Cecilia Bartoli: Strahlende Verwandlungs­künstlerin

Foto: Esther Haase / DECCA

Für ihre Rollen schlüpft sie in Männerkleidung oder transformiert sich in eine Skulptur. Als Festspieldirektorin weiß Cecilia Bartoli dagegen genau, was sie will: Gute Führung heißt für sie emotionale Einbindung.

crescendo: Frau Bartoli, Sie machen wirklich alles mit. Mal sind Sie als kahlköpfiger Kleriker zu sehen wie auf dem Album „Mission“, dann verwandeln Sie sich in eine nackte, androgyne Marmorstatue wie bei „Sacrificium“. Und jetzt tragen Sie auch noch einen Bart …
Cecilia Bartoli: Und einen wirklich langen Bart! Ich spiele die Titelpartie in Händels Ariodante, einer seiner schönsten Opern überhaupt neben der Alcina. Es ist nicht meine erste Hosenrolle. Mit 20 sang ich Mozarts Cherubino, später den Isolier in Rossinis Comte Ory. Einen so maskulinen Charakter wie Ariodante hatte ich allerdings noch nie. Als ich die Bilder sah, dachte ich mir: Oh mein Gott, ich sehe aus wie der kleine Bruder von Johnny Depp! Ich könnte eine zweite Karriere als Mann anfangen.

Wollten Sie Ihrem Mann, ebenfalls einem Bartträger, Konkurrenz machen?
Bei ihm ist der Bart ja weiß, sodass wir gar nicht in Konkurrenz stehen. Und: Mein neues Album kommt ganz ohne Bärte aus.

Und ist auch ein Duell …
Ein dolce duello, zwischen einer Blonden und einer Brünetten. Und einer Cellistin und einer Sängerin. Der Celloklang dürfte der menschlichen Stimme in seiner Mezzofarbe am nächsten sein. Ich bin eine große Bewunderin von Sol Gabetta, sie hat sehr viele Barock-Projekte gemacht. Und eines Tages fragte ich sie, ob sie nicht Lust hätte, etwas mit mir zu machen. Obwohl wir damals dachten, dass es nicht so einfach werden würde, Repertoire für diese Besetzung zu finden.

Sie sind ja bekannt für Ihre musikalischen Entdeckungen.
Diesmal haben wir einen Musikwissenschaftler beauftragt. Wir waren so erstaunt, wie viel es gibt! Wir haben wunderbare Arien von Antonio Caldara (1670–1736) gefunden. Er war selbst ein großer Cellist, wie auch Domenico Gabrielli (1659–1690).

Außerdem Werke von Vivaldi, Händel und Albinoni.
Das war unglaublich spannend. Ich habe sehr viel gelernt. Spielen Sie ein Instrument?

Ja, Klavier.
Der Lehrer hat Ihnen bestimmt immer wieder gesagt, Sie sollten auf dem Instrument „singen“. Aber für einen Sänger gilt genau das Gegenteil. Das habe ich von Sol lernen können. Etwas anders zu phrasieren und ihre Stimme zu imitieren. Das war gar nicht einfach, sozusagen „instrumental“ zu denken, um in den Dialog mit ihr zu treten.

Seit 2012 sind Sie künstlerische und sehr erfolgreiche Direktorin der Pfingstfestspiele in Salzburg. Was liegt alles in Ihrer Verantwortung?
Ich trage die künstlerische Verantwortung. Für jedes Jahr gilt es, ein Thema zu finden. Das kommt beim Publikum gut an. Diese Suche ist immer sehr aufregend für uns. Die Pfingstfestspiele sind recht kurz, weshalb wir uns genau überlegen müssen, welche Oper, welche Konzerte, welche Künstler wir in diesem Zeitraum unterbringen. Im nächsten Jahr werden wir uns mit dem Jahr 1868 beschäftigen. Es ist der 150. Todestag von Gioachino Rossini und zugleich ein Jahr der „Zeitenbrüche“. 1868 war Jacques Offenbach am Höhepunkt seiner Karriere. Anton Bruckner komponierte seine Motette Pange lingua, zudem haben wir eine kammermusikalische Fassung von Johannes Brahms’ Deutschem Requiem. Und viel mehr. Ich bin aufgeregt und hoch motiviert.

In Ihrer ersten Saison erlebten Sie gleich den Supergau einer Direktorin: Anna Netrebko sagte wegen Krankheit ab.
Oh ja! Das war sehr schwierig, doch ich konnte Anna verstehen. Ich bin ja selbst Sängerin und kenne das. Ich sagte damals zum Intendanten Alexander Pereira, es gebe nur zwei Möglichkeiten: Entweder er würde singen oder ich.

Wie lange laufen normalerweise die Planungen?
Wir brauchen mindestens zwei Jahre, um alles zu organisieren. Gute Künstler sind sehr beschäftigt. Man muss schnell sein. Manche haben Termine bis in das Jahr 2025! Rolando Villazón wird diesmal kommen, Daniel Barenboim und Jonas Kaufmann. Und viele andere.

Die Chefin singt auch …
Ja. Ich werde die Isabella in Rossinis Oper L’italiana in Algeri singen.

Neben der Position bei den Pfingstfestspielen sind Sie weiterhin freischaffende Künstlerin. Welche Unterschiede gibt es?
Das Angebot vor sechs Jahren, die künstlerische Leitung der Pfingstfestspiele von Riccardo Muti zu übernehmen, kam genau zur richtigen Zeit. Ich singe seit vielen Jahrzehnten, habe viel Bühnenerfahrung, in unterschiedlichsten Projekten mitgewirkt. Ich bin die erste Frau in einer solchen Position in Salzburg, die vor Maestro Muti Herbert von Karajan innehatte. Das ist eine große Ehre, aber auch eine große Verantwortung.

Was heißt „führen“ für Sie?
Ich versuche, alle in das Projekt emotional zu involvieren, bin selbst leidenschaftlich dabei. Von Anfang an, jeden Tag. Viele Dinge erlebe ich jetzt aus einer Perspektive, die ich als Künstlerin nicht kannte. Dinge in der Organisation, dem Budget, der Technik. Man muss integrativ wirken! Wir sind mittlerweile zu einem sehr professionellen Team zusammengewachsen, es macht großen Spaß! Wir haben jetzt auch ein Originalklangensemble, Les Musiciens du Prince aus Monaco, das ich mit Unterstützung von Fürst Albert und Prinzessin Caroline gegründet habe.

2016 brachten Sie die Westside Story auf die Bühne, ein Traum von Ihnen. Haben Sie als künstlerische Direktorin mehr Freiheit?
Für mich ist Westside Story eines der größten Musiktheaterwerke des 20. Jahrhunderts, eine Stil-Fusion aus Oper und Musical. Es war nie in Salzburg auf die Bühne gebracht worden. Der Regisseur hatte die blendende Idee, mich im Hintergrund singen zu lassen, während die Protagonistin Maria im Vordergrund agierte. Im letzten Jahr bin ich 50 geworden, die perfekte Zeit, um solche Flashbacks zu machen.

Wenn Sie Ihre imposante Karriere in drei Worten umschreiben müssten …
… Disziplin, viel Arbeit. Passion. Und immer noch das Gefühl, dass Gott in der Musik ist.

Aktuelle CD:

Cecilia Bartoli, Sol Gabetta:
Gabrielli, Vivaldi, Händel u.a.: “Dolce Duello”

(Decca)
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