Tobias Feldmann: Leistungskampf als Inspiration

(Geiger Tobias Feldmann)

Geigen-Überflieger Tobias Feldmann setzte sich schon als Kind bewusst dem Druck von Wettbewerben aus. Das internationale Niveau befeuert ihn.

„Bei Jugend musiziert bin ich zum ersten Mal mit etwa acht Jahren aufgetreten. Der Ansporn, vor Publikum auftreten zu können, war für mich groß.“ Tobias Feldmann, 1991 geborener Geiger, behauptet sich bis heute gerne im Vergleichsdruck. Preise erspielte er sich etwa beim Louis Spohr Wettbewerb in Kassel, beim Kocian-Violinwettbewerb in Tschechien oder beim Internationalen Joseph Joachim Wettbewerb in Hannover. Seine bisher intensivste Erfahrung war der renommierte Concours Musical Reine Elisabeth in Brüssel, bei dem er 2015 den vierten Preis holte. „Nicht zuletzt wegen seiner langen Dauer und der großen Jury stand ich vor einer riesigen Herausforderung. Insgesamt war ich sechs Wochen in Brüssel und kam bis in die letzte Runde. Solch eine extreme Drucksituation werde ich wahrscheinlich nie wieder erleben. Zum Schluss ist die Atmosphäre fast so wie vor einer Papstwahl. Alle müssen ihre Mobiltelefone und Laptops abgeben, damit nichts nach außen dringt.“

Für junge Musiker sei es wichtig, konkrete Ziele im Auge zu haben. „Bei Wettbewerben habe ich feststellen können, wie hoch das internationale Niveau in meiner Altersgruppe war. Das hat meinen Horizont erweitert.“ Wie alle professionellen Musiker ist auch Tobias Feldmann ständig damit konfrontiert, sich bei Konzerten in Bestform präsentieren zu müssen. Dass er dies schon in jungen Jahren trainieren konnte, sieht er als klaren Vorteil. „Allerdings merkt man auch, wie subjektiv Juroren Vorspiele bewerten. Anders als etwa im Sport sind Erfolge von Musikern nicht eindeutig messbar.“ So hält Feldmann Wettbewerbe zugleich für einen Segen und einen Fluch. Ein Preis ist weder eine Garantie noch eine unbedingte Voraussetzung für spätere Erfolge. „Ein Kandidat, der in der zweiten Runde ausscheidet, ist nicht zwangsläufig schlechter als derjenige, der den ersten Preis gewinnt. Oft urteilt das Publikum anders als die Expertenjury, deren Meinungen ja auch auseinandergehen. Manchmal kommt genau deshalb ein Musiker weiter, der sich auf einem Mittelweg befindet und eigentlich weder Fisch noch Fleisch ist.“

Feldmann selbst begann, mit sieben Violine zu lernen – nicht ungewöhnlich! Doch bereits zwei Jahre später wurde er in eine Frühförderklasse an der Musikhochschule Würzburg aufgenommen. „Bei uns zu Hause wurde immer musiziert. Mein Vater ist Gymnasiallehrer, er spielt Orgel und Klavier. Meine Mutter unterrichtet musikalische Früherziehung und Gesang. Als mein älterer Bruder mit dem Geigenspiel begann, wollte ich es unbedingt auch versuchen.“

Bald zeigte sich, dass beide Jungen enormes Talent hatten. In Fulda, wo die Familie lebte, gab es allerdings nur eine städtische Musikschule ohne spezielle Fördermöglichkeiten für Hochbegabte. „Würzburg war damals neben München die einzige Hochschule, die eine Frühförderung anbot. Wäre ich bis zum Abitur in Fulda geblieben, hätte ich sicherlich nicht so weit kommen können.“ Auch sein Bruder Andreas studierte in Würzburg, inzwischen spielt er im Konzerthausorchester Berlin. Von den Eltern bekamen beide viel Unterstützung. „Ein- bis zweimal pro Woche haben sie uns hin- und zurückgefahren. Sonst hätten wir diese Chance nicht nutzen können.“

Heute lebt Tobias Feldmann in Berlin, nahe dem Volkspark Friedrichshain. Längst hat er durch solistische Konzertauftritte im In- und Ausland Aufmerksamkeit auf sich gezogen. Aber seine besondere Liebe gilt der Kammermusik. „Man muss sensibel sein, sich auf die anderen Stimmen einlassen und sehr gut zuhören. Davon profitiert man auch als Solist bei Orchesterkonzerten.“ Seit Feldmann 2012 den Pianisten Boris Kusnezow kennenlernte, sind die beiden häufig gemeinsam aufgetreten. Vor drei Jahren spielten sie ein Debütalbum mit Werken von Ysaÿe, Beethoven, Bartók und Waxman ein. Anfang Februar dieses Jahres ist beim Label Alpha das zweite Album des Duos erschienen.

Was erwartet den Hörer? „Wir haben Violinsonaten von Ravel, Prokofjew und Strauss aufgenommen. Der Albumtitel ‚Polychrome‘ deutet an, dass wir ein Spektrum aus vielen musikalischen Farben zeigen wollen. Die drei Komponisten – ein Franzose, ein Russe und ein Deutscher – drücken die Farbigkeit ihrer Werke auf unterschiedliche Weise aus.“ Vor allem die einsätzige Ravel-Sonate, die erst posthum veröffentlicht wurde, wirkt auf Feldmann wie „Klangmalerei“.
Beim Hören könne er sich spontan ein impressionistisches Gemälde von Claude Monet in Blau- und Grüntönen vorstellen, sagt er. Feuerrot kommt für ihn dagegen die einzige Violinsonate von Strauss daher, ein Jugendwerk, das von stürmischer Leidenschaft durchzogen ist. Einen wesentlich kühleren Eindruck vermittelt Prokofjews zweite Violinsonate, in der kraftvolle und lyrische Passagen wie auf einem Schwarz-Weiß-Bild miteinander kontrastieren. Feldmann hofft, dass die Sonaten auch in der Fantasie der Zuhörer farbige Bilder entstehen lassen.

Prokofiev, Strauss,
Ravel:
„Polychrome“,
Tobias Feldmann, Boris Kusnezov

(Alpha)
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