Opernhaus für Welturaufführung gesucht!

Gerade hat der bekannte deutsche Schriftsteller Helmut Krausser (“Melodien”, “Der große Bagarozy”, “Fette Welt”) eine Oper des einstmals berühmten, dann verfemten, dann in Vergessenheit geratenen Alberto Franchetti ausgegraben und spielfertig gemacht. Nun braucht es nur noch ein Theater, das “Don Buonaparte” welturaufführen will…

Alberto Franchetti war Sohn des reichsten Mannes Italiens, wurde als Komponist von Verdi zu seinem Nachfolger ernannt, und war lange Jahre der ernstzunehmendste Rivale Puccinis, bevor er aus mannigfaltigen Gründen nach drei Welterfolgen vom Publikum nahezu vergessen wurde. Ab 1937 ereilte ihn, den jüdischen Komponisten, ein Aufführungsverbot der italienischen Faschisten. Schon zu Lebzeiten litt er unter antisemitischen Anfeindungen, und bis in die jüngste Zeit hinein halten sich diffamierende Behauptungen, zum Beispiel, er sei ein Stümper gewesen und habe sich positive Kritiken erkauft. Tatsächlich war dieser auch von Claude Debussy, Gustav Mahler bis hin zu Wolfgang Rihm sehr geschätzte Künstler alles andere als ein Stümper, im Gegenteil, ein Stümper hätte nicht sechs Uraufführungen an der Scala gehabt.

Franchetti war als gediegener Handwerker so erzkonservativ wie meisterhaft, und Kritiker kaufen musste damals jeder Komponist. In der Literatur steht auf wenigen Zeilen zu lesen, er sei ein Ekklektizist gewesen und die Kraft seiner Melodienerfindung habe nach 1920 stark nachgelassen, sei schließlich zum Versiegen gekommen. In Wahrheit war er ein sehr origineller Komponist, der für jede seiner Opern eine ganz andere Tonsprache schuf.  2014 haben Helmut Krausser und sein Mitstreiter, der Opernkomponist Torsten Rasch (u.a. “Die Herzogin von Malfi”) die Höhepunkte des nur als Klavierauszug vorliegenden “Glauco” (erfolgreich uraufgeführt 1922 in Neapel) neu instrumentiert und bei einem Konzert in Kaiserslautern Publlikum und Fachwelt überrascht. “Franchetti stieg wie Phönix aus der Asche auf” schrieb die Presse. (Alle sieben Stücke sind auf youtube unter den Stichworten “Glauco” + “Franchetti” zu finden).  Nun steht eine noch weitaus größere Sensation an.

Auf dem Totenbett 1942 hat Alberto Franchetti seinem Sohn Arnold eine komplette, mit Bleistift geschriebene Partitur in die Hand gedrückt, er solle sie vor den Nazis retten. Arnold, selbst Komponist, tut das auch, kämpft für den Widerstand, übersiedelt nach Amerika, wird dort ein etwas sonderlicher Professor , unternimmt aber sein Leben lang keinerlei Anstalten, die Partitur zu veröffentlichen. 1992 stirbt er. Die abfotografierte (und inzwischen rechtefreie) Partitur ist Anfang letzten Jahres in die Hände von Helmut Krausser gelangt, der sie in mühevoller Kleinarbeit in ein Notensetzprogramm eingegeben hat.

Und was stellt sich heraus? “Don Buonaparte” ist eine von Alberto Franchettis besten Arbeiten, noch dazu mit einem sehr menschlichen und erträglichen Libretto (wo er früher viel zu oft zu Göttern, Engeln, Zauberinnen, Helden- oder Sagengestalten gegriffen hat). Das Libretto stammt von Forzano, der ja auch für Puccini gearbeitet hat (“Suor Angelica”, “Gianni Schicci”), und wurde 1941 sogar verfilmt. Es ist eine pralle toskanische Komödie mit viel Slapstick, Hochzeit auf der Bühne und großartigen Ensembles, es wäre zugleich die letzte mögliche Welturaufführung einer Oper der „großen Vier“ der Giovane Scuola.

Worum geht es?
1804. Ein beschauliches Dörfchen in der Toskana bekommt Besuch von einem Trupp französischer Soldaten unter Befehl eines Generals. Der Dorfpfarrer, Don Geronimo, erfährt daß er der Onkel eines gewissen Napoleon Buonaparte ist, der sich eben zum Kaiser der Franzosen gekrönt hat. Aufgrund seiner Verwandschaft soll Don G nach Paris mitkommen und dort Kardinal werden. Er erbittet sich Bedenkzeit.  Im Dorf gehen wilde Eifersüchteleien los, betreffend die Frage, wer Don G. auf dem Weg nach Paris begleiten darf. Durch die Eitelkeiten der Bewohner, die sich einen sozialen Aufstieg erhoffen, findet im Dorf quasi eine Parodie auf die Revolution statt. Es kommt sogar zu einer kleinen Schlacht gegen die Bewohner des Nachbardorfes. Und in einem lustigen Terzett erklären drei Schurken – ein Advokat, ein Ritter und ein Klostervorstand – die Regeln der italienischen Bestechungspraxis.

Die junge Mattea soll mit (Tom-)Maso verlobt werden, kann ihn aber nicht leiden und will deshalb lieber ins Kloster gehen. Sie ändert ihren Entschluss aber sehr plötzlich, als sie sich in einen französischen Korporal verliebt. Die beiden brennen durch. Maso ist vor Eifersucht krank. Alle denken, Mattea sei geraubt und vergewaltigt worden. Der General verspricht, den Übeltäter zu fassen und zu füsilieren. Die Soldaten begeben sich auf die Suche nach dem Korporal und Mattea. Die beiden haben sich aber in der Sakristei bei Don G. versteckt und bitten ihn darum, sie jetzt und hier zu trauen. Don G. lässt sich überreden und vollzieht die Trauung, eben als der General und die Soldaten hereinplatzen. Das Volk strömt herbei und will wissen, wer nun mit nach Paris darf. Don G. hält allen eine Standpauke und schwärmt von der bukolischen Idylle des toskanischen Landlebens. Und entschließt sich, die Kardinalswürde abzulehnen und lieber bei seinen armen Leuten zu bleiben. Alle bejubeln seinen Entschluss, die Soldaten präsentieren das Gewehr und im Finale fordert Don Geronimo (geschrieben 1940!) zu Frieden und Humanität auf. Das Libretto verwendet ein französisches Soldatenlied, den “Chant du Départ” von Mehul, in dem es heißt: “Alle Tyrannen mögen erzittern…” Der Librettist wagte es nicht, den Text dieses Liedes aufzuschreiben.

Abgesehen davon, dass ein deutsches Opernhaus sich schon durch die deutsche Geschichte verpflichtet fühlen müsste, das erlittene Unrecht am verfemten Komponisten Franchetti ein wenig wiedergutzumachen, ist dieses Werk tatsächlich ein nachgelassenes Geschenk an die Welt. Musikalisch beschreibbar ist es mit “Falstaff” meets “Cavalleria”, und vom kompositorischen Rang her kann es mit beiden genannten Werken mithalten.

Die Oper enthält vier echte Knaller, darunter ein Terzett, das, einmal gehört, unvergesslich bleiben wird. Helmut Krausser wendet sich auf diese Weise an Intendanten und Dramaturgen, und bittet um Unterstützung geeigneter Häuser. Die Musik ist normal besetzt, etwa 60 Musiker, 10 Solisten (3 Damen/7 Herren) sowie großer Chor.

Helmut Krausser

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