Radikal umdenken!

Immer wieder wird auf der Seite von Crescendo über das Für und Wider von Regietheater gestritten. Unser Autor hat die Grabenkämpfe satt. Oper braucht Erneuerung. Hier beschreibt unser Kolumnist, wie viel Mut wir dafür brauchen, und wie sie aussehen könnte.

Von Axel Brüggemann

Zuweilen brechen erbitterte Kämpfe aus: „Regietheater“, rufen die einen dann und richten ihre Krawatten, „das sei doch das Letzte: Eine Selbstverwirklichung geltungssüchtiger Regisseure!“ Allein die Noten, das Libretto und die Kostüme aus der Mottenkiste seien das wirklich Wahre! Die Anderen brüllen: „Quatsch! Oper muss immer in unserer Zeit stehen und damit jeden Tag neu befragt werde.“ Welche Rechtfertigung hätten wir denn für „Traviata“, „Lohengrin“ oder „Aida“, wenn wir sie nicht als gesellschaftlich vernachlässigte Prostituierte, depressive Welterlöser à la Trump oder Putzfrauen auf unsere Bühnen stellen würden?

Euro-Trash oder Museums-Ästhetik? Die Grabenkämpfe zwischen vermeintlich konservativen und selbsternannt progressiven Opernliebhabern kennen – übrigens auch an dieser Stelle – nur ein Dafür oder Dagegen.

Neulich habe ich mit einem Theatermenschen ein Bier getrunken. Der plant gerade eine neue Inszenierung an einem großen Haus. Als er über sein Regiekonzept plauderte, habe ich mich dabei ertappt, wie mir langweilig wurde. Ich fragte ihn, ob es denn wirklich nötig sei, in jeder Oper nach einer bislang noch unerzählten Perspektive zu suchen. Erwarten wir im Jahre 2017 wirklich von der Kunstform Oper, dass wir sie jeden Abend nach der letzten neuen Idee ausquetschen wie eine alte Zitrone? Oder reicht es uns nicht, uns einfach von ihrer Sinnlichkeit betören und überwältigen zu lassen (denn die Sinnlichkeit ist doch das wahre Manko unserer Zeit!)?

Wer sagt, dass wir in einer Zeit, in der wir in Zeitungen, im Fernsehen, an Stammtischen und in sozialen Medien kontinuierlich über realpolitische und realsoziologische Themen philosophieren, wirklich auf die Kunstform Oper angewiesen sind? Sie ist nun wirklich nicht grundlegend nötig, um Phänomene wie die Emanzipation, den Gedanken der politischen Freiheit, den Mechanismus einer Diktatur oder gesellschaftliche Ungerechtigkeit zu deklinieren, oder? Taugt die Oper überhaupt noch, um unsere Gegenwart zu verstehen? Und ist es dafür wirklich nötig, sie immer wieder – und oft auch sehr verkrampft – mit Momenten unserer Zeit auszustatten?

Die Gegenwart ist Teil jeder Inszenierung

Auf der anderen Seite: Was die Oper von vielen anderen Kunstarten unterscheidet, ist, dass sie ohne Gegenwart gar nicht zu leben beginnen kann. Die Mona Lisa hängt seit Jahrhunderten an der gleichen Museumswand in Paris. Genau so, wie Leonardo sie gemalt hat. Und auch ein Buch wie „Schuld und Sühne“ wird heute noch mit jedem Buchstaben verkauft, den Dostojewski so genial aufs Papier geschrieben hat. Der Betrachter von Bildern und der Leser von Büchern hat niemanden außer der Zeit zwischen sich und dem Künstler, mit dem er sich gerade auseinandersetzt.

