Sol Gabetta und Ivan Monighetti: “Er ist wie ein musikalischer Vater für mich.”

(Foto: privat)

Ein Gespräch mit den Cellisten Sol Gabetta und Ivan Monighetti über ihre
besondere Geschichte, den Einfluss ihrer Lehrer und das Unterrichten an sich.

Sol Gabetta hat sich längst einen Namen in der Spitzenliga der Cellisten gemacht, in diesem Jahr erhält sie gleich zweimal den ECHO Klassik. Doch sie ist ihren Weg zu den großen Konzertpodien dieser Welt nicht alleine gegangen. Zehn Jahre lang begleitete sie der in Riga geborene Cellist Ivan Monighetti, der seit 1990 Celloprofessor in Basel ist und den Rostropowitsch einst als einen seiner Lieblingsschüler bezeichnete. „Er ist wie ein musikalischer Vater für mich.“, sagt die Argentinierin mit den französisch-russischen Wurzeln heute. Seit 2005 unterrichtet sie ebenfalls an der Musikhochschule – an der Seite ihres Lehrers.

Bevor sie Ivan Monighetti kennenlernte, fuhr Sol Gabetta regelmäßig mit ihrem Vater die fast 600 km von ihrer Heimatstadt Villa María bis nach Buenos Aires, wo sie bei der berühmten Cellistin Christine Walewska Unterricht bekam: „Sie hat immer gesagt: ’Ich bin keine Lehrerin, du musst mir einfach zusehen und nachmachen. Was willst du spielen?‘ Sie hat fest daran geglaubt, dass man alles erreichen kann, wenn man es nur wirklich will. Christine hat die Bühne sehr geliebt. Sie hat mir das Träumen beigebracht.“

„Dann kam Ivan und mit ihm die Realität…“, sagt Sol Gabetta und lacht: „Aber das war auch gut so, denn nur mit dem Träumen wäre ich sicherlich nicht sehr weit gekommen.“ Beide scheinen sich gerne an den Beginn ihrer gemeinsamen Arbeit zu erinnern. Irène Gabetta, Sols Mutter, war es, die zuerst von der „Escuela Superior de Música Reina Sofía“ in Madrid hörte. Einer Hochschule für besonders talentierte Nachwuchsmusiker. Gemeinsam mit den Kindern Sol und Andrès, einem Violinisten reiste sie zur Aufnahmeprüfung. „Sol hat dort ganz brav vorgespielt.“, erinnert sich Monighetti „und von Anfang an habe ich gesehen, dass sie eine besondere Persönlichkeit ist, ein ‚Ausnahmekind‘. Es war gut, dass sie all diese Träume in sich hatte. Ich sah es sofort als meine Aufgabe an, diese Liebe zur Musik zu unterstützen und zu versuchen, ihr immer wieder neue Horizonte zu eröffnen.“ Die Kommunikation der beiden multilingualen Musiker war am Anfang eine bunte Mischung aus Russisch und Spanisch. „Sol hat nur zugehört, ihre Mutter musste übersetzen“, erzählt Monighetti, „jetzt spricht sie fließend Russisch, noch besser als die Mutter.“ In ihrer gemeinsamen Sprache, der Musik, verstanden sie sich auf Anhieb perfekt. „Sol konnte sich schon sehr früh sehr gut konzentrieren, sodass direkt eine schöpferische Zusammenarbeit entstehen konnte, scheinbar ohne Grenzen.“

Für die Ausbildung ihrer Kinder zog die Familie Gabetta von Argentinien nach Europa. Zwar blieb der Vater zunächst mit den beiden älteren Geschwistern in Argentinien, um den Lebensunterhalt zu sichern, während sich die Mutter um die künstlerische Ausbildung und Erziehung kümmerte, aber als Monighetti sich schließlich entschloss, ausschließlich in Basel zu unterrichten, zog die gesamte Familie ins Elsass. „Wir haben in Saint-Louis gewohnt, dicht an der Grenze zur Schweiz. Als wir angekommen sind, bekamen wir einen Schock und haben uns gesagt: „Hier bleiben wir sicher nicht länger als ein Jahr!“, erzählt Sol Gabetta und fährt dann fort: “Mittlerweile sind es fast zwanzig Jahre! Man kann eben nie wissen.“ Im Nachhinein spricht sie von einer Reihe von glücklichen Sternen: „Stern Nr.1 ist, solche Eltern zu haben und Stern Nr.2 ist es, so einen Lehrer gefunden zu haben und damit ist natürlich alles andere verbunden.“

