Rechte Politik linke Bühne?

Österreichs neue Regierung rutscht nach Rechts. Und die Wiener Opernhäuser besetzen ihre Leitungen neu – ein öffentliches Korrektiv?

Von Axel Brüggemann

Es ist relativ ruhig in Wien. Auf jeden Fall, wenn man das heutige Wien mit dem Wien im Jahre 2000 vergleicht. Damals trat die rechtspopulistische FPÖ mit ihrem Anführer Jörg Haider zum ersten Mal in eine Bundesregierung ein. Und die Proteste in Wien nahmen kein Ende: Sting sagte damals seine Konzerte in Österreich ab, die nationalen Filmschaffenden um Michael Haneke protestierten lautstark und kollektiv auf den Berliner Filmfestspielen gegen die neue schwarz-blaue Regierung, der deutsche Regisseur Christoph Schlingensief stellte in einer Performance in Wien Container für Asylbewerber vor der Staatsoper auf und sorgte damit für einen Eklat, prominente Künstler wie Hermes Phettberg oder Marlene Streeruwitz hielten leidenschaftliche Reden, und für Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek war klar, dass Jörg Haider selber eine Theaterfigur sei. Über zwei Jahre lang zogen Tausende zur wöchentlichen Donnerstagsdemonstration.

Und heute? Österreich wird – nach Jahren der Großen Koalition – erneut von einer schwarz-blauen Regierung mit Bundeskanzler Sebastian Kurz (ÖVP) und seinem Vize Heinz-Christian Strache (FPÖ) geführt. Und, ja, es wird wieder demonstriert. Aber die Proteste sind stiller, vor allen Dingen aber: ihnen fehlt es weitgehend an Kultur. Und das, obwohl der rechtspopulistische Teil der Regierung heute wesentlich offensiver agiert als noch im Jahre 2000 unter Jörg Haider: Gerade erklärte der neue Innenminister Herbert Kickl (FPÖ), dass er Asylsuchende „konzentrieren“ wolle und Niederösterreichs FPÖ-Spitzenkandidat Udo Landbauer stand als Mitglied der Burschenschaft „Germania“ in der Kritik, die ein Liederbuch mit Trinkliedern wie „Es lagen die alten Germanen“ nutzt, in dem es menschenverachtend, antisemitisch und NS-verherrlichend zugeht. So richtig aufzuregen scheint das allerdings niemanden mehr. Weder im In- noch im Ausland.

Radikalisiert sich die Politik, rüstet sich die Kultur

Erst wenn man genauer hinschaut, zeigt sich ein uraltes Prinzip, das in Österreich immer wieder zu greifen scheint: Wenn sich die Politik radikalisiert, rüstet sich auch die Kultur. Und so sind zwei kulturpolitische Entscheidungen der letzten Monate besonders spannend. Beide betreffen die klassische Musik: Bogdan Roščić wird von 2020 an die Wiener Staatsoper leiten und Stefan Herheim etwas später das Theater an der Wien übernehmen. Beide Personalien sind gerade mit Blick auf die neue Regierung erhellend – denn beide stehen nicht für den national-bildungsbürgerlichen Kulturbetrieb, wie ihn die FPÖ versteht, sondern eher für Experiment und Aufbruch. Es scheint fast ein österreichisches Kultur-Gesetz zu sein, dass Personalentscheidungen an den großen Häusern (Wien wird von der SPÖ regiert) mutiger werden, je konservativer die Politik der gesamten Republik wird.

Dass der Sony-Manager Bogdan Roščić die Leitung der Wiener Staatsoper übernehmen wird, habe ich vor einigen Monaten noch scharf kritisiert. Meine Kritik damals: Roščić orientiert sich bei seinen Entscheidungen lieber am Markt als an den Inhalten. So hat er es jedenfalls bei Sony gehalten. Aber es ist eben auch nicht von der Hand zu weisen, dass er ambitioniert genug ist (und durch seine alten Österreich-Beziehungen auch mächtig genug), die alt ehrwürdigen Staatsoper am Ring grundsätzlich auf neue Beine zu stellen. Roščić spricht von einer „Oper 4.0.“, davon ein neues, junges Publikum erreichen zu wollen, davon inhaltlich zu denken und nicht die gleichen Fehler zu begehen wie die MET in New-York, die inzwischen vor einem überalterten Publikum spielt und um Auslastungszahlen ringt. Roščić will kein verstaubtes Haus, an dem jeden Abend brav das alte Repertoire abgespult wird, keine Oper, die den Staat legitimiert, sondern eine Bühne, auf der alle Generationen miteinander ins Gespräch kommen. All diese Ankündigungen bergen unter der neuen Bundesregierung natürlich Sprengstoff, und es dürfte spannend sein, wie Roščić die Staatsoper innerhalb der neuen politischen Landschaft aufstellt.

Schluss mit dem Einlullen

In Zeiten der Großen Koalition war es so, dass nicht nur die Oper, sondern ein Großteil der Österreichischen Kulturlandschaft ein bisschen weggedimmt ist: Man war satt, beschränkte sich auf den status quo, spielte, was man immer spielte und vermeide es, Position zu beziehen. Fast schien es so, als ob Theater, Kunsthallen und Opern die goldenen Tapeten eines Landes darstellten, das sich in seinem kulturellen Mythos und in seiner Sattheit gefiel. Nun wandelt sich die Stimmung – Positionierungen sind gefragt. Auch und gerade auf der Bühne.

Noch spannender als die Personalentscheidung an der Staatsoper dürfte jene am Theater an der Wien sein. Hier ist der norwegische Regisseur Stefan Herheim designierter Intendant und wird sein Amt 2022 antreten. Herheim glaubt leidenschaftlich daran, dass Oper immer auch gesellschaftliche Relevanz hat. Das hat er nicht zuletzt in Bayreuth gezeigt, als er den „Parsifal“ in die Villa Wahnfried verlegte und die Geschichte Deutschlands von Ludwig II. über den Nationalsozialismus bis in die Demokratie deklinierte. Eine zutiefst politische Inszenierung, die allerdings kein hohler Protest war, sondern durch ihre handwerkliche Brillanz auch Kritiker des „Regietheaters“ begeisterte und zu spannenden Diskussionen führte.

Politik nicht als Feind, sondern Publikum als Freund

Bei seiner ersten Pressekonferenz in Wien hat Herheim bereits angekündigt, dass er „nicht nur lustvoll Süßes“ anbieten wolle, „sondern auch Pikantes und Scharfes“. Herheim erinnerte an den Geist von Karl Kraus: „In der Kunst kommt es nicht darauf an, dass man Eier und Fett nimmt, sondern dass man Feuer und Pfanne hat.“  Das lässt sich durchaus als Kampfansage verstehen. Aber der Kampf wird anders als noch im Jahre 2000. Statt auf radikale Agitation scheinen die Kulturschaffenden dieses Mal auf Integration zu setzen.  Statt die Politik zum Feind zu erklären, wollen sie das Publikum als Freund. Herheim erklärte auf seiner ersten Pressekonferenz, dass er Gemeinsamkeiten offenlegen will, dass er verbinden will. Mit anderen Worten: Er will für seine Kunst und für seine Debatten werben, lädt das Publikum ein, statt es zu verprellen, will jenen öffentlichen Geist der Debatte schaffen, der deutlich werden lässt, dass die Kultur die Möglichkeit hat, gemeinsam Staat zu machen, im Geiste der Aufklärung und des Humanismus.

Derzeit ist es noch weitgehend ruhig in Österreich. Die neue Regierung positioniert sich erst, und auch die Kultur-Institutionen scheinen es dieses Mal etwas langsamer angehen zu lassen. Sicher ist, es könnte noch spannend werden, wenn Politik und Kultur sich aufgestellt haben und um die besten Ideen ringen. Aber wer weiß, vielleicht wird das Land beim Antritt von Roščić und Herheim auch schon wieder von einer ganz anderen Regierung geführt.

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