Ein Anruf bei … Geiger Stefan Arzberger

Foto: Leipziger Streichquartett

Ein Anruf bei … Geiger Stefan Arzberger, der in New York wegen versuchten Mordes angeklagt war und 16 Monate lang die USA nicht verlassen durfte.

crescendo: Herr Arzberger, nur noch mal kurz für diejenigen, die den Fall nicht konstant verfolgt haben. Sie sollen am 27. März 2015 in das Hotelzimmer eines anderen Gastes eingedrungen sein und eine 65-jährige Frau gewürgt haben. Sie können sich daran aber nicht erinnern …
Genau. Es ist tatsächlich immer noch so, dass mir ein paar Stunden meines Lebens fehlen. Es gibt – inzwischen habe ich viel darüber gelernt – Substanzen, unter deren Einfluss man komplett die Kontrolle verliert.

Sie saßen jetzt 16 Monate in den USA fest, ohne Pass und durften nicht reisen und auch nicht musizieren, oder?
Nein, ich durfte noch nicht einmal gemeinnützige Arbeit machen, weil ein laufendes Verfahren gegen mich vorlag.

Wie steht man eine solche Zeit durch – psychisch und finanziell?
Ehrlich gesagt gab es viele schwarze Löcher und heftige Depressionen in dieser Zeit und ohne die Unterstützung – auch in finanzieller Hinsicht – von Freunden und vor allem Menschen aus der Musikwelt hätte ich das nicht durchgestanden. Unsere in Long Island ansässige Agentin Erika Schupp zum Beispiel hat mir vom ersten Tag an sehr geholfen und ich durfte eine Zeit lang bei Dietlinde Turban, der Witwe von Lorin Maazel, als auch bei Alica Weilerstein wohnen. Aber ich durfte nicht auftreten.

Konnten Sie üben, Geige spielen ist schließlich Ihr Beruf?
Das Spielen ist mir sehr schwer gefallen, denn man befindet sich in einer absoluten Stress-Situation. Man hat keine Nacht mehr in seinem eigenen Bett geschlafen und befasst sich mit völlig kuriosen Dingen während eines solchen Prozesses, da bleibt die Musik etwas auf der Strecke. Ich durfte aber ab und zu bei einer deutschen Pfarrerin in einer Kirche spielen, das hat mir sehr geholfen. Ich muss vom Kopf her erst freier werden, um wieder so zu spielen wie zuvor Aber die Solidarität, welche mir in der gesamten Zeit in den USA als auch jetzt und hier zuteil wurde und wird, ist unglaublich. Es zeigt auch, wozu viele fähig sein können und was man zusammen erreichen kann. Dafür bin ich mehr als dankbar und ich werde mich ganz sicher in dieser Richtung zukünftig selbst stark engagieren.

Immerhin sind Sie seit dem 30. Juni wieder ein freier Mann, wie lautet das offizielle Urteil?
Alle wesentlichen Anklagepunkte sind fallengelassen worden, ich musste allerdings eine Art Geständnis ablegen, das nennt man in den USA einen „Deal“ und es läuft noch ein Zivilverfahren gegen mich. Zu diesem Prozess darf ich mich aber nicht äußern.

Was war im Rückblick das Skurrilste an der ganzen Geschichte?
Ach, das ist alles höchst skurril, eigentlich immer noch: Ich bin zum Beispiel eigentlich mit einem Einreiseverbot in die USA belegt, muss aber eventuell wieder vor Gericht erscheinen, die Behördengänge hören also nicht auf. Ich musste aber auch sehr skurrile Fragen der Ermittler beantworten – sie hatten mich als Musiker mit Hard-Rock-Musikern aus den 80ern gleichgestellt, so als sei das ganz normal, dass wir jedes Hotelzimmer zertrümmern und uns nur unter Einfluss von Drogen auf der Bühne exhibitionieren können.

Nicht Ihr Ernst?
Den Gedanken hatte ich auch. Ich kenne jedenfalls keinen Geiger, der sich vor dem Auftritt drei Whiskey reinschüttet, um seine Fingerfertigkeit zu verbessern.

Im vergangenen Jahr haben Sie sich von Ihrem (Leipziger) Streichquartett getrennt, wie geht es musikalisch jetzt weiter?
Ich werde natürlich weiterhin Geige spielen, und meine neue berufliche Heimat wird in München sein, so viel kann ich jetzt schon verraten.

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