Schauspiel, Konzert und Oper brauchen, damit wir sie heute erleben können, aber immer auch einen Interpreten aus unserer Zeit. Sie sind Kunstwerke mit einem doppelten Schöpfungsakt: Auf der einen Seite die Schöpfung von Komponist und Librettist, auf der anderen die Neuschöpfung durch die Dirigenten, Regisseure, Musiker und Sänger. Dieser Umstand solle jedem Komponisten bewusst gewesen sein, als er seine Opern schrieb. Jeder, der eine Oper komponiert, weiß, dass er mit seiner Partitur nun eine Vorlage zur Auseinandersetzung abliefert, dass er sein Werk irgendwann – freiwillig oder unfreiwillig – aus der Hand gibt. Dass er spätestens nach seinem Tod keinen Einfluss mehr auf den Prozess der zweiten Schöpfung hat. Dass die Nachgeborenen sich sein Werk zu eigen machen werden. Gerade darin liegt ja auch die Faszination der Kunstform OperEs ist nur logisch, dass das jeweilige Team der „zweiten Schöpfung“ findet, dass die Oper nach einer dauernden Aktualisierung schreit, danach, in den Kontext immer neuer Gegenwarten gestellt zu werden.

So vehement zwischen vermeintlich konservativen und progressiven Vertretern der Opern-Ästhetik gestritten wird, so absurd erscheint dieser Streit. Denn selbst eine Aufführungen, die Carmen in rotem Flamenco-Kleid zeigt oder „La Traviata“ zurück ins 19. Jahrhundert verlegt, bleibt am Ende eine Inszenierungen aus unserer Gegenwart. Sie ist eine bewusste Entscheidungen für einen Historismus, der allerdings nie wirklich historisch sein kann, da es in einer Welt wie der Oper keine Rückfahrkarte in die Zeit des Komponisten gibt, sondern höchstens Möglichkeiten einer historisch informierten Annäherung aus dem wissenschaftlichen Erkenntnissen unserer Gegenwart.

Kurzum, die Debatte zwischen den Verfechtern eines konservativen und eines progressiven Opernstils sind vollkommen absurd! Denn letztlich benutzen sie nur unterschiedliche Mittel, um das Gleiche zu erreichen: Eine Emotionalisierung des Publikums, ein Nachdenken über das, was da auf der Bühne stattfindet – sie alle wollen das Publikum berühren. Manche, indem sie versuchen, dem, was sie für die Intention des Komponisten halten, zu zeigen. Andere, indem sie ihre eigenen Assoziationen auf Grund der Partitur in den Vordergrund stellen. Manche, indem sie den Fokus auf das legen, was die Musik unmittelbar mit ihren Zuhörern macht, andere indem sie die Musik als Ausgangspunkt nehmen, um genau jene Zustände zu beschreiben, die uns heute interessieren.

Wir müssen viel radikaler werden

Vielleicht sind wir im Jahre 2017 aber auch an einem Punkt angekommen, an dem man die gute alte Oper drehen und wenden kann wie man will – und sie uns zwar immer noch zutiefst emotionalisiert, berührt und packt, gleichsam aber auch auserzählt wirkt. Davon jedenfalls zeugt vor allen Dingen jenes Theater, das wir gern „Regietheater“ nennen. Nachdem Neuenfels, Konwitschny und Co. die Oper in den 80er und 90er Jahren weitgehend auseinandergeschraubt haben – was soll danach noch kommen? Bis heute, um ehrlich zu sein: wenig. Viele Epigonen sind da unterwegs, deren Einfallsreichtum nicht wirklich größer ist als der jener Menschen, die Oper „konventionell“ erzählen.

Mehr noch: der Back-Clash hin zum Historischen scheint ein Schlüsselreflex zu sein. Aber eine spannende Fortsetzung dieses guten alten Regietheaters ist mir in unseren Opernhäusern in den letzten Jahren nur selten vorgekommen. Klar, es gibt sie immer wieder die Abende, die selbst in einer bekannten Opern noch einen spannenden Teilaspekt finden oder eine bislang uneingenommene Perspektive. Und sicherlich: auch neue Medien gesellen sich hinzu. „Freitschütz“, „Parsifal“ und „Entführung“ kommen heute kaum noch ohne Videoprojektionen aus, ohne multimediale Untermalung und radikale Neudeutungen – aber gibt es dadurch wirklich immer Neues in der Substanz?

