Ein Anruf bei … Sebastian Hanusa

(Sebastian Hanusa, Dramaturg an der Deutschen Oper Berlin und freiberuflicher Komponist und Publizist, in seiner Performance-„Arbeitskleidung“; Foto: Risa Kusomoto)

Erst zünftig Weißbier trinken und dann das muntere Gluckern des eigenen Magens mittels Ultraschallgerät in eine zeitgenössische Komposition verwandeln lassen … Ein Anruf bei Sebastian Hanusa, der mit „Der Klang der Körpermitte“ ein sehr besonderes Musikstück komponiert hat.

crescendo: Herr Hanusa, was hat es mit Ihrer Komposition „Der Klang der Körpermitte“ von 2014 auf sich?
Sebastian Hanusa: Die Behauptung ist, dass ich das „Institut für gastroakustische Psychologie“ gegründet habe. Das geht von der Erkenntnis aus, dass wir viel mit dem Bauch entscheiden und dass unser Magen-Darm-Trakt großen Einfluss auf unsere psychische Befindlichkeit und unser emotionales Leben hat. Dem wollte ich nicht mit rein medizinischen, sondern mit psychoakustischen Mitteln nachgehen.

Mit welcher Methode?
S.H.: Mithilfe eines Ultraschallgeräts, das die Magenklange abnimmt, und eines psychologischen und ernährungswissenschaftlichen Fragebogens wird ein kurzes Musikstück erstellt, das ein Portrat des jeweiligen Magens darstellt. Dieses Stück gibt in drei Minuten deutlich mehr Aufschluss über die psychische Befindlichkeit als jede Studie der Medizin, so die Behauptung. Die Leute kommen also einzeln zu mir, wir füllen gemeinsam den Bogen aus, und ich taste mit einem Handultraschallgerät den Magen-Darm-Trakt ab. Gleichzeitig wird das Audiosignal in eine Live-Elektronik eingespeist, die es in Echtzeit verarbeitet. Man hört über Lautsprecher also direkt das Ergebnis, das die Live-Elektronik produziert. Man kann also direkt seinem eigenen Magen zuhören. Das individuelle Stück stelle ich der Person hinterher zur Verfügung.

Warum sollen die „Patienten“ vorher ein Weißbier trinken?
S.H.: Damit der Magen ordentlich in Schwung gerat. Im Eigenversuch habe ich herausgefunden, dass Weisbier – die Kombination aus Alkohol, Kohlensäure und Hefe – besonders viel Wirkung zeigt.

Klingt das schön oder geht es mehr um Performance?
S.H.: Das Ergebnis ist wirklich asthetisch, und ich bezeichne es auch als – jeweils komplett individuelle – „Komposition“. Ausgangspunkt für mich war eine musikalische Entdeckung, nämlich das Ultraschallgerät. Ein kleines Geräat, das jeder Hausarzt hat, um auch mal die Herzschläge des Babys zu hören. Im Rahmen der ersten Schwangerschaft meiner Frau hat mich das sehr fasziniert.

Sie arbeiten viel mit außergewöhnlichen Klängen. Steckt dahinter die Idee, Schönheit auch in Alltagsgeräuschen zu finden?
S.H.: Ich komme aus der „Musique-concrete“-Tradition. Da ist der Grundansatz, dass man alles, was man hört, erst mal als musikalisches Material begreift und überhaupt nicht zwischen Geräusch und Musik unterscheidet. Darüber hinaus habe ich Interesse an einer gewissen „Welthaltigkeit“ in der Musik: Musik nimmt Bezug auf die Welt und die Welt wirkt ihrerseits in die Musik hinein. Sie ist also keine abgehobene ästhetische Sphäre, die im Elfenbeinturm der Neuen Musik vor sich hinschwebt.

Körpergeräusche in der Musik haben schnell etwas Humoristisches, weil sie unkontrollierbar sind. War das auch eine Idee dabei?
S.H.: Einerseits geht es da erst mal sehr ernst zu. Ich spiele das Stück in einem Arzt-Set-up, ziehe mich selbst wie ein Arzt an, und die Leute müssen sich auf eine Liege legen. Bei der Uraufführung wurde ich vom Publikum öfter für einen Mediziner gehalten. Andererseits ist es ein Fake. Ich behaupte etwas, was es natürlich so nicht gibt. Aber es kommen wahnsinnig interessante Klänge dabei heraus, auch wenn eine gewisse Leichtigkeit, ein Augenzwinkern mit im Spiel ist. Aber gerade das von Ihnen erwähnte „Unbeherrschbare“ an den Körpergeräuschen interessiert mich. Es liegt jemand vor mir, und der ist Klangerzeuger. Er hört sich selber zu, kann die Geräusche aber nicht unmittelbar beeinflussen – nur mittelbar durch Trinken.

Der Körper wird also als Instrument genutzt, aber nicht aktiv wie beim Singen, sondern als passiver Klangerzeuger …
S.H.: Ja. Und umgekehrt habe ich das Ultraschallgerät, an dem eine Live-Elektronik hängt, die immer wieder anders reagiert – je nachdem, wie der Fragebogen ausgefüllt wurde. Während ich also den Bauch einer Person abtaste, höre ich, wie die Elektronik darauf antwortet. Dazu ist das Originalblubbern des Magens in das Audiosignal eingemischt. Im Grunde bespiele ich den Magen meines „Patienten“ wie ein Musikinstrument. Durch meine eigene Bewegung mit dem Ultraschallgerät improvisiere ich darauf. Eine spannende Mischung zwischen beherrschbarer Handlung und unbeherrschbarem Ereignis.

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