Suizid in flachem Wasser

Im britischen Aldeburgh, dem Wohnort des Komponisten Benjamin Britten, gibt es die vielleicht besten Fish & Chips in ganz England. Einer der Läden verkauft sie noch in heißes Fett getränkt, mit Essig bespritzt und eingepackt in echtem Zeitungspapier. Fish & Chips sind bekanntlich nur gut, wenn sie auch ein bisschen eklig sind. Und so verhält es sich auch mit den Opern von Benjamin Britten. Sie sind nicht schön. Weder ihre Handlungen, noch ihre Musik. Britten bohrt in der menschlichen Psyche und nimmt Gehirnoperationen an seinen Protagonisten und der Gesellschaft bei lebendigem Leibe vor.

Auch in Bremen gibt es eine Fress-Zeile. Sie heißt Schlachte und liegt an der Weser. Hier kann man in schicke Etablissements auf glänzenden, roten Ledersofas einkehren. Die Schlachte ist nichts für jemanden, der schummrige Kneipen mag oder echte Seemänner kennenlernen will. An der Schlachte kann man nichts falsch machen. Hier ist alles so, wie überall anders auch: Nichts stinkt. Nichts stört. Nichts lebt. Und ein bisschen wirkt der Bremer „Peter Grimes“, den Regisseur Marco Storman und seine Bühnenbildner Anna Rudolph und Dominik Steinhaus nun zur Saisoneröffnung vorstellen, als würden sie Fish & Chips an der Bremer Schlachte servieren: hübsch anzusehen, tut niemandem weh, aber es fehlt das Fett und das Zeitungspapier.

Dauernd: Ebbe

In Stormans gefluteter Bühne steht den Einwohnern von Brittens Fischerdorf das Wasser den ganzen Abend bis zu den Fußsohlen. Bis zum Hals steigt es leider nie. Klar, diese Idee macht was her (mit Video-Einspielungen von Wellen, mit Gegenlicht und effektvollen Wasser-Spiegelungen), aber alles bleibt eben: dauernd Ebbe. Nach 10 Minuten kreisen die Fragen der Zuschauers weniger um Grimes’ Psyche als um ganz praktische Theater-Dinge: Sind die Schuhe aus feinstem Leder am Ende doch nur aus Gummi? Oder wie kann man mit nassen Füßen singen? Und was passiert wohl mit den nassen Klamotten, wenn die Sänger von der Bühne verschwinden, um sofort wieder in trocken Tüchern zurückzukehren?

Brittens Opern-Handlung gibt durchaus Dreckigeres her. Immerhin geht es um die innere Zerrissenheit des Seemanns, der von seinem Dorf (wohl zu Recht) verdächtigt wird, seine jungen Lehrlinge zu misshandeln und umzubringen. Die Sublimation von Brittens eigenem Leben liegt nahe. Bis zu seinem Tode hat sich der Komponist nie als schwul geoutet. Aber das „Anderssein“ wurde schnell zum Leitmotiv seiner Opern: die Celestaklänge, die auch in „The Turn oft he Screw“ und im „Sommernachtstraum“ homoerotische Gefühle begleiten, das biblische Thomas Mann Zitat aus „Tod in Venedig“, wenn der Außenseiter sein „Amen“, das „So be it“, spricht, um den „Himmel zurückzubiegen und von vorn zu beginnen“.

