Statt Frühstück bei Tiffany´s: Brunch an der Met

Wenn Anna Netrebko nicht schon Österreicherin wäre, jetzt würde es schwierig. Die Primadonna aus Krasnodar, vor 45 Jahren geboren im Sternzeichen Jungfrau, ist mit ihrer Stimme in der öffentlichen Wahrnehmung Russlands Kunst-Schatz Nummer eins. Ihr Reisepass mit dem goldenen Bundesadler würde jetzt sicher als österreichische Aneignung von russischem Kulturgut ausgelegt, im günstigsten Fall von einem gnädigen Putin völkerrechtlich mit der Krim verrechnet.

In New York präsentiert sich der wuchtige Sopran derzeit von einer stimmlichen Qualität, dass keine Wünsche offen bleiben. Анна Юрьевна Нетребко ist sängerisch in der Callas-Liga angekommen und befindet sich wohl auf dem Zenit ihrer einzigartigen Laufbahn, allerdings mit inzwischen etwas Zusatzgepäck auf den Hüften. Doch auch Netrebkos sanfter Sopran wird im Kehlkopf mit den Stimmlippen gebildet. Ein leichtes Doppelkinn und kleine Polster haben darauf keinen Einfluss. Als Manon und Salome verdreht sie den MetOpera-Tenören und Bässen den Kopf, bzw. bringt sie um denselben. Ihr Publikum ruft nach den glanzvollsten Arien ekstatische Bravi, stürmt aber nicht mehr mit dem gleichen Enthusiasmus die Kassenhäuschen im Lincoln Center wie noch vor wenigen Jahren. Gute Tickets im Familienrang gibt‘s deshalb schon ab 49 Euro. Von einer Abkühlung des Netrebko-Hypes mag am Haus aber noch niemand sprechen, wenngleich immer wieder Kritik an der Management-Markenführung des Kulturguts Netrebko laut wird und manche auch über einen problematischen Einfluss von Ehemann Yusif Eyvazov spekulieren, der an die künstlerischen Höhen seiner Frau nicht heranreicht.

Die Publikumsschwindsucht ist aber nicht ganz neu, lässt sich auch nicht wirklich an einzelnen Stars festmachen und betrifft alle Besetzungen. Die Met als weltweites Kino-Event war ja nicht zuletzt eine Reaktion auf die Publikumsstagnation vor Ort. So sucht Intendant Peter Gelb unermüdlich nach zeitgemäßen Aktualisierungen seines Opernhauses und denkt über neue Erlebnis- und Beteiligungsformen nach. Aktuell hat er jetzt den Sonntagsbrunch im Foyer-Restaurant des Grand Tier-Logenrangs eingeführt. Für 39 Dollar werden von 11.00 bis 14.30 Uhr zwei Gänge vom Feinsten serviert, auf Wunsch die einen oder anderen Extras, die man sich von der prachtvollen großformatigen und goldbedruckten Karte aussuchen kann. Eine Paté vom Berkshire-Schwein, locker aufgeschlagener Ricotta mit Feigen und 12 Jahre altem Balsamico-Essig sowie Räucherlachs mit Roggen-Sesam-Knabbereien, so geht‘s los.

Als Hauptgang die pochierten Benedict-Eier mit schwerer Hollandaise, ein Angus Beef Burger im Brioche-Brötchen oder French Toast mit knusprig in Honig karamellisierten Äpfeln. Einziges Feigenblatt für unverbesserliche Gesundesser sind ein Babysalat-Teller mit gekrümeltem Ziegenkäse und der hausgemachte Granola-Joghurt mit Waldbeeren, Bananen und Honig. Chorizo-Würste und Ziegenkäse-Pfannkuchen, Lemon Pancakes mit Huckleberry (Heidelbeer) -Kompott und getrüffeltes, nicht ganz fest gestocktes Rührei runden das Angebot und auf Dauer wohl auch die Hüften ab. Nicht verzichten sollte man auf die obligatorischen Bubbles, also ein Glas Champagner, am oberen Ende ein Roederer Cristal von 2006 für 45 Dollar. Das Glas. Im Kleingedruckten ganz unten auf der Karte liest man noch: „Das Konsumieren von Rohmilch, nicht durchgekochtem Ei, Fleisch, Geflügel, Fisch und Meeresfrüchten kann zu Lebensmittel-verursachter Erkrankung führen.“ Von Kalorien ist nicht die Rede. Frau Netrebko wohnt übrigens ganz in der Nähe in einem Traumappartment in der 57. Straße, frühstückt am liebsten zu Hause und muss deshalb nicht von einer verantwortungsbewussten Leiterin des künstlerischen Betriebsbüros an den Verlockungen des Patina-Restaurants im Grand Tier vorbei geführt werden.

Henry C. Brinker

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