Ein Anruf bei … Roswitha Sperber

(Ein Anruf bei Roswitha Sperber, Foto: Privat)

Ich führe doch kein Werk einer Frau auf!
Ein Anruf bei Roswitha Sperber, Sängerin und Kulturmanagerin, die vor 30 Jahren den Heidelberger Künstlerinnenpreis ins Leben rief – eine Auszeichnung speziell für Komponistinnen.

crescendo: Frau Sperber, 1987 riefen Sie den Heidelberger Künstlerinnenpreis ins Leben. Warum?
Roswitha Sperber: Ich hatte in Dilsberg, meinem idyllischen Wohnort im Rhein-Neckar-Kreis, wo künstlerisch-musikalisch absolutes Niemandsland war, eine Konzertreihe abseits des Mainstreams aufgebaut. Dadurch ist die Komponistin Violeta Dinescu auf mich aufmerksam geworden und hat ein Werk für mich geschrieben: Mondnacht für Alt und Orgel. Ich war damals auch Stimmbildnerin in der Heidelberger Studentenkantorei und Solistin in Oratorienaufführungen bei Kantor KMD Peter Schumann. Ich kam also begeistert mit den Noten zu Schumann. Der sagte: „Du spinnst wohl, ich führe doch kein Werk einer Frau auf!“ Wir waren so empört über diese Einstellung, die damals auch sonst herrschte, dass wir beschlossen, ein Festival zu gründen, bei dem Werke von Komponistinnen im Mittelpunkt stehen. Auf der Suche nach finanziellen Mitteln klopfte ich bei der Leitstelle für Frauenfragen im Sozialministerium Baden-Württemberg an. Dort fanden sich 5.000 DM, die nicht abgerufen worden waren. Damit rief ich den Heidelberger Künstlerinnenpreis ins Leben.

Beinahe alle Komponistinnen, die heute von Bedeutung sind, haben den Preis gewonnen, zum Beispiel Sofia Gubaidulina, Isabel Mundry, Olga Neuwirth, Kaija Saariaho oder Ruth Zechlin – die meisten, als sie noch unbekannt waren. Wie gelangen diese Entdeckungen?
RS: Ich bin sehr froh, dass ich Adriana Hölszky früh kennengelernt habe und sie in vielen Veranstaltungen programmieren und selbst aufführen konnte. Sie gehört auch zum Thema Osteuropa, meinem frühen Arbeitsschwerpunkt, in dem es Brücken zu bauen galt. 1988 erlebten wir die große Ost-West-Begegnung mit Komponistinnen aus den USA und Osteuropa. Sofia Gubaidulina war damals Gast bei uns in Heidelberg. Als ich 1989 vom sowjetischen und russischen Komponistenverband zum Moskauer Herbst eingeladen wurde, vertiefte ich den Kontakt mit Sofia. Ich bat sie, mir junge russische Komponistinnen vorzustellen. Wir trafen uns in ihrer Wohnung, hörten Musik, lasen Partituren, wobei ich viel über die Situation der russischen Frauen erfuhr. Was Sofia Gubaidulina selbst betrifft, so hat sich Gidon Kremer besonders für ihr Werk eingesetzt, was zu ihrem heutigen internationalen Ruf wesentlich beigetragen hat. Sie wurde 1991 mit dem Künstlerinnenpreis ausgezeichnet. 1992 war Galina Ustwolskaja, Schülerin von Schostakowitsch, Preisträgerin. Zur Verleihung realisierte ich die Uraufführung ihrer vierten Sinfonie mit der eigenartigen Besetzung für Alt, Trompete, Tam-Tam und Klavier. Ustwolskaja hat sofort Interesse geweckt und wurde anschließend auf den wichtigsten Festivals herumgereicht.

Was bekommen die Gewinner konkret?
RS: Ich musste immer wieder neu um die Finanzierung kämpfen. Heute beträgt das Preisgeld 10.000 Euro. Das Philharmonische Orchester der Stadt Heidelberg führt ein Orchesterwerk der Preisträgerin auf, danach gibt es die feierliche Preisverleihung, bei der ich eine von mir gestiftete Skulptur des Bildhauers Günter Braun überreiche.

Wie ging es nach der Gründung weiter?
RS: Ich wollte die Dinge der Frauen nicht in einem Ghetto behandelt, sondern in den ganz normalen Konzertbetrieb eingebracht wissen. Säulen waren immer auch die lokalen Zusammenarbeiten etwa mit der Heidelberger Musikwissenschaft um Ludwig Finscher. Dieser außergewöhnlichen Persönlichkeit verdanke ich in den frühen Jahren besonders viel. Nach seiner Emeritierung ging die Heidelberger Festivalarbeit sukzessiv ihrem Ende entgegen. 2005 haben wir zusammen mit Peter Spuhler und Cornelius Meister, seinerzeit Intendant und Generalmusikdirektor am Theater Heidelberg, erreicht, dass die Komponistinnen mit großformatigen, sinfonischen Werken aufgeführt wurden.

Vor 30 Jahren hatte es sicher seine Berechtigung, speziell Frauen eine Plattform zu bieten. Ist der Preis heute noch aktuell?
RS: Das ist die erfreuliche Situation! Wir haben unseren Beitrag dazu geleistet, das Bewusstsein für die Thematik zu schärfen. Aktuell hat zum Beispiel Heike Hoffmann, die neue Leiterin des Konzertprogramms der Schwetzinger Festspiele, dafür gesorgt, dass diese mit einem Opernauftrag für Annette Schlünz eröffnen, Tre Volti – 3 Blicke auf Liebe und Krieg. Außerdem läuft in Stuttgart das ECLAT-Festival, das SWR-Redakteur Björn Gottsein verantwortet, und bei dem es von Komponistinnen nur so wimmelt. Das ist wirklich der hundertprozentige Durchbruch!

Sie haben durch Ihren eigenen Preis dazu beigetragen, dass er sich überflüssig gemacht hat?
RS: Tatsächlich muss der Preis meiner Meinung nach nun weiterentwickelt oder eingestellt werden. Eine Vision wären zum Beispiel Opernproduktionen mit dem Nationaltheater Mannheim, das in diesem Bereich schon seit Jahren vorbildlich ist, oder eine Kooperation mit den Schwetzinger Festspielen. Das Werk einer Komponistin könnte auch Pflichtstück bei „Jugend musiziert“ werden. Auf der Stelle treten ist nicht angesagt!

Sperber, Roswitha (Hrsg.):
Visionen – Aufbrüche.
Der Weg ins 21. Jahrhundert.

Heidelberg, 2012

(Verlag Wunderhorn)
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