Für Marco Storman ist „Peter Grimes“ allerdings weniger ein innerliches Drama als eine Gesellschaftsstudie. Der grundsätzlich sympathische Anti-Held sieht sich in Bremen einer Maskerade von stereotypen Abziehbildern gegenüber, einer Dorf-Geisterbahn: der verruchten „Auntie“, einer vamphaften Kneipenwirtin und ihrer aufdringlich sexsüchtigen Nichten, dem Dorfprediger Bob Boles, der mit Merkel-Raute als ewig Scheinheiliger durch das niedrige Bühnenwasser watet, dem fetten, tänzelnden Bürgermeister Swallow, der penetranten Witwe Mrs. Sedlay und dem Apotheker Ned Keene, der hier eine Art drogendealender Sportin’ Life aus „Porgy und Bess“ ist. Eine zutiefst unangenehme Dorfgemeinschaft, die den Hals von Gerüchten und übler Nachrede nicht voll kriegen kann und sich in Bremen andauernd mit kleinen Sardellen befriedigt. Die gesamte Personage dreht sich bei Storman drei Stunden lang in einem lieblos zusammengenagelten Pressplatten-Haus, das in der Schuhtiefen Bühnen-Wasserlache hin- und hergeschoben wird.

Britischer Wozzek

„Peter Grimes“ gilt als britischer „Wozzek“ und ist nicht nur ein soziales Drama, sondern auch ein Drama der persönlichen Asozialität. Immerhin: Es geht hier um Kindesschändung! Das Großartige ist, dass Grimes Ringen mit diesem Zwang im Vordergrund steht, sein dauernder Abgleich mit der gesellschaftlichen Konvention, sein Aufbegehren, seine eigene Stilisierung zum heroischen Outlaw und letztlich sein Scheitern an der Norm. Wenn er beschließt, die verwitwete Lehrerin Ellen zu heiraten, klingt sein Versprechen musikalisch ebenso hohl wie das zuvor ausgebreitete Kochrezept. Und, ja, wenn er seine Verzweiflung hoch bis zum eingestrichenen F anstimmt, während die Gemeinde in der Kirche gerade das Credo singt, beschreibt diese Oper auch eine andauernde Entwicklung, ein ewiges Ringen ihres Protagonisten mit der gesellschaftlichen Erwartung und den zutiefst individuellen Versuch, sein eigenes Verlangen gegenüber allen anderen zu verstecken oder zu legitimieren.

Genau diese Entwicklung verweigert Regisseur Storman Peter Grimes nun. Tenor Will Hartmann bleibt von Anfang bis Ende der lächerlich-bemitleidenswerte Seemann in braunen Lackschuhen und blauem Pullunder – ein ewiges Kind, das Kinder für seine Zwecke missbraucht. Statt nur eines Jungen treten in Bremen vier auf (in der Original-Vorlage von George Crabbe waren es drei). Sie alle sind angezogen wie Peter Grimes und tragen ein Dauerlächeln im Gesicht. Sie wirken wie Grimes’ erotischen Visionen des unschuldigen, jugendlichen Ideals – sie sind: männliche Lolitas ohne Eigenschaften.

Spannend wird es, wenn die Unschuld der Kinder für einen Moment gebrochen wird, sie sich gegenseitig an die Gurgel gehen, oder wenn sie Spaß daran entwickeln, Grimes in ihrem naiven Spiel stets aufs Neue zu locken (hier werden Schuld und Unschuld in einem fragwürdigen aber mutigen Spiel umgekehrt). Doch selbst diese zu Schemata entwickelten Grenzgänge bleiben letztlich ohne Ergebnis. Weder zeigt Storman, wie Grimes seinen Lehrling in den Tod stürzt, noch, wie er gegenüber Ellen gewalttätig wird. Storman verbietet Grimes jeglichen Ausbruch, jeglichen, sichtbaren Exzess. Und so bleibt sein finaler Suizid ein Dahindimmern – ein Selbstmord in viel zu flachem Wasser.

Kleine Stimme, großer Trend

Dabei kann Storman mit Will Hartmann auf einen kongenialen Darsteller zurückgreifen. Der Tenor, der am Stuttgarter Opernhaus vorwiegend lyrische Partien singt, legt auch seinen Grimes (entgegen der Tradition eines John Vickers und der literarischen Vorlage von George Crabbe) als durchweg zarten Fischer an. Sicherlich, die großen vokalen Ausbrüche fordern zuweilen auch den Bruch der Stimme, aber genau für diese „Hässlichkeit“ ist man in dieser fast aseptischen Aufführung dankbar: endlich klingt es ein bisschen nach echten Fish & Chips, nach Fett und Zeitungspapier!