Das Verwunderliche ist, dass viele Menschen aus dem Opernbetrieb dennoch auf diese Form der Erzählung setzen – und zwar nur auf diese! Sie verstehen das Opernhaus auch weiterhin als Pulsmesser unserer Zeit, als emotionales Kraftwerk, als Ideen-Einwurfmaschine für unsere Gegenwart.

Vielleicht ist die Zeit reif, radikaler umzudenken. Nicht das Gegeneinander unterschiedlicher Ästhetiken sollte den Spielplan bestimmen, nicht die Ideologie eines Intendanten für oder gegen das sogenannte „Regietheater“. Das historisch informierte und das vollkommen neu Gedeutete können gut nebeneinander stehen. Aber das allein wird nicht reichen, um die Oper wieder in unsere Zeit zu rücken. Der Komponist Moritz Eggert fordert seit Jahren (und das nicht aus Eigennutz), dass gerade auch Intendanten den Mut haben sollten, neue Opern in Auftrag zu geben, Werke, deren Musik ebenfalls aus unserer Zeit stammt. Und das wäre am Ende ja nur konsequent. Es würde jene Kritiker des Regietheaters befriedigen, die maulen „schreib doch ne bessere Oper, wenn Du den ‚Don Giovanni’ auseinanderfledderst!“ Und auch innovativen Kräften sollten Opern aus unserer Zeit durchaus entgegenkommen. Ja, Eggert denkt bei seinen Gedankenspielen sogar über Quoten nach: 50 Prozent? 25 Prozent? 70 Prozent? Egal: Wichtig wäre lediglich, das das Neue wieder zu einer Normalität wird – so wie es auch im 18. oder 19. Jahrhundert normal war, dass alte Opern nun Gegenwartskompositionen die Spielpläne der europäischen Häuser bestimmten.

Warum fehlt eigentlich der Mut?

Aber zu genau diesem, wirklich radikalen Schritt, scheint vielen Häusern einfach der Mut zu fehlen. Sie suchen weiter das Neue und Gegenwärtige im Alten – und drohen dabei ebenso abzustumpfen wie ihr Publikum. Oder sie verlassen sich auf die Ewigkeit des Schönen und Hehren, so wie Puccini, Mozart oder Wagner es aufgeschrieben haben. Beides ist legitim. Aber wer es wirklich ernst meint mit einer Erneuerung der Oper, kommt nicht daran vorbei, auch das Genre an sich zu befragen und Komponisten zu beauftragen, es aus unserer Zeit heraus neu zu arrangieren.

Würde die Neue Oper nicht nur ein Feigenblatt sein, das man einmal in der Saison für das eigene Image auf das Programm stellt und längst mit anderen Produktionen gegenfinanziert hat, könnte die Oper profitieren. Dann müssten sich auch unsere Komponisten wieder mehr nach dem Publikum richten, ihren Elfenbeinturm verlassen – und mit sinnvollen Ideen hervorkommen, wie die Kunst der Musik, des Gesanges und der Bühne unsere Zeit emotional erhebt, befragt oder schockiert.

Wer über Regietheater oder Mottenkiste streitet, streitet immer auch über unseren Umgang mit Oper. Ihm liegt die Kunstform offensichtlich am Herzen. Aber wenn sie nicht sterben soll, dürfen wir nicht allein um ihre Reproduktion streiten, sondern sind auch verpflichtet, die Oper als Form weiterzuschreiben.

 

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Kommentare

  1. Lore Puppel
    22. Mai 2017 at 17:21

    Man wird doch mal träumen dürfen. Betrachtet man die Oper als Märchen für Erwachsene und nicht als sozial kritische Studie, könnte man die Sinnlichkeit der Musik genießen und brauchte nicht zu hinterfragen, was der Komponist, Librettist uns zu sagen gedachte.

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