Auf einen Kaffee mit … Otto Schenk

(Otto Schenk im Interview; Foto: StephanTrierenberg)

crescendo: Wann haben Sie das letzte Mal gelacht?
Otto Schenk: Ich weiß es nicht mehr, ich lache nicht sehr viel. Für mich ist der Humor ein Material zum Aufspüren und Hegen. Wer sich ernsthaft mit Humor beschäftigt, verlernt das Lachen. Man wird zu einem Bewunderer, Forscher, Spürhund.

Fühlen Sie Unterschiede zwischen österreichischem und deutschem Humor?
OS: Die Deutschen flirten mit dem österreichischen Humor. Sie haben ihn eigentlich sehr gern – wenn sie ihn verstehen. Sie bemühen sich jedenfalls. Mein nördlichster Auftritt mit einem Leseabend war in Schleswig-Holstein: Ich war ganz erstaunt und gerührt, was für Witze dort noch ankamen! Aber man fühlt sich dort nicht zu Hause, sondern aufgenommen. Und vielleicht hätten sie über einen bunten Papagei auch gelacht. Ich habe mich jedenfalls wie ein Paradiesvogel gefühlt.

Gibt es Musik, an der Sie Witz schätzen?
OS: Musik hat keine Pointen wie die Sprache, aber sie allein kann eine wahnsinnige Laune oder fast kretinistische Freude erzeugen. Das Rossini-Fieber ist nicht umsonst entstanden. Da ist dem Humor gedient, man lacht allerdings selten. Man wird gestimmt. Ich verehre Donizettis Don Pasquale, eine der ersten Opern, die ich inszeniert habe, und eine der letzten. Da ist es mir mit Netrebko und Kwiecień gelungen, einen Übermut zu erreichen, der eine ungeheure Stimmung erzeugt hat.

Lachen Sie in Inszenierungen von Kollegen manchmal, auch unfreiwillig?
OS: Nein, ich bewundere alles, was versucht wird. Ich bin kein Kritiker. Ich bin aber auch kein gutes Publikum. Ich kann nicht gut zuschauen, weil ich unterbrechen möchte und arbeiten. Genießen kann ich nur sehr selten. Man sollte mich nicht ins Theater lassen.

Sie haben so viel inszeniert, bleiben aber bei „Schauspieler“ als Berufsbezeichnung. Möchten Sie im nächsten Leben lieber Sänger werden oder Dirigent?
OS: Ich kann mir nicht vorstellen, irgendetwas anderes zu werden als das, was ich bin. Das ist eine Notlösung, aber es ist eine Lösung.

Und doch greifen Sie neuerdings zum Taktstock …
OS: Ja. Mein „Urkorrepetitor“ an der Wiener Staatsoper, Konrad Leitner, jetzt Professor für Dirigieren, hat mir die rechte Hand beigebracht, die den Takt schlagen und durchhalten muss, während die linke herumwuseln darf. Die Ungarische Kammerphilharmonie ist willig, meine blöden Einsätze zu verstehen und meine verpatzten Ritardandi mitzumachen, und so haben wir eine Symbiose erreicht, die den Saal zum Explodieren bringt, ich weiß gar nicht, warum. Aber ich mach das rasend gern. Ich gerate in einen seltsamen Rausch, wenn ich so fuchteln darf.

Hat es etwas Komisches, weil der Dirigent nicht selber musiziert?
OS: Ja, vielleicht. Der Dirigent ist ein Urclown. Bernstein zum Beispiel hatte was von einem genialen Derwisch, der die Qualität anheizt – und das noch in der Ekstase. Carlos Kleiber war ein Magier. Er besaß Hände mit mehr Gliedern, ihm kamen Qualitätsschlangen aus den Ärmeln. Er konnte schon in der Probe Nuancen herausholen, die man gar nicht für möglich gehalten hat. Rosenkavalier, Freischütz, Wozzeck … und natürlich die Fledermaus! Das betrunkene, musikalisch fast geblödelte Vorspiel zum dritten Akt, das ist schon von Johann Strauß her ein Unfugstück. In den Silvestervorstellungen kam Carlos da gerne verkleidet: als strickende Dame, als Scheich, als Boris Becker. Das könnte alles nur Blödelei gewesen sein. Aber das Geniale daran war: Sein Stricken war ein so wundervolles Dirigieren, dass man gedacht hat, jeder am Pult sollte von nun an lieber stricken. Als Scheich war sein weiches Wedeln wieder so genau, dass das Orchester so gut gespielt hat wie noch nie. Das Tollste war Boris Becker: Der Ball hüpfte genau im Tempo am Schläger, und alle Tennisunarten haben die Musik hervorgerufen. Das war für mich ein Höhepunkt seiner koboldhaften Genialität. Ich will die anderen nicht einschränken, aber er war vielleicht der Größte, mit dem ich zusammengearbeitet habe.

Haben Sie Ihre Fledermaus-Inszenierungen auf den Spielort abgestimmt?
OS: Die wesentlichen Änderungen kamen nur mit den Personen: Weikl als Eisenstein habe ich anders geführt und beraten als Waechter. Beim Fernsehfilm habe ich mir mit größter Freude einmal einen älteren Orlofsky geleistet, einen Lebemann. Windgassen hat das großartig gemacht, als in der Nähe der Impotenz schwelender Orientale.

Wie hält man sich den Frosch frisch und interessant?
OS: Eine sehr schwierige Rolle! Der Frosch ist ein Zustand, ein Alkoholiker, der ohne seinen Pegel gar nicht funktioniert. Sein Gehirn ist in Auflösung begriffen, aber er wähnt sich noch gescheit und bewahrt sich im Slibowitzdusel seinen Stolz. Diese komplizierte Mischung ermöglicht es, mit seinen blöden alten Witzen, die ich verehre, Komik zu erzeugen. Einlagen sind ein heikles Kapitel, er darf nicht plötzlich ein Intellektueller mit Conferencier-Qualitäten werden.

Eingeweihte kennen Sie auch als Konzertschläfer …
OS: Ich bin nicht gegen die beruhigende Wirkung der Musik gefeit, gegen ihr Streicheln am Nachmittag nach einem fetten Essen – und ärgere mich schrecklich darüber.

Share

Kommentieren Sie diesen Artikel

*

*

Ihre Email-Adresse wird nicht publiziert. Pflichtfelder sind markiert mit *