Hartmann stellt im kleinen Bremer Theater unter Beweis, dass der Trend, die großen heldischen Partien als empfindsame, kammermusikalische und nachdenkliche Partien anzulegen (so wie es Jonas Kaufmann oder Klaus-Florian Vogt auf den großen Bühnen tun), auch am Stadttheater Einzug gefunden hat. Und: Er beweist, dass dieses eine vokal genial beängstigende und psychologisch ausgeleuchtete Vorgehensweise ist.

Es ist ein generelles Problem des deutschen Stadttheaters, dass derartige Rollen nicht mehr aus dem eigenen Ensemble besetzt werden können, und dass die Sänger des Hauses gegen eine derartige Stimme am Ende eben doch abfallen. Die Ellen von Patricia Andress (sie sang unter anderem die Titelrolle in Benedikt von Peters „La Traviata“) ist eine durchaus vielseitige Sängerin, aber ihr fehlt es am Ende dann doch an Durchschlagskraft, an Gegenpol-Qualität und einer eigenen, dramatischen Zerrissenheit, die Britten anlegt, indem er auch ihr Ringen mit der Loyalität zu Grimes zum Leitmotiv erhebt. Der Rest der Dorfbevölkerung vertraut auf vokale Klischees statt stimmlich zerbrechliche und vielschichtige Charaktere zu zeichnen: Loren Lang singt den Kapitän und Grimes-Sympathisanten und bleibt dabei eine Witzfigur, der es an autoritärer Stimmkraft fehlt. Nathalie Mittelbach ist als Wirtin mehr mit ihren Stöckelschuhen als mit ihrer Verruchtheit beschäftigt, als Dorfpfarrer verlegt sich Christian-Andreas vollkommen auf das sprechtheaterliche Buffo-Fach, Patrick Zielke hat als Anwalt zwar Tiefen-Autorität, die er in höheren Sphären aber einbüßt, Melody Wilson spielt sich als drogensüchtige Witwe schauspielerisch, aber kaum gesanglich in den Vordergrund, und Jason Cox gibt den Apotheker Ned als aaligen Fischverkäufer, verzichtet aber auf  stimmliche Schleimigkeit.

Orchestergischt

Markus Poschner leitet die Bremer Philharmoniker mit hörbarem Willen zum Archaischen. Er wagt mehr Holzschnitt als der Regisseur. Das Klatsch-Quartett und die Verdammung werden zum den großen Fortissimo-Highlights. Und während auf der Bühne den ganzen Abend nur ein Pfützchen zu sehen ist, schafft es das Orchester, auch in großen Wogen zu machen, ja, zuweilen sogar Super-Brecher im Graben aufzubauen. Wenn Britten exzessives Seelenfleisch in die Musik mischt, sind die Philharmoniker bestechend gut. Da stören auch rhythmische Probleme in den Chor-Passagen nicht. All das überflutet aber die Details. Sie drohen unter der Gischt zu versinken. Die Entspannung nach der großen Spannung wird oft verschludert.

„Peter Grimes“ am Theater Bremen ist einfach zu schön, um Britten zu sein. Am Anfang stand wohl die Idee der gefluteten Bühne. Das kann man machen. Aber die Frage, warum gerade junge Regisseure wie Storman in einem Werk, das jede Radikalität anbietet, am Ende doch nur Designer-Fish&Chips anbieten, beantwortet diese Aufführung nicht. Es gibt Inszenierungen von „Peter Grimes“, die man verstört verlässt – diese hier war einfach nur: hübsch.

Axel Brüggemann

 

 

 

 

 

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Kommentare

  1. Heinz
    5. Oktober 2015 at 18:20

    Gruß NoFu

    so empfand ich es auch

  2. 22. November 2017 at 00:53

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