Musik, die einem die Seele erfüllt: Soli Deo Gloria

(Isabelle Faust, Foto: Felix Broede)

Das Braunschweiger Festival Soli Deo Gloria feiert die Reformation. Dabei dürfen natürlich Werke von Bach und Mendelssohn nicht fehlen, aber auch neue Klänge verlocken.

„Ky-ri-e … Ky-ri-e … Ky-ri-e e-le-i-son!“ Mit einer eindringlichen Folge von Bittformeln lässt Johann Sebastian Bach seine h-Moll-Messe beginnen. Viele Jahre hat er in verschiedenen Teilwerken Vorarbeiten für sie geleistet, ehe er in seinen letzten beiden Lebensjahren all die Bruchstücke zusammenfügte und das erhabene Werk vollendete. Er selbst hat ihre Aufführung wohl nie erlebt. Das Prager Barockensemble Collegium 1704 und das Vokalensemble Collegium Vocale 1704 unter ihrem Gründer und Leiter Václav Luks eröffnen mit der Messe im Kaiserdom Königslutter das Festival Soli Deo Gloria. Am Vorabend der Eröffnung gestaltet der Schauspieler Samuel Koch gemeinsam mit dem Organisten Bernhardt Brand-Hofmeister einen Abend mit Wort und Musik in der Kirche St. Nicolai in Nordsteimke.

Günther Graf von der Schulenburg, Foto: Andreas Greiner-Napp

Günther Graf von der Schulenburg, Foto: Andreas Greiner-Napp

Günther Graf von der Schulenburg, der das Festival ins Leben rief, hat als Künstlerischer Direktor ein Programm zusammengestellt, das zum 500. Jubiläum des Lutherschen Thesenanschlags die Reformation würdigt. Bachs Musik, die seit jeher die geistliche Ausrichtung des Festivals repräsentiert, erklingt erneut in der mittelalterlichen Martinikirche von Braunschweig. Der Kammerchor Stuttgart und die Solisten Sarah Wegener und Peter Harvey widmen sich mit dem Barockorchester Stuttgart unter Frieder Bernius den Reformationskantaten Bachs Gott der Herr ist Sonn und Schild sowie Ein feste Burg ist unser Gott und seiner nur aus Kyrie und Gloria bestehenden g-Moll-Messe.

Ein Vorläufer Bachs und einer der herausragenden Komponisten zwischen Renaissance und Barock war Heinrich Schütz. Er stand in der Kirchenmusiktradition der Höfe und Kantoreien, wie Luther sie im 16. Jahrhundert gründete. Als gläubiger Musiker setzte er alle Mittel seiner Kunst ein, um die geistlichen Texte inspirierend zu vermitteln. „Bewegt“ und „beeindruckt“ wie von den Worten eines Predigers sollten die Hörer von der Musik werden. 1617 wurde Schütz Hofkapellmeister in Dresden. Auch Michael Praetorius, der Leiter der Wolfenbütteler Hofkapelle, befand sich in jenem Jahr in den Diensten des Dresdner Hofes. Für die 100-Jahrfeier der Reformation am Hof komponierten die beiden eine Messe. In der Hauptkirche in Wolfenbüttel, einem bedeutenden Gotteshaus des frühen Protestantismus, in dem Praetorius auch begraben liegt, bringen die beiden Ensembles Musica Fiata und La Capella Ducale unter Roland Wilson diese Reformationsmesse zur Aufführung. Wilson, der zunächst Trompete studierte, setzte sich ausgiebig wissenschaftlich mit den Quellen historischer Aufführungspraxis auseinander. Er wandte sich den Originalinstrumenten zu, die er mittlerweile selbst nachbaut. Mit seinen Ensembles entwickelt er eine sprechende Spielweise, die auch dichte Strukturen transparent erscheinen lässt.

Menschen würden über die Vieldeutigkeit der Musik klagen, während die Worte doch ein jeder verstehe. „Mir geht es aber gerade umgekehrt“, schrieb Felix Mendelssohn Bartholdy. Die Worte erschienen ihm „so missverständlich im Vergleich zu einer rechten Musik, die einem die Seele erfüllt mit tausend besseren Dingen, als Worten“. Zur 300-Jahrfeier der Reformation komponierte Mendelssohn seine Fünfte Sinfonie Reformation, in die er auch Luthers Kantate Ein feste Burg einfließen ließ und so dem Reformator ein musikalisches Denkmal setzte. Pablo Heras-Casado leitet das Freiburger Barockorchester bei ihrer Aufführung. Solistin in Mendelssohns herrlichem Violinkonzert e-Moll ist Isabelle Faust. Sie hat sich mit dem Konzert und all seinen Pianissimi und Piani eingehend befasst, um die vielen Nuancen und „wunderschönen Details“ herauszuarbeiten.

Das im 16. Jahrhundert erbaute Welfenschloss Gifhorn bildet den Rahmen für die „Telemannische Hauspostille“ von Thomas Fritzsch. Der Gambist nahm die von dem Komponisten und Verleger Georg Philipp Telemann 1727 für den häuslichen Gebrauch veröffentlichten Arien als Grundlage für neun Hausandachten. Mit dem Bassbariton und Telemann-Preisträger Klaus Mertens, dem Lautenisten Stefan Maas und dem Gewandhausorganisten Michael Schönheit stellt er sie vor. Im Bergwerk Rammelsberg, das auf eine 1.000-jährige Geschichte zurückblicken kann und zu den Weltkulturerbestätten gehört, präsentiert die Pianistin Ragna Schirmer mit dem Schlagzeuger Matthias Daneck ihr Projekt „Re-Formation“. Große Werke Bachs und Händels bringt sie in Beziehung zu neuen Formen und Bearbeitungen der Choral- und Fugenrezeption. Mit Texten von und über Luther, die Christian Sengewald vorträgt, findet das Festival einen inspirierenden Ausklang.

SOLI DEO GLORIA
8. bis 21. Juni 2017

Informationen und Kartenservice:
Tel.: +49-(0)30 – 67 80 111
karten@solideogloria.de
www.solideogloria.de

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