Schriller Spaß zum Mitmachen für Groß und Klein: „The Rocky Horror Show“ in Augsburg

1973 wurde sie in London uraufgeführt: Die „Rocky Horror Show“ – damals ein Stück mit großer Sprengkraft. Das freie Ausleben von jeglicher Art von Sexualität nach dem Motto „Don’t dream it, be it“ war damals gesellschaftlich noch lange nicht so toleriert wie heute. Im Jahr 2017 ist das Musical vom Aufreger zum ein Riesen-Spaß für groß und klein geworden. Wo sonst gibt es im Theater so viel mitzumachen? Spritzpistolen, Toilettenpapier, Konfetti und Leuchtstäbe dürfen benutzt, geworfen und geschwenkt werden – und die Hüften müssen kreisen beim „Time Warp“.

Angenehm an der Augsburger Neuinszenierung durch Christian Brey: Sie ist wirklich für alle Altersklassen geeignet, wird sie doch dank viel Fingerspitzengefühl selbst in der offenherzigsten Szenen niemals obszön. Der Regisseur, bekannt geworden durch „Elvis lebt. Und Schmitt kann es beweisen“ 2007 am Schauspiel Stuttgart, schafft zudem das Kunststück, ein an sich klein konzipiertes Werk auf die große und vor allem breite Augsburger Freilichtbühne zu stellen und letztere klug auszunutzen. Eine riesige rote Showtreppe prangt in der Mitte, über die mal geschritten, mal gestolpert, mal gefallen wird. Inklusive einer wilden Rollstuhlfahrt. Drumherum: Rote Lippen, ein knallroter, blinkender Kronleuchter, eine Art Riesenrad wie aus einem Vergnügungspark. Anette Hachmann und Elisa Limberg haben das alles gestaltet, inklusive der Kostüme, die in Ihrer bunt-glitzernden, phantasievollen Vielfalt wirklich ein absolutes Sonderlob verdienen!

Christian Brey macht eine große Show aus „Rocky“ – mit tollen Tanznummer des Augsburger Balletts, mit dem „Phantoms“-Chor aus 20 Augsburger Bürgerinnen und Bürgern, die zur abwechslungsreichen Choreografie von Kati Farkas schier unbändige Lust an Spiel, Gesang und Tanz haben. Zudem wird nicht an Effekten aller Art gespart: Hier ein Trockeneisnebeln, dort Feuerfontänen, dazu leuchtenden Raketen. So richtig gruselig ist dieser „Rocky“ damit nicht wirklich. Dafür setzt Brey damit gezielt Akzente, betont die sprachlichen Zerstückelungen und Wiederholungen und damit das Künstlich-Skurrile am Stück. Will das wirken, muss es extrem gut getimt und damit sehr exakt geprobt sein. Beides ist in der Augsburger Neuproduktion der Fall.

Zudem ist „Rocky“ in Augsburg eine gute Kombination aus einer perfekten Ensemble- wie auffallend qualitätvollen Einzelleistungen. Andy Kuntz ist als Riff Raff glamourös und dominant, zum Glück niemals tuntig, Andreas Köhler lässt es trotz bei der Premiere gestauchter Rippe (ein Treppensturz) als Frank N. Furter krachen, Kira Primke (Magenta) und Peti van der Velde (Columbia) sind ebenfalls – auch stimmlich – top besetzt. Tom Dewulf ist als Riff Raffs Kunstprodukt Rocky muskelbepackt und köstlich debil, aber immer noch so viel Mann, dass er die verklemmte Janet (stimmlich wie darstellerisch in Höchstform: Marlene Hoffmann) verführen kann. Deren ebenso unerfahrener Verlobter Brad wird von Sebastian Baumgart rundum glaubwürdig verkörpert – und selbst der spätere Zombie Eddie alias Matthias Kern rockt die Bühne, so dass kein Auge trocken bleibt.

Tim Allhoff schafft dafür mit seiner sechsköpfigen Band die mitreißende Basis. Sind es doch auch die rockigen Ohrwürmer, die das Publikum mitsingen und mittanzen kann, die das Stück so beliebt machen. Standing Ovations am Schluss für rundum gute Unterhaltung, in der nicht nur Mitmachen, sondern auch schrille Verkleidung erwünscht ist. Also: Nix wie rein in die Kostüme und ab auf die Augsburger Freilichtbühne!

Viele weitere Vorstellungen bis zum 29. Juli 2017. Karten und Infos unter 0821/3244900 oder unter www.theater-augsburg.de

Von Barbara Angerer-Winterstetter

 

 

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