Valencia – aus der Sicht eines Musikers

(Foto: Bob Coat)

Die spanische Küstenmetropole errichtete mit der „Stadt der Künste und Wissenschaften“ einen architektonischen Meilenstein. Welch ein Glück, dass uns der Chefdirigent des derzeit spektakulärsten Opernhauses erklärt, wie es sich darin anfühlt.

Von oben, also aus dem Flugzeug betrachtet, wirkt Valencia wie ein Küstendorf mit einem riesigen Spielplatz in der Mitte. Und wenn man dann unten ist, am Boden, mitten in der City, staunt man nicht schlecht über diesen Spielplatz, der dann doch etwas größer ist als im heimischen Garten – also eigentlich bedeutend größer, wenn man es genau nimmt. Denn die weiße „Stadt der Künste und Wissenschaften“, geplant vom Stararchitekten Santiago Calatrava und in den Jahren 1991 bis 2006 erschaffen, ist eine der bedeutendsten architektonischen Leistungen der Neuzeit.

Das prominenteste Element dieses mehr als 700 Millionen Euro teuren Kulturgartens ist natürlich das Opernhaus, dem auch gleich ein Opernverdächtiger Name gegeben wurde: Palau de les Arts Reina Sofia. Ganz ehrlich: es sieht auf den ersten Blick aus wie ein riesiger weißer Fisch. Schon irgendwie spektakulär, aber eben auch etwas gewöhnungsbedürftig, wenn man es mit einem eher konventionellen Theater wie der New Yorker Met vergleichen würde. Auch im Inneren: ziemlich abgedrehtes Design mit runden, geschwungenen Formen auf 30.000 Quadratmetern. Die Kosten des weißen Palaus sollen bei 300 Millionen Euro gelegen haben.

Man stellt sich viele Fragen, wenn man tagsüber durch diese heiligen Hallen flaniert. Zum Beispiel diese: wie fühlt es sich an, in diesem modernen, durchgestylten Gewölbe, ein 300 Jahre altes Stück von Guiseppe Verdi zu dirigieren? Beantworten könnte dies Lorin Maazel, der von 2006 bis 2011 Chefdirigent des Palau war – oder Omer Meir Wellber. Der Israeli, nur 30 Jahre jung, und Ziehsohn des großen Daniel Barenboim, leitet seit 2011 das Orchester der Oper von Valencia. Meir Wellber sagt, genau dieses Detail sei ein unglaubliches Gefühl, denn hier spiele man nicht – wie in der Mailander Scala vielleicht – in der Vergangenheit, sondern in der Zukunft. Und gerade die heutigen, modernen Opern-Interpretationen bekämen in solch einem Haus eben eine völlig andere Dimension.

Meir Wellber passt daher gut in dieses neue Valencia. Er gehört zu einer neuen Generation von international einsetzbaren Dirigenten. Er ist jung, frisch, flexibel und ohne Maestro-Allüren. Als er zu den ersten Proben („aufgrund des guten Wetters“) mit dem Fahrrad erschien und dies vor dem Haus parkte, wussten die stolzen Spanier zuerst nicht so recht, was sie davon halten sollten. Nachdem er weiterhin mit dem Fahhrad erscheint, „haben sie sich nun daran gewöhnt“, sagt Meir Wellber.

