Wie ein Bambus

(Foto: Maximilian Rossner)

Pianistin Ottavia Maria Maceratini bekam in ihrer Kindheit an der Adria nur Beatles und Rolling Stones zu hören. Jetzt lebt sie in München und bekommt den letzten Schliff, der in eine große Karriere münden könnte.  

Lange, blonde Haare, in die sie eine Sonnenbrille geschoben hat, ungeschminktes Gesicht mit wachen, braunen Augen, durchtrainierter Oberkörper, kräftige, kleine Hände mit sehr kurz geschnittenen Nägeln: Auf den ersten Blick wirkt Ottavia Maria Maceratini wie frisch vom Surfen oder einer Partie Beachvolleyball zurück. In der Tat ist sie am Tag vor dem Interviewtermin nach einem zweiwöchigen Italien-Urlaub wieder in ihrer Wahlheimat München angekommen. Hauptbeschäftigungen in Recanati südlich von Ancona waren allerdings Familienbesuche und Ausspannen am Strand. Ihrem Lieblingssport frönt die 26-Jährige erst wieder in der Isar-Metropole, drei bis vier Mal die Woche jeweils drei Stunden lang: Bujinkan – japanische Kampfkunst. Der Rest der Zeit aber ist für ihre zweite und noch

größere Leidenschaft reserviert: Klavierspielen. Dieses Kontrastprogramm ist für die Italienerin kein Widerspruch. Vielmehr ergänzen sich für sie beide Passionen optimal: „Koordination, gezielte Kraftausübung und Konzentration: Fähigkeiten, die beim Bujinkan wichtig sind, kann ich auf die Arbeit mit meinem Ins-trument übertragen“, erklärt Ottavia Maria Maceratini in geschliffenem Deutsch, während sie eine kühle Mango-Schorle trinkt. Überhaupt sei für sie „alles mit allem“ verbunden: „Die Noten sind nur äußere Anhaltspunkte, eine Art Kurzschrift. Beim Erklingen entstehen Emotionen, doch die sind ebenso Oberflächenerscheinungen wie intellektuelle Konzepte. Es geht darum, dass alles mit Bewusstheit durchtränkt ist und sich daraus unwiderstehlich wie von selbst entfaltet.“ Das transzendente Programm ihrer Debüt-CD „One Cut“ erkundet „ganz verschiedene Arten, mit Gefühlen umzugehen und ihnen Ausdruck zu geben“. Und das bei einem Streifzug vom Barock bis in die Gegenwart mit Werken von Scarlatti, Mozart, Beethoven, Chopin, Schumann, Debussy, Liszt, Heinz Tiessen und John Foulds.

Die Voraussetzungen für solche Vielseitigkeit hat sich Ottavia Maria Maceratini in den vergangenen 21 Jahren erarbeitet, obwohl sie in ihrem Elternhaus in einem 3.000 Einwohner-Örtchen an der Adria „nur Beatles und Rolling Stones“ zu hören bekam. Weil die Kleine, die von Mutter und Vater mangels Babysitter regelmäßig zu den Proben eines Laienchores mitgenommen wurde, aber schon mit anderthalb Jahren die dort geübten gregorianischen Gesänge nachahmte und zuvor Gehörtes auf dem Keyboard klimperte, bekam sie ab fünf Klavierunterricht: zunächst in der örtlichen Musikschule, dann als Schülerin des jungen Pianisten Lorenzo Di Bella und schließlich am Konservatorium. Für den pianistischen Feinschliff sorgte nach dem Abitur ihr Studium an der Münchner Musikhochschule bei der georgischen Professorin Elisso Wirssaladze. Von dieser für Maceratini „in jeder Hinsicht faszinierenden Frau“ bekam sie eine Fähigkeit vermittelt, die bis heute eine Art künstlerisches Credo für sie ist: Sich und die eigenen Fähigkeiten immer wieder neu in Frage zu stellen, um stets so „frisch“ zu spielen, als sei es das erste und zugleich letzte Mal.

„Eine große Herausforderung“ sei das gewesen, blickt die so Geforderte und Geförderte auf diese 2010 abgeschlossene Phase ihres Lebens zurück. Zugleich befruchtend und prägend. Schließlich habe sie schon lange die „Sehnsucht“ nach einer „tieferen Einsicht in die Dinge“ gespürt. Ausrichtung bei dieser Suche vermittelt ihr seit einiger Zeit Dirigent (und crescendo-Autor) Christoph Schlüren, der sein Handwerk bei Sergiu Celibidache erlernte und Solisten und Kammermusiker auf Konzerte und CD-Aufnahmen vorbereitet. Mit ihm als „musikalischem Coach“ erarbeitet die notorisch Neugierige Stücke weit über Fragen der Detailgestaltung hinaus, stets in der Absicht, das „einmalig Wesentliche“ eines jeden Stücks als „zusammenhängendes Ganzes“ entstehen zu lassen. Danach vertieft sie das Resultat allein entweder daheim, wo sie aber nur ein elektronisches Klavier zur Verfügung hat, oder in einer nahe gelegenen Musikschule bzw. Schwabinger Wohnung einer befreundeten Dame, die ihr netterweise ihre Flügel zur Verfügung stellt. Sich mit dieser umständlichen Situation zu arrangieren, fällt Ottavia Maria Maceratini nicht schwer. „Ein Steinway spielt fast von selbst“, erklärt sie erstaunlich anspruchslos. „Eine viel größere Mühe und Kunst ist es, ein schlechtes Instrument zum Klingen zu bringen.“ Zum Beispiel bei Auftritten im Rahmen des Projektes „Live Music Now“, das basierend auf einer Idee von Yehudi Menuhin unter anderem in Krankenhäusern oder Gefängnissen Klassik zu Menschen bringt, die aufgrund ihrer Lebensumstände nicht in Konzerte gehen können. Oder bei Unterrichtsstunden, die sie anderen aufstrebenden Pianisten gibt.

Auf diese Einkommensquelle ist sie finanziell neben wechselnden Stipendien, Honoraren für Konzertauftritte an der Seite von Gidon Kremer oder Steven Isserlis, oder Anfang Juli 2012 mit dem Münchener Kammerorchester beim Kreuther Oleg Kagan Musikfest und Verkaufserlösen ihrer ersten beiden CDs, denen im Jahr 2013 eine dritte folgen soll, noch angewiesen. Glaubt man Kritikern, die nach dem Anhören der „One Cut“-CD „nicht den geringsten Zweifel“ haben, „dass sie das Zeug hat, eine der großen Legenden der nächsten Jahrzehnte zu werden“, könnte sich das bald ändern. Bei Aldilà Records verfolgt sie ihre eigene Vision. Was nun, wenn das eine oder andere Major Label anklopft? Das hängt ganz von dem jeweiligen Projekt ab. Und davon, wie dieses mit ihrer Ausrichtung übereinstimmt, orientiert sich ihr Charakter-Ideal doch an einem Bild von Laotse: Wie ein Bambus bei Bedarf flexibel nachzugeben, aber trotzdem immer wieder in seine Ursprungsposition zurück zu kehren.

Ottavia Maria Maceratini: Untitled
Aldila (Klassik Center Kassel)
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