„Es ist wirklich ein Glück, jemanden zu finden, der sich so um dich kümmert, es war viel mehr als nur Cellounterricht.“, fügt Sol Gabetta ernst hinzu: „Wir haben gemeinsam Bücher gelesen und Opern gehört, wir haben über Filme diskutiert und sind ins Ballett gegangen. Ivan hat mich in Museen mitgenommen und dafür gesorgt, dass ich mich entspanne, aber auch laufen gehe, um eine Energiequelle zu haben. Solche Pädagogen gibt es heute fast gar nicht mehr – leider!“

Ivan Monighetti legt viel Wert darauf, auf den einzelnen Schüler einzugehen: „Ich habe keine vorgefertigen Rezepte, keine Fingersätze oder Bogenstriche, die ich pauschal jedem Studenten geben kann. Ich schätze es sehr, wenn jemand eine eigene Meinung hat und vielleicht auch mal protestiert, dann entstehen oft spannende Diskussionen.

Leonard Bernstein sagte einmal: „When I teach, I learn and when I learn, I teach“, ein Zitat, dem auch Ivan Monighetti zustimmt: „Die besten Lehrer sind diejenigen, die selbst stetig lernen und man kann sehr viel von begabten Schülern lernen.“ Unter seiner Obhut gewinnt Sol Gabetta einige wichtige Wettbewerbe. Monighetti, selbst mehrfacher Preisträger, sieht diese Veranstaltungen ambivalent: „Ich glaube, es ist nicht der einzige Weg, der zur großen Karriere führt – und nicht unbedingt zum besseren Verstehen von Musik oder zur Vertiefung der Interpretation, aber junge Leute kämpfen gerne, sie wollen sich vergleichen und ausprobieren. Diese Wettbewerbsatmosphäre kann sehr positiv wirken, ist aber mit Vorsicht zu genießen.“

Noch bevor sie 2006 ihr Konzertdiplom bei David Geringas in Berlin erhielt, bekam Sol Gabetta selbst eine Assistenz-Professur an der Musik-Akademie Basel – und unterrichtet wann immer sie Zeit hat gemeinsam mit Monighetti, dem man einen gewissen Stolz anmerkt: „Ich höre Sols Unterricht immer mit großem Interesse zu und die Studenten sind auch ganz begeistert.“ „Unser Unterricht ist verschieden, ergänzt sich aber gut“, findet Gabetta. „Ich versuche die Arbeit mit dem Schüler so intensiv zu gestalten wie meine eigene und gleichzeitig auch individuell. Oft frage ich mich: Soll ich vorspielen oder lieber nicht? Soll ich singen, soll ich tanzen mit dem Schüler, soll ich eine Geschichte erzählen, Farben zeigen?“ Bei öffentlichen Meisterkursen, einer ganz anderen Art des Unterrichtens, fehlt ihr dafür oft die Zeit: „Bis man es schafft, dass ein Schüler etwas von sich geben kann, ist die Stunde schon fast vorbei.“, sagt sie und Monighetti ergänzt: „Allerdings hat man dort die Gelegenheit, seine eigenen Ideen weiterzugeben, zu vermitteln, was die Musik einem persönlich bedeutet. Ein intelligenter Student kann das annehmen und später für sich bearbeiten.“

Auf die Frage, wie ihn seine Zeit als Schüler von Rostropowitsch geprägt hat, muss Ivan Monighetti nicht lange überlegen: „Die klassische Musik sollte für Menschen so wichtig sein wie Luft und Wasser. Musik ist ja nicht bloße Unterhaltung, sie ist Nahrung für die Seele. Ohne Musik wird unsere Zivilisation nicht überleben. Wir Künstler haben in der heutigen Gesellschaft eine Mission zu erfüllen. Das empfinde ich als Rostropowitschs Nachlass. Er hat unermüdlich gekämpft und war so viel mehr als nur ein Musiker. Er war in vielen Bereichen aktiv und ich versuche, so viel wie möglich davon zu bewahren.

Seiner Schülerin Sol Gabetta konnte er bereits eine Menge weiterreichen und noch immer sucht sie seinen Rat. Bevor sie ein neues Stück mit Klavier oder Orchester probt, geht sie zu Monighetti und spielt es ihm vor. Warum? „Weil ich volles Vertrauen zu ihm habe. Ich mache zwar meine Arbeit, aber die Welt wird nicht leichter, eigentlich ist die Welt knallhart. Wenn man dann einen Lehrer und eine Familie hat, die einen kritisch anschauen können, aber gleichzeitig mit Liebe – was kann man sich mehr wünschen?“

Sol Gabetta: Il Progetto Vivaldi 3 (Limited Deluxe Edition)
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