Trautonium: So was haben Sie noch nie gehört!

(Peter Pichler am Mixturtrautonium, 2016; Foto: Dietmar Zwick)

Gäbe es einen Verein zum Schutze aussterbender Musikinstrumente, das Trautonium wäre garantiert auf der Roten Liste. Liegt das am Klang? Überhaupt nicht! Das Trautonium ist wohl einer der größten Pechvögel der Musikgeschichte. Vom Instrument, das aus einer Glühlampe entstand.

Es klingt wie eine extravagante Mischung aus E-Orgel, frühem Synthesizer und kuriosem Akkordeon. Es sieht aus wie eine Kreuzung aus Jukebox, groß dimensioniertem Verstärker und Heimorgel. Ein Besuch bei Peter Pichler, einem der weltweit einzigen Spieler des Trautoniums. Im Münchner Norden versteckt sich sein Studio – bis unter die Decke voll mit Musikinstrumenten-Raritäten und Elektro-Antiquitäten, etwa einer Sammlung von Super-8-Kameras. Das Herzstück des Raumes bildet ein sogenanntes Mixturtrautonium, ein Nachbau speziell für Pichler. Aber was hat es mit diesem eigenartigen Instrument auf sich? Seine Geschichte ist mindestens so verwunderlich wie sein Klang. Es ist eine Geschichte des fortwährenden, fulminanten Scheiterns.

Alles begann in den 1920er-Jahren mit dem verrückten Erfinder und Visionär Friedrich Trautwein. In Berlin, damals Kulturhauptstadt der musikalischen Avantgarde, tüftelte er an Lautsprechern und den ersten elektronischen Musikinstrumenten. 1930 stellte Trautwein auf dem Berliner Fest „Neue Musik“ sein nach ihm benanntes „Trautonium“ vor, eine Art Vorläufer des heutigen Synthesizers. Grundprinzip: Über eine lange Metallschiene wird ein Draht gespannt, der – für den Spieler unmerklich – unter elektrischer Spannung steht. Wird dieser niedergedrückt, entstehen Töne – und zwar nach dem Prinzip der Kippschwingung, das man eigentlich von Glimmlampen her kennt. So lassen sich stufenlos Töne in verschiedensten Frequenzen innerhalb eines immensen Ton- und Lautstärkeumfangs erzeugen. Ein Klangfilter ermöglicht ein reichhaltiges Spektrum an Farben von „weich“ bis „scharf“. Später erlaubte ein subharmonischer Generator darüber hinaus das Zuschalten verschiedener „Untertöne“, also dem Gegenstück der natürlichen Obertonreihe. Und vor allem: Die Töne ließen sich unmittelbar ins Radio einspeisen, eine grandiose Lösung für das Problem schlechter Aufnahmequalität zu dieser Zeit.

Kein Wunder, dass sofort reges Interesse am Trautonium aufkam. So wurde eine Instrumentenschule verfasst und trotz des hohen Preises für den Bau eine serienmäßige Produktion begonnen. Tatsächlich war das Trautonium das erste Musikinstrument, für das es Leasingverträge gab, die es auch für Normalbürger finanzierbar machten. Sofort begeisterte sich der Komponist Paul Hindemith dafür und komponierte 1930 mit Des kleinen Elektromusikers Lieblinge die ersten ernst zu nehmenden Werke für den „Frischling“ auf dem Instrumentenmarkt. Sein Schüler Oskar Sala war ohnehin an der Entwicklung des Trautoniums beteiligt gewesen und avancierte darauf schnell zum Virtuosen schlechthin. Auch Filmkomponisten waren vom ausdrucksgewaltigen Klang des Trautoniums entzückt – es entstanden rund 300