Überhaupt: warum hat ausgerechnet Valencia ein solches Opernhaus? Besitzt Spanien mit Madrid, Barcelona, Sevilla und Bilbao kulturell nicht viel bedeutendere Städte?
Nicht nur Meir Wellber sagt, der Erfolg Valencias liege zu einem großen Teil an der umtriebigen Bürgermeisterin: Rita Barbera. Sie ist seit beeindruckenden 21 Jahren im Amt. Jahr für Jahr taucht sie in Ranglisten der mächtigsten Frauen der Welt auf – neben Angela Merkel und Hillary Clinton in den vordersten Reihen. Señora Barbera sorgte sich in den vergangenen zwanzig Jahren wie eine „Tigermum“ um die Zukunft ihrer Bewohner und der Stadt. Dank ihrer Überzeugungskraft ließ sie Staat, Kommune und – so die Gerüchte – auch die katholische Kirche kräftig in die Küstenmetropole investieren. Natürlich nicht nur in Kultur, sondern auch in Sport und Freizeit. Valencia verfügt über eine erstklassige Fußballmannschaft und seit mehreren Jahren über ein eigenes Formel-1-Rennen, das mitten in der Stadt ausgetragen wird. Vor zehn Jahren ließ sie auch noch den Hafen komplett renovieren – für zwei Milliarden Euro immerhin – und holte zwei Mal das Segelrennen America’s Cup ans Ufer.

Valencia boomt, doch die Einwohner wirken angenehm unaufgeregt. Meir Wellber sagt, das sei auch in der Oper so. Allerdings weist er kurz darauf hin, dass die Operntradition der historisch sehr alten Stadt noch in den Kinderschuhen stecke: Bis zur Fertigstellung des Calatrava-Opernhauses im Jahr 2006 gab es in Valencia weder ein Opernhaus, noch eine Aufführung.

Man könnte natürlich den ganzen Tag in der Stadt der Künste und Wissenschaften verbringen – neben der Oper strahlt auch noch das L‘Hemisfèric, eine Art umgedrehter Pudding aus Stahl und Glas, der ein IMAX-Kino und ein Planetarium beherbergt; dahinter das Wissenschaftsmuseum und das L‘Oceanogràfic, immerhin gleich mal das größte Aquarium Europas. Alles beachtenswert, fotografierenswert und bestaunenswert. Doch Valencia bietet mehr.

Vor allem kulinarisch: Einheimische empfehlen auf jeden Fall eine Einkehr ins Lokal La Pepica (Paseo Neptuno). Gäbe es eine Liste der „1000 Lokale, in denen man gegessen haben muss, bevor man stirbt“, wäre das La Pepica weit vorn. Wahrscheinlich sogar unter den ersten zehn (selbst die Queen speiste dort und Hemingway natürlich auch). Eröffnet 1898, ist das Lokal eine Halle voller Erinnerungen und die Kantine mehrerer Generationen. Die Hektik der Großstadt wird hier an der Garderobe abgegeben, denn am Wochenende sitzen die alten Familien bis zu fünf Stunden an den riesigen Tischen und genießen die frisch duftende Paella, die in Valencia immerhin ihren Ursprung hat. Dass es direkt am feinsandigen Stadtstrand liegt, ist da nur noch ein weiteres positives Detail.

Danach wandert man zurück in die Stadt, vorbei an den alten Fischerhütten, hinein in eine andere Zeit. Geht man Richtung Westen, landet man im hektischen Treiben des Mercado Central – ein Markt, der die Zeit wieder um 50 Jahre zurückdreht. Hier kann man sich den Unterschied zwischen Serrano-Schinken und Jamón Ibérico (dem von den schwarzen Schweinen) erklären lassen. Jemand, der sich damit sehr gut auskennt, ist Quique Barella, hoch dekorierter Koch im El Alto (Calle de Jorge Juan 19). Das El Alto ist ein kleines, feines Restaurant im ersten Stock des Mercado de Colón, einer alten Markthalle mit opulenten Ornamenten an den Decken. Früher beherbergte der Raum das Finanzamt, heute genießt man Quiques legendäre Fischkreationen. Wer zu ihm ins El Alto komme, sagt Quique, müsse seine Gambas probieren. Und tatsächlich, schon die erste Kostprobe löst Glücksgefühle am Gaumen aus. Bei Quique sind die Gambas eine Sensation, denn sie kommen aus Denia. „Es sind die besten der Welt“, schwärmen die Einheimischen.

