Thomas Albertus Irnberger: Der Conferencier

(Thomas Albertus Irnberger: Der Conferencier)

Der Violinist Thomas Albertus Irnberger hat im Alter von 29 Jahren über 30 CDs
eingespielt und im Garten seines Elternhauses einen eigenen Konzertsaal samt Aufnahmestudio errichten lassen. Ist er ein verrückt gewordener Musiker oder wächst da ein
Mentor alter Schule heran? Wir haben ihn zuhause in Salzburg besucht.

Irnberger, 29, begrüßt seine Gäste gerne vorne am Haupteingang seines etwas zu gelb angestrichenen Hauses vor den Toren Salzburgs. Man wandert durch die Einfahrt, vorbei an seinem alten Porsche 911, Modell 933 4s aus dem Jahr 1996, „luftgekühlt und eine perfekte Kombination von Eleganz und Perfektion“, philosophiert Irnberger und bittet direkt in einen kleinen Konzertsaal – seinen Konzertsaal –, die Stühle darin aus England importiert, mit Samtbezug, „wegen der besseren Akustik“. Bevor man sich in Ruhe umsehen kann, beschreibt er bereits die Historie der herumstehenden Konzertflügel, es sind insgesamt acht, darunter ein Hammerflügel von Jacob Weiss aus dem Jahr 1820 sowie ein Modell von John Broadwood & Sons aus dem Jahr 1816.

Irnberger weiß alles über die Instrumente, schon nach 60 Sekunden liefert er mehrere Megabyte Information. Er interessiert sich en detail für die Manufakturen und ihre Geschichte und sagt Sätze wie: „Der Steinway wäre für einen wie Beethoven das viel geeignetere Instrument gewesen:“  Thomas Albertus Irnberger ist einer der wenigen Menschen, zu denen die Buchfrage von Richard David Precht passt: Wer bin ich, und wenn ja, wie viele? Denn Irnberger ist nicht nur PorscheFan, Sammler von antiken Konzertflügeln und Hausherr eines eigenen Konzert- und Aufnahmeraumes, sondern er ist auch ein anerkannter Virtuose: Seine Diskographie besteht schon jetzt, im Alter von 29 Jahren, aus über 30 Alben, viele davon aufgenommen auf historischen Instrumenten. Doch die Zeit für Biografisches hat er für später reserviert. Es geht erst einmal darum, den Konzertsaal zu verstehen. Auch die eher persönliche Frage, wie er das Geld für den Bau und die Instrumente aufbringen konnte, beantwortet er direkt: Die Großmutter mütterlicherseits habe ein großes Anwesen in Tirol gehabt und aus Altergründen verkauft. Er bekam als vorzeitige Erbschaft einen Teil und verwandelte damit den Garten des Elternhauses in einen Konzert- und Aufnahmesaal. Die besten Akustiker habe er dazu im Vorfeld konsultiert. Irnberger bittet in einen Regieraum mit Aufnahme-Equipment und sagt, er könne hier auch schnell eine Club-Atmosphäre schaffen. Dazu verschwindet er wie Goldfinger im James-Bond-Film hinter der Glasscheibe, drückt ein paar Knöpfe, und von der Decke bewegen sich langsam rote Vorhänge Richtung Fußboden. „Die Vorhänge sind natürlich aus einem speziellen, sehr leichten Stoff“, gibt er zu verstehen, „sehr gut geeignet für Jazz-Konzerte beispielsweise“. Er schnippt jetzt ein paar Mal mit den Fingern und das Schnippen klingt dumpf. Der Parkettboden schluckt Irnbergers Fingersound. Man würde sich nicht wundern, wenn sich gleich noch eine weitere Tür öffnen würde, aber Irnberger ist jetzt bei seinem Lieblingsthema, dem Klang, da sollte man ihn nicht unterbrechen.

Irnberger sagt, es gebe heutzutage so viele junge Geiger und Pianisten, die hervorragend spielen. Aber – die Hörgewohnheiten hätten sich verändert, er habe sich mit diesem Thema in den vergangenen Jahren intensivst befasst. Er ist ein wahrer Sound-Freak, und vor allem ist er ein Fan der alten Röhrentechnik: „Das Klangbild war früher schärfer, man hat Kratzer gehört, da hatte die Aufnahme einfach mehr Biss.“ Heute sei nichts mehr da, was den Hörer herausfordert. Die Liebe zum Sound entstand bei ihm aus der Suche nach dem perfekten Klang. Er hat mit Jörg Demus gearbeitet, der bei Walter Gieseking gelernt hatte und sich ebenfalls dem Thema widmet. Irnbergers Credo lautet: Du musst dich selbst hören. Das will er auch jungen Schülern vermitteln, die er in Zukunft in seinen eigenen Hallen hier unterrichten und unterstützen möchte.
Er steht jetzt in dem Saal wie ein Conferencier, eine Art Junior-VillaŹon. Irnberger ist sehr schnell vom Schüler zum Mentor gewechselt. Noch vor zehn Jahren war er selbst Schüler bei einem ganz Großen der Zunft. Die Geschichte dazu beginnt in Paris, dazu muss sich Irnberger aber setzen, denn es ist eine Geschichte, die ihm am Herzen liegt. Es gibt jetzt ein Glas Orangensaft und Kekse, nicht im Hauptsaal, sondern nebenan, im Backstage-Bereich für Künstler. Hier stehen noch zwei weitere Flügel, ein Johann Baptist Streicher von 1868 und ein Joseph Dohnal um 1785. Irnbergers Geschichte, die er jetzt erzählt, spielt aber im Jahr 2000: Der 15-jährige Thomas Albertus sieht bei einem Aufenthalt in Paris einen Prospekt mit der Titelzeile „Ivry Gitlis Masterclass“. Bis zu seinem siebten Lebensjahr war er Heifetz-Verehrer gewesen, dann hatte er den illustren Franzosen entdeckt und angefangen, ihn zu kopieren. Einen Meisterkurs bei Gitlis zu besuchen, davon hatte er immer geträumt. Nach dem Okay der Mama („Ja, fahr zum Gitlis“) reist er im Alter von 15 Jahren in einen kleinen Ort in der Nähe von Avignon. Gitlis kommt drei Stunden zu spät, die korrekte Verhaltensweise eines Stars also. Irnberger darf als Erster vorspielen, wählt Paganinis La Paganella und sieht im Augenwinkel Gitlis schmunzeln: „Naja, er hat natürlich sofort erkannt, dass ich ihn kopiere“, erzählt er jetzt stolz. Aber es habe dem Gitlis wohl geschmeichelt, und der große Virtuose schreibt dem kleinen Virtuosen seine Privatadresse auf. Dazu die Notiz: „Komm mich besuchen, dann üben wir zusammen.“ Am Ende werden es fünf Jahre, die Irnberger zwischen Salzburg und Paris pendelt.
30 Alben sind ihm aber nicht genug: Dieser Tage erscheint Vol. 1 der Gesamtaufnahme der Violinsonaten von Ludwig van Beethoven mit Michael Korstick am Klavier. Das Album startet mit der berühmten Kreutzersonate op. 47 und der 10. Violinsonate op. 96, Ende November veröffentlicht er dann noch das Violinkonzert von Antonin Dvořák, das er unter der Leitung von Petr Altrichter zusammen mit den Prager Philharmonikern aufgenommen hat.

Thomas Albertus Irnberger: Franz Liszt und die Violine
Gramola (Naxos Deutschland Musik & Video Vertriebs-)
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