Roman Trekel: Insel der Seligen

(Roman Trekel, Foto: Roman Trekel)

Wie in einer behüteten Sängeroase erlebte Bariton Roman Trekel seine Musikerziehung in der ehemaligen DDR. Andererseits fand keinerlei internationaler Austausch statt. Dass er nicht so massiv gepusht wurde wie andere junge Sänger heute, erlebte er auch als Glück.

Mitten im Berliner Szenestadtteil Prenzlauer Berg, zwischen veganen Restaurants, hippen Designerläden und Ballettstudios für Kinder, liegt das kleine Tonstudio von Roman Trekel. Ein paar Stufen führen hinunter in ein Souterrain, gleich neben der Tür steht ein einladender Ohrensessel. In diesen Räumen produziert der Bariton, der seit Ende der 80er-Jahre zum Ensemble der Berliner Staatsoper gehört, nicht nur eigene Alben oder CDs von Kollegen, sondern unterrichtet auch seine Gesangsschüler. „Ganz in der Nähe wohnte früher meine Mutter mit meinem älteren Bruder. Ich blieb noch bei den Großeltern in Pirna bei Dresden, bis ich zwei Jahre alt war“, erzählt der Bariton. Die Eltern standen als Sänger abends häufig auf der Bühne. Die gefeierte Mezzosopranistin Ute Trekel-Burckhardt war im Ensemble der Komischen Oper. Ihr Mann Jürgen, ein Bass, hatte Engagements in Plauen, Frankfurt an der Oder, Halle und später auch in Berlin. Die Liebe zur Musik war Roman Trekel also schon in die Wiege gelegt worden. „Der stärkste Einfluss ging wohl von meinem Großvater aus. Er war Pianist, Dirigent und Komponist“, erinnert er sich. „In meiner Kindheit war er für mich ein Gott.“

Zum Singen kam Trekel erst als Teenager, vorher wollte er unbedingt Orchestermusiker werden. „Dabei war mir gar nicht ganz bewusst, was das eigentlich bedeutete“, lacht er. Nach der Blockflöte lernte er zunächst Oboe, bis er mit 17 den ersten Gesangsunterricht nahm. „Ab einem bestimmten Punkt habe ich im Singen mehr Erfüllung und Bestätigung gefunden. Ich musste allerdings noch einmal ganz von vorn anfangen. Auf der Oboe konnte ich längst mühelos phrasieren. Ein Sänger schafft das nur, wenn er die richtige Technik beherrscht. Erst nach drei bis vier Jahren hatte ich eine ausreichende Grundlage.“ Mit Stimme und Sprache Musik zu gestalten, sei wesentlich vielschichtiger, als ein Instrument zu spielen, findet er. „Auf der Opernbühne verkörpert man außerdem eine Rolle. Das alles macht Singen schwierig und gleichzeitig so schön.“

Noch vor dem Mauerfall kam der angehende Sänger nach dem Studium an der Hochschule für Musik Hanns Eisler an das frisch gegründete Opernstudio der Staatsoper Unter den Linden. Vorzeitig wurde er dann in das Ensemble aufgenommen, dessen festes Mitglied er bis heute ist. „Ich bin weit davon entfernt, die DDR-Zeiten zu glorifizieren. Für musikalisch begabte Kinder und Jugendliche gab es damals aber eine breitere Förderung, als dies jetzt der Fall ist. Musikunterricht wird an Schulen abgebaut. Gerade für Kinder ist das ein schwerwiegender Verlust. Dass klassische Musik in unserer Gesellschaft keine große Rolle mehr spielt, halte ich für eine katastrophale Entwicklung.“

In der DDR kam allerdings der Austausch mit anderen Kulturen zu kurz. „Wir befanden uns quasi in einem Puppenhäuschen, es gab ja kaum Einflüsse von außen. Unter den Gesangsstudenten an der Hochschule waren nur zwei Ausländer. Ein Bariton und ein Tenor aus Kuba, die ständig froren. Wir wuchsen sehr behütet auf, aber es fehlte natürlich die Konkurrenz.“ Obwohl sich das kommunistische Regime nach außen mit Nachwuchstalenten aus Musik und Sport schmückte, kann sich Trekel daran erinnern, dass der Alltag an der Musikhochschule weitgehend ideologisch unbeeinflusst verlief. „Wir befanden uns auf einer Art Insel. Mit solchen Künstlern konnte die Regierung offensichtlich wenig anfangen.“

Den frühen Einstieg bei der Staatsoper sieht er als großen Glücksfall. Seine Karriere als Opern- und Liedsänger hat sich seitdem stetig weiterentwickelt. Nach einem ersten Erfolg in einer Produktion von Debussys Oper Pelléas et Mélisande, bei der Ruth Berghaus Regie führte, präsentierte er sich unter dem neuen Generalmusikdirektor Daniel Barenboim bei viel beachteten Debüts, etwa in Mozart-Opern oder als Wolfram von Eschenbach in Wagners Tannhäuser. In dieser Rolle wurde er später bei den Bayreuther Festspielen gefeiert. Weitere Gastengagements führten ihn unter anderem an die Mailänder Scala, das Royal Opera House Covent Garden in London, die Bayerische Staatsoper München oder nach Tokio.

In den USA hat er vor einigen Jahren wieder die Titelrolle in Alban Bergs Oper Wozzeck gesungen. Eine Aufnahme mit der Houston Symphony unter Leitung des österreichischen Dirigenten Hans Graf ist jetzt beim Label Naxos erschienen. Eine heikle Partie, die er zuvor bereits unter dem Dirigat Barenboims und unter der Regie von Andrea Breth an der Berliner Staatsoper übernommen hatte. „Man braucht viel Zeit, um sich in diese komplexe Figur hineinzuversetzen. Auch stimmlich ist die Partie äußerst schwierig. In einigen Szenen muss man einen Sprechgesang, für den Berg keine genauen Tonhöhen vorgezeichnet hat, mit verzweifelten Gefühlsausbrüchen verknüpfen. Als Wozzeck gerät man in einen Tunnel, in eine Art Sog, aus dem man während der gesamten Aufführung nicht mehr herauskommt.“

Blickt Roman Trekel auf seine Anfänge als junger Sänger zurück, ist er fast überrascht, wie glatt alles für ihn vorangegangen ist. „Ich kam immer ein Stückchen weiter. Doch der Knalleffekt, der große Durchbruch, mit dem ich im Alter zwischen 20 und 30 rechnete, blieb einfach aus.“ Heute ist Trekel froh darüber, dass er genug Zeit hatte, seine Stimme im eigenen Rhythmus weiterzuentwickeln. „Wäre ich damals plötzlich nach oben katapultiert worden, hätte ich das stimmlich vielleicht gar nicht verkraften können.“ Ihm ist bewusst, wie sehr sich die Mechanismen der Künstlervermarktung in den letzten Jahren verändert haben. „Junge Sänger werden oft groß aufgebaut. Da man über die neuen Medien ständig miteinander vernetzt ist, weiß man genau, was andere in der Branche gerade machen. Künstler, die gerade erst ihren Platz in der Musiklandschaft suchen, geraten dadurch unter einen starken Druck, der unterschwellig immer bestehen bleibt. Wenn man sich diesem Druck nicht entziehen kann, befindet man sich in einem ständigen Wettlauf mit anderen.“

TERMINE:
09.03.2017: Stuttgart, Staatsgalerie
09., 13., 16., 17., 21., 23.04.2017: Berlin, Staatsoper
29.04.2017: Berlin, Pierre Boulez Saal

Alban Berg:
„Wozzeck“
Houston Symphony,
Hans Graf

(NAXOS)
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