Meir Wellbers liebste Speisekammer ist die Taverna Alkazar. Ein hübsches, kleines Schmuckkästchen, das für seinen in Salzkruste zubereiteten Fisch (Meir Wellber: „Liebe ich“) und lokale Muscheln („Mag ich nicht so“) bekannt ist. Nach dem Dinner, das in Valencia gerne erst abends um elf eingenommen wird, spaziert man durch die engen Gassen in die Altstadt El Carmen, dreht die Uhr um weitere 100 Jahre zurück und landet gezwungenermaßen in einer der vielen alten Bodegas, die mit dem Eintreten der Nacht immer voller werden. Zu empfehlen ist die Bodeguita Cavallers (Calle Caballeros 23), in der es einen perfekten Café Solo gibt und natürlich das Sant Jaume (Calle Caballeros 51). Warum „natürlich“? Das Sant Jaume war früher eine hübsche, kleine, mit viel altem Holz verzierte Apotheke, heute ist es eine Bar, die von vielen Künstlern aufgesucht werden, auch vom Chef-Dirigenten Meir Wellber. Man trinkt Cava oder ein Cerveza (Bier) und man genießt das gelbe Licht der Straßenlaternen, das die gepflasterten Gassen legiert. Apropos Bier: Auch Meir Wellber sagt, Valencia sei in dieser Hinsicht ein Traum: das spanische Cerveza schmecke nicht nur gut, es sei auch „billiger als Wasser“.

Wer nach dem Bier im Sant Jaume noch fit ist und vorbereitet auf etwas wirklich Großes, der spaziert hinüber zur Plaza de la Reina und wirft einen Blick auf die hell beleuchtete Kathedrale von Valencia. Ein kunstvoll zusammengeflicktes Bauwerk, das in dieser Art original erhalten aus dem 13. Jahrhundert an diesem Platz in hell gelbem Licht erstrahlt. Katholiken behaupten, in dieser Kirche liege der heilige Gral, also jener „Santo Caliz“, aus dem die zwölf Apostel beim letzten Abendmahl tranken. Das würde auch erklären, warum Papst Benedikt XVI. seine erste offizielle Reise ausgerechnet nach Valencia tat, eine Geste, die beweisen soll, dass Valencia innerhalb der katholischen Kirche einen ganz besonderen Platz genieße. Vielleicht erklärt es auch, weshalb Valencia nun diese „Landmark Buildings“ besitzt und nicht die großen Nachbarn Madrid und Barcelona.

Valencia für Klassik-Liebhaber - Die wichtigsten Tipps für einen Besuch in der spanischen Küstenstadt

Hotels:
1. Modern, aber eine Empfehlung von Omer Meir Wellber persönlich, weil er selbst dort oft gewohnt hat: Hotel Barcelo mit direktem Blick auf das Opernhaus, www.barcelo.com. 2. Klein und Design: Hospes Palau de Mar (Foto 3). Avinguda de Navarro Reverter, 14, www.hospes.com. 3. Am Strand: Neptuno. Puerto de Neptuno 2,
www.hotelneptunovalencia.com.

Restaurants:
1. La Pepica (1+2). Avenida de Neptuno, www.lapepica.com (unbedingt die Paella dort probieren). 2. El Alto. Calle de Jorge Juan, 19, www.grupoelalto.com. 3. Taverna Alkazar. Calle del Mosén Femades, 11, www.tabernaalkazar.com.

Termine:
Die wichtigsten Opern-Termine gibt`s auf der Internetseite des Palau de les Arts Reina Sofia:
www.palaudevalencia.com.
Omer Meir Wellber dirigiert am 23. Oktober 2012 die Premiere von „La Traviata“.

Bars:
1. Saint Jaume. Calle Caballeros in der Altstadt El Carmen.
2. Bodeguita Cavallers, nur zwei Häuser weiter.

Anreise:  
Air Berlin & Lufthansa fliegen direkt nach Valencia. Angebote unter
www.airberlin.com & www.lufthansa.com.

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