Reformation: Wider die himmlischen Propheten

(Illustration)

Die anderen Reformatoren stritten über die Bedeutung des Abendmahls, über religiöse Bilder – und auch über die Musik im Gottesdienst gerieten sie sich in die Haare. Zu einem friedlichen Nebeneinander haben sie erst lange nach ihrem Tod gefunden, und zwar in den Liedern des Evangelischen Gesangbuches.

„Himmlische Propheten“, „Schwärmer“, nennt er sie, „Abergeistliche“ und „Rottengeister“ – Martin Luther spart in seiner Schrift Wider die himmlischen Propheten von 1525 nicht an Polemik, wenn er über missliebige Reformationskollegen spricht. Denn es ist ein nicht zu unterschätzender Streitpunkt unter den Reformatoren: das Singen im Gottesdienst. Das geistliche Lied in der Volkssprache ist Garant für den Erfolg der reformatorischen Idee, gerade jetzt, wo durch den Buchdruck nicht nur die Bibel, sondern eben auch Liedblätter und Gesangbücher zum erschwinglichen Massenprodukt werden. Dessen ist sich Luther sehr bewusst und entsprechend groß ist seine Sorge, dass sich die Lieder zum Beispiel seines Kontrahenten Thomas Müntzer (um 1489–1525) allzu sehr verbreiten.

Müntzer ist einer der radikalsten unter den Reformatoren. Er ist ein Bilderstürmer ersten Ranges, er lehnt nicht nur die (Heiligen-)Bilder in den Kirchen ab, sondern auch jegliche Form von kunstvoll komponierter Musik. Die althergebrachten Gesänge übersetzt er in die Volkssprache, wie übrigens auch alle anderen gottesdienstlichen Elemente. Allerdings setzt er die neuen deutschen Wörter einfach unter die alten Noten, ohne zum Beispiel auf Sprachbetonungen zu achten. Das ist dem sprach- und musikempfindsamen Luther ein Dorn im Auge, er ist absolut gegen diese schnelle und rücksichtslose Vorgehensweise: „Es müssen beide, Text und Noten, Accent, Weise und Geberde aus rechter Muttersprach und Stimme kommen; sonst ist alles ein Nachahmen, wie die Affen thun“, schreibt er in Wider die himmlischen Propheten.

Um seine Vision und Version des deutschsprachigen geistlichen Lieds durchzusetzen, nutzt Luther seinen Einfluss auf den Herausgeber des ersten Gesangbuchs, Johann Walter (1496–1570). 1524 erscheint das Geystliche gesangk Buchleyn, auch das Wittenberger Chorgesangbuch genannt, mit insgesamt 38 deutschen Liedern – allein 24 davon stammen aus Luthers Feder. Doch ganz so konsequent verbannt Luther die Lieder seiner reformatorischen Widersacher dann doch nicht. Das Lied Kommt her zu mir, spricht Gottes Sohn, heute EG 363, von dem Müntzer-Anhänger Georg Grünwald nimmt er nämlich auch in die Sammlung auf. Dass trotz Luthers vehementer Ablehnung heute auch Müntzer im Evangelischen Gesangbuch mit einem Lied vertreten ist, ist paradoxerweise dem Katholizismus zu verdanken. Müntzers deutsche Übertragung des lateinischen Hymnus Conditor alme siderum als Gott, heilger Schöpfer aller Stern wurde nämlich zuerst im katholischen Gotteslob aufgenommen und kam über diesen Weg als EG 3 1993 auch ins Evangelische Gesangbuch.

Was Luther über das Singen und Musizieren im Gottesdienst denkt, ist deutlich: Er will „alle Künste, sonderlich die Musika, gerne sehen im Dienste des, der sie gegeben und geschaffen hat“, so schreibt er es im Vorwort zum Wittenberger Chorgesangbuch. Das, was er für selbstverständlich hält, bereitet den oberdeutschschweizerischen Reformern allerdings erheblich mehr Kopfzerbrechen. Ulrich oder Huldrych Zwingli (1484–1531) kommt zu dem und verbannt Instrumente und Gesang gleich ganz aus dem Gottesdienst. „Tempelgemurmel“ nennt Zwingli den Kirchengesang und begrüßt stattdessen das „fromme, inwendige Gebet“. Aber trotzdem ist auch er heute mit dem Lied Herr, nun selbst den Wagen halt (EG 242) im Evangelischen Gesangbuch als Liedautor vertreten. Der im übrigen hochmusikalische Zwingli schätzte das Liedersingen nämlich durchaus – für den Hausgebrauch.

Im Gegensatz zum Zürcher Zwingli werten die Konstanzer Reformatoren um Johannes Zwick (1496–1542) das Singen als „frei Ding, das sein mag oder nit, je nach dem es Gott zu Lob dienet und den Menschen mag nütz und gut sein“. Sie machen sich, wenn auch nicht für die Figuralmusik, so doch für den Liedgesang im Gottesdienst stark. Bei der Auswahl der Lieder für sein Nüw gsangbüchle (1540) zeigt sich Johannes Zwick übrigens um einiges unverkrampfter als der starrköpfige Luther: Denn nicht nur dessen Lieder nimmt er neben seinen eigenen und denen anderer reformatorischer Dichter in seinem Gesangbuch auf, sondern auch Lieder von katholischen Autoren. Zwick ist damit schon zu Zeiten der Reformation ein Vorreiter der Ökumene. Sein Lied All Morgen ist ganz frisch und neu steht heute zum Beispiel sowohl im Evangelischen Gesangbuch (EG 440) als auch im katholischen Gotteslob (GL 710).

Eine der ersten Städte, die zum Zentrum reformatorischer Umwälzungen werden, ist Straßburg – und was die Musikfrage betrifft, stellt sie sich übrigens ganz auf die Seite von Luther. Seine Erfindung, das gereimte Psalmlied, nehmen die Freunde und Kirchenmusiker Wolfgang Dachstein (1487–1561) und Matthias Greiter (um 1495–1550) zum Vorbild, alle Psalmen als Lieder systematisch zu erschließen. Dafür entwickeln sie einen eigenen Melodietyp, der besonders praktikabel sein soll, nämlich mit einer Sammelnote zu Beginn, einem gleichmäßigem Rhythmus und nur wenigen Sprüngen. Unter der Federführung des Reformators Martin Bucer (1491–1551) erscheint 1541 eine prachtvolle Gesangbuchausgabe. Der liturgische Gesang unter EG 180.1 im Evangelischen Gesangbuch heute, Ehre sei Gott in der Höhe, geht zum Beispiel auf diese Straßburger Ausgabe zurück. Darin nehmen aber vor allem die besagten Psalmlieder den wichtigsten Platz ein.

Von denen ist Johannes Calvin (1509–1564) übrigens restlos begeistert – und das, obwohl er wie sein schweizerischer Landsmann Zwingli zuerst erhebliche Bedenken wegen der sinnlichen Reize von Musik hat. Zurück in seiner Heimat Genf stellt er nach Straßburger Vorbild aus 125 Melodien insgesamt 150 Lieder zu jedem Psalm zusammen. Instrumentalmusik und Chorgesang sind zwar weiterhin nur für das gesellige Musizieren erlaubt, aber auch die Hausmusik profitiert von dem Melodienschatz in Calvins Genfer Psalter. Ganz nebenbei wird nun auch im Alltag öfter religiöse Musik gemacht, was vor allem den beliebten vierstimmigen Vertonungen von Claude Goudimel (um 1514–1572) zu verdanken ist. Auch sein Erbe findet sich heute im Evangelischen Gesangbuch, nämlich der vierstimmige Satz Brunn alles Heils, dich ehren wir (EG 140).

Auch das zeigt: Die Lieder der Reformation waren richtige Selbstläufer und schrieben ihre ganz eigene Erfolgsgeschichte. Die Reformatoren hatten vor rund 500 Jahren in ihrem Streit das enorme Potenzial ihrer Lieder schon richtig erkannt – aber sie hätten wohl nicht damit gerechnet, dass sie mit ihren eigenen Waffen geschlagen werden und sie durch ihre Lieder am Ende gemeinsam für die Reformation Pate stehen.

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