Sol Gabetta und Hélène Grimaud: „Grimetta“

(Foto: Mat Hennek / DG)

Kalkulierte Geschäftsbeziehung zweier Stars oder echte Harmonie? Wie Cellistin Sol Gabetta und Pianistin Hélène Grimaud ihre Zusammenarbeit bei ihrem ersten gemeinsamen Album „Duo“ erleben. 

crescendo: Wenn man es mal analysiert: Sie sind beide eigentlich sehr verschiedene Charaktere. Was verbindet Sie?
Hélène Grimaud: Was zwischen uns passiert ist, ist schwer in Worte zu fassen. Selten erlebt man so etwas: Du fühlst es, du lebst es, es ist so harmonisch und anspornend…
Sol Gabetta: Geplant war unsere Zusammenarbeit jedenfalls nicht. Wir haben erst vor kurzem das erste Mal zusammen gespielt. Ich mag diese Art von Projekten: es ist etwas neues, frisches, irgendwas passiert. Und: was war, kommt niemals zurück. Es ist jedes Mal neu. Solche Projekte treiben sich selbst voran.

Hm. Dann müsste man also nicht Ihre neue CD hören, sondern lieber in ein Live-Konzert gehen, um dieses gewisse Etwas zwischen Ihnen richtig zu erleben?
HG: Wir haben ja versucht, das haltbar zu machen, es aufzunehmen. Die CD haben wir ganz in diesem Geiste aufgenommen. Wissen Sie warum? Wir hatten nur anderthalb Tage zwischen vierhundert anderen Dingen. So hätten wir es gar nicht in der üblichen Art machen können. Und diesmal war das gut so!

Die Plattenfirma spricht von „musikbiologischen Prozessen“, die zwischen Ihnen abliefen.
SG: Ja, es ist mehr oder weniger eine Live-Aufnahme. Und ich denke, das kann man hören! Vielleicht wäre es kompliziert gewesen, den Funken unserer ersten Begegnung zu wiederholen. Aber zack, das hier war wieder wie bei unserem ersten Treffen!
HG: Nächstes Mal werden wir uns fragen: wie wollen wir dieses spontane Gefühl je wieder herstellen?

Glenn Gould, der letzten Monat achtzig Jahre geworden wäre, hätte wahrscheinlich den Kopf geschüttelt über diese Empfindungen. Er putzte eine Aufnahme so lange, nahm unendlich viele Takes einer Phrase auf und puzzelte dann alles zusammen, bis es vermeintlich perfekt war…
SG: Ja, aber wissen Sie: was heute perfekt ist, ist es morgen nicht mehr. Das ist wie mit den Planeten, irgendwann stimmt die  Konstellation eben, und dann driften sie wieder weiter…
HG: Oder, noch schlimmer: vielleicht war der Moment perfekt für dich, aber für niemand anderen.
SG: Ach, was ist schon Perfektion. Nur wenn Emotionen im Spiel sind, erwacht eine Sache zum Leben, dann bekommen wir auch eine Idee der Zeit, in der die Aufnahme entstand. Vielleicht finden manche unsere Version zu weich, zu aggressiv, oder vermissen irgendetwas anderes.

War Ihr Kennenlernen eigentlich geplant? Hélène Grimaud ist bei Deutsche Grammophon, Sol Gabetta bei Sony unter Vertrag, wie zwei Königinnen aus verfeindeten Reichen…
HG: Interessante Vorstellung. Und doch haben wir zueinander gefunden.
SG: In der Kammermusik kennen sich viele Leute jahrelang, jahrzehntelang. Alles läuft nach Masterplan. Du kennst den anderen, du weißt, wie er sich bewegt, wie er spielt. Ich spiele oft mit Kollegen, mit denen mich eine jahrelange Beziehung verbindet. Mit Hélène war das total anders, so spontan. Sie kennt mich noch nicht mal gut!
HG: Oh, was kommt da noch? Bis jetzt war’s so gut…
SG: Ich sage Ihnen, für Cellisten ist die Repertoirefrage richtig schrecklich. Wir brauchen eigentlich ununterbrochen Pianisten, sie müssen verfügbar sein. Und Hélène ist eine anerkannte Solistin, sie spielt überall. Als ich das erste Mal mit ihr spielte, dachte ich: was für eine starke Persönlichkeit.

