Musik umgesetzt habe. Es bietet gewaltige Situationen, Mannigfaltigkeit, Feuer, Humor“, urteilte Verdi selbst in einem Brief. Der Orchestermusik kommt dabei eine eigene Rolle zu. In unendlicher Farbenvielfalt malt sie die Stimmungen der einzelnen Szenen. Eindrücklich sind die unheilkündenden Akkorde der Gewitternacht, umweht vom Summen des Chores. Das Symphonieorchester des Slowakischen Rundfunks spielt unter der Stabführung von Anja Bihlmaier, Erste Kapellmeisterin und Stellvertreterin des Generalmusikdirektors Kassel, und Daniel Hoyem-Cavazza. Den Philharmonia Chor Wien leitet Walter Zeh.

Der Regisseur, Bühnenbildner und Lichtdesigner Philippe Arlaud hat die Aufgabe übernommen, Rigoletto der mächtigen Natur des Steinbruchs einzuschreiben. „Es ist wahrscheinlich zum ersten Mal, dass man versucht, diese Oper in Bildern solcher Dimension zu zeigen“, betont er, selbst überwältigt vom Anblick des Steinbruchs. Eine große rote Treppe dominiert die Bühnenkonstruktion. Verschiedene Welten lässt Arlaud aufeinandertreffen. Der skrupellosen Oberwelt des fürstlichen Hofes, die als mächtiges Quadrat erscheint, stellt er die Unterwelt des Mörders Sparafucile als bunkerartiges Gebäude gegenüber. In deren Mitte entfaltet er das dramatische Geflecht, symbolisiert von riesigen Polyedern, zwischen Rigoletto und seiner Tochter Gilda, die im Spannungsfeld von Ober- und Unterwelt zerrieben werden. Es sei, so bekennt Arlaud, „ein metaphysisches Gefühl“, das ihm dieser Steinbruch vermittle. Er möchte ihn in seiner Gesamtheit in die Inszenierung einbeziehen und in all seiner Kraft teilhaben lassen.

Oper im Steinbruch
12. Juli bis 19. August 2017

Informationen und Kartenservice:
Tel.: +43-(0)2682-650 65
www.operimsteinbruch.at

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