Pierre-Laurent Aimard: Raus aus dem Epochenzwang

(Pierre-Laurent Aimard; Foto: Marco Borggreve/DG)

Mit Neugier gegen erstarrte Traditionen: Der französische Pianist Pierre-Laurent Aimard setzt Akzente für Freiheit und gegen Kleingeistigkeit.

Dass er am 2. Juni im Münchner Prinzregententheater für sein Lebenswerk den renommierten Ernst von Siemens Musikpreis empfangen wird, quittiert Pierre-Laurent Aimard mit bemerkenswerter Bescheidenheit: „Ich glaube, dass vor allem Schöpfer diesen Preis verdienen. Ein Interpret zählt vergleichsweise wenig. Man sagt oft, dass jede Interpretation eine Neuschöpfung ist. In der Realität ist dies jedoch nur selten der Fall.“ Die enge Zusammenarbeit mit Komponisten wie Pierre Boulez, György Kurtág, Elliott Carter und George Benjamin hat Aimard zu einem führenden Interpreten neuer Musik werden lassen. Auch seine tiefe Auseinandersetzung mit Werken von Bach, Mozart, Schumann oder Liszt bringt ihm weltweit Anerkennung ein.

Zum Gespräch treffen wir uns in der geräumigen Berliner Altbauwohnung, in der Aimard mit seiner Frau, der Pianistin Tamara Stefanovich, und Sohn Arthur lebt. Klare Linien und eine Reduktion auf das Essenzielle charakterisieren den hohen Raum, in dem wir auf weißen Sesseln vor einem schwarzen Flügel Platz nehmen. „In meinem Künstlerleben habe ich immer versucht, Prioritäten zu setzen und im Kontakt mit dem Neuen zu sein“, sagt er. „Man muss im Hier und Jetzt leben und in die Zukunft schauen, statt sich in der Vergangenheit zu verstecken. Musik aus früheren Epochen ergibt für mich nur dann einen Sinn, wenn sie aus heutiger Sicht interpretiert wird.“

Nicht selten wird Aimard mit dem Vorurteil konfrontiert, er habe sich älterer Musik erst im Laufe der Jahre zugewandt. Dem widerspricht er vehement: „Werke von Mozart, Beethoven oder Schumann habe ich von Anfang an gespielt. Als einer von wenigen Pianisten kämpfte ich auch immer für Neue Musik. Bei Plattenaufnahmen wollte ich mich oft auf Werke konzentrieren, die in der Öffentlichkeit nicht sehr bekannt waren.“ Da ihm jegliches Schubladendenken fremd ist, präsentierte Aimard bereits bei seinen ersten Klavierabenden in den 1960er-Jahren epochenübergreifende Programme, die sich von Scarlatti über Bach und Beethoven bis zu Boulez spannten. Der französische Komponist und Dirigent, der ihn 1976 als Ersten Solopianisten in sein auf Neue Musik spezialisiertes Ensemble Intercontemporain aufnahm, war einer seiner wichtigsten Mentoren. Ebenso wie Olivier Messiaen, den er persönlich kennengelernt hatte, als er bei dessen Frau Yvonne Loriod am Pariser Konservatorium Klavier studierte. „Die 18 Jahre in Boulez’ Ensemble Intercontemporain waren unglaublich bereichernd“, erinnert er sich. „Parallel dazu habe ich immer Konzerte mit traditionellem Repertoire gespielt, um mich auch in diese Richtung weiterzuentwickeln.“

Neben Solo-Recitals, Kammerkonzerten und Auftritten mit Sinfonieorchestern liegt Pierre-Laurent Aimard die Lehre und die musikalische Vermittlungsarbeit am Herzen. An der Musikhochschule Köln unterrichtet er angehende Profis. Durch Gesprächskonzerte und Education-Initiativen, vor allem beim Klavier-Festival Ruhr, will er außerdem ein möglichst breit geschichtetes Publikum an Musik heranführen. Auch digitale Technologien kommen dabei zum Einsatz. Auf der Website des interaktiven Projekts „Explore the Score“ (www.explorethescore.org) stellt das Festival unter anderem Klavierwerke von György Ligeti in multimedial aufbereiteten Partituren vor. Aimard übernimmt den Klavierpart und gibt in Videos ausführliche Hintergrundinformationen. Unter seiner Leitung beschäftigten sich rund 400 Kinder und Jugendliche ein Jahr lang mit den Ideen des ungarischen Komponisten. „Zeitgenössische Musik ist nicht schwieriger zu verstehen als Werke aus anderen Zeiten. Junge Leute, die keinen traditionellen Musikunterricht erhalten haben, finden oftmals sogar leichter Zugang zu neuen Kompositionen als etwa zur Musik der Romantik“, meint er. „Die musische Erziehung, die noch auf Modellen aus dem 19. Jahrhundert beruht, steckt inzwischen tief in der Krise. Reformen sind bisher nicht zum Ziel gelangt. Andererseits geben Projekte wie etwa die venezolanische Jugendorchesterbewegung El Sistema und ihre weltweiten Ableger Anlass zur Hoffnung. Denn sie dringen bis zu den Wurzeln der heutigen Gesellschaft vor.“

Aimard kritisiert außerdem, dass die althergebrachte Unterscheidung zwischen „zeitgenössischer“ und „älterer“ Musik eine Scheindebatte ausgelöst habe. Konservativ eingestellte Zuhörer, die beispielsweise Kompositionen von Stockhausen oder Birtwistle als ungewohnt empfinden, lehnen sich bei Bach oder Mozart beruhigt zurück. „Doch was bedeutet in diesem Zusammenhang eigentlich das Wort ‘zeitgenössisch‘? Dieses Etikett wird auch Werken aufgedrückt, die schon vor mehreren Jahrzehnten geschrieben wurden. Stücke, die jetzt entstehen, spiegeln die damalige Realität nur noch teilweise wider. Manche neuen Kompositionen sind heute sehr kommerziell und passen zu einer Vorstellung von klassischer Musik, die längst zur Karikatur erstarrt ist.“ All denjenigen, die künstliche Grenzen zwischen Musikepochen verteidigen, wirft Pierre-Laurent Aimard Kleingeistigkeit vor. „Solche Scheindebatten werden vor allem von Menschen geführt, die von der Dominanz ihrer eigenen Landeskultur überzeugt sind. Ihnen fehlt jegliche Neugier und die Bereitschaft, sich auf Unbekanntes einzulassen. Darin sehe ich einen kulturellen Rückschritt. Musische Erziehung sollte als Allgemeinbildung verstanden werden, die zu Weltoffenheit und Kreativität anregt.“

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