Hélène, ganz direkte Frage: Sind Sie stark?
HG: Ich kann, wenn ich muss!
SG: Jaja, stark! Wie eine Schwester. Mit ihr fühle ich mich sicher. Ein Cellist muss ja oft anführen, stark sein. Mit meinem Bruder Andrés fühle ich mich sofort geborgen auf der Bühne, ich fühle mich gut, weil er da ist. Und so ist es auch mit Hélène. Manchmal habe ich Angst, ob der andere genug Raum bekommt. Mit ihr fühle ich sofort, was sie braucht, und wir ergänzen uns.

Das klingt jetzt bald wie eine Liebesbeziehung…
SG: Ach, manchmal muss Hélène auch die Solistin raushängen lassen, dann fühle ich mich wie eine kleine Ratte! Hehe. Und trotzdem, es ist ein gutes Geben und Nehmen. Die Werke, die auf der CD versammelt sind, sind sehr verschieden. Hatten Sie nicht manchmal auch verschiedene Auffassungen, wie etwas zu spielen ist?
HG: Im Großen und Ganzen nicht. Klar, an dieser und jener Stelle phrasiert der andere mal anders, dann haben wir das angeglichen. Aber das waren Winzigkeiten.

Ich denke an die Schostakowitsch-Sonate. Waren Sie da, was die Tempi der einzelnen Sätze anging, immer einig?
SG: Sie finden, wir waren zu schnell?

Nein, nein! Aber ich habe darüber nachgedacht, wie der Komponist sich die Sache wohl vorstellte, welche Ideen er in die einzelnen Sätze packen wollte. Und ob Ihre Spielweise, die mir manchmal, galant ausgedrückt, zuletzt fast spitzfindig vorkam, eher in unsere oder in seine Zeit passen?
HG: Man lernt mit der Zeit, sich von den Noten freizuspielen. Beethoven hat seine Sonaten sicherlich niemals gleich gespielt. Mal nahm er mehr Pedal, das hing bestimmt von seiner Tagesform ab. Darum geht es ja nicht, dann sieht man manchmal den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr.

Ende des Jahres gehen Sie auf Tour. Und danach, was meinen Sie, werden Sie sich mal wiedertreffen, musikalisch?
HG: Ich hoffe das sehr!
SG: Ganz bestimmt. Na, wenn ich mir unsere Kalender ansehe… War ja nicht einfach, ein paar Daten für die Tour zu finden. Aber wir haben es geschafft, wir haben es eingebaut bekommen.

Sol, hatten Sie noch etwas Zeit, sich Berlin anzusehen?
SG: Naja, ich habe in erster Linie den Komponisten Pēteris Vasks getroffen, der ein Stück für mich geschrieben hat. Ich habe fünf Jahre auf dieses Stück gewartet! Als ich mit ihm darüber sprach, bat ich ihn, meine Stimme einzubauen. Ich bin ein Mezzosopran, ich habe zwar keine Opernstimme, aber als Kind habe ich die ganze Zeit gesungen, und wollte das irgendwie dabeihaben. Vasks Stück dauert nun 35 Minuten, und erst kurz vor dem Ende, die letzten zweieinhalb Minuten, singe ich! Er sagte: ich konnte es nicht bewusst komponieren, ich musste abwarten, bis es passierte. Aber Wahnsinn, wie emotional das Werk geworden ist.

Zum neuen Album

Der Superlative bedarf die neue CD von Sol Gabetta und Hélène Grimaud, „Duo“ betitelt, eigentlich gar nicht. Es ist schlicht ein großer Genuss, die beiden Musikstars das übliche Repertoire – Stücke von Debussy, Brahms, Schostakowitsch und Schumann – frisch und selbstbewusst gemeinsam musizieren zu hören. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Sol Gabetta/Hélène Grimaud: „Duo“ (Deutsche Grammophon)

Helene Grimaud: Duo
Deutsche Grammophon (Universal)
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Kommentare

  1. 4. Januar 2015 at 12:49

    Ein wirklich außergewöhnliches Paar mit einer emotionalen Intelligenz der höchsten Stufe, und doch so lebensnah; fast unglaublich in unserer von Kultur so armen Zeit. Für mich ist diese “Ehe von Gstaad”, wie ich sie nenne, nicht ein Zufall, sondern ein Fatum – ein göttliches Zeichen, das die beiden Künstler auch verpflichtet und hoffentlich sehr lange Bestand haben wird. Ich höre mir übrigens das Dolcissimo von Peteris Vasks sehr oft an, eine unglaublich schöne Harmonie von Stimme und Cello – den Beiden kann man wirklich nur alles Glück der Erde wünschen, sie mögen uns ewig erhalten bleiben und uns noch sehr viel ihrer sensiblen Musik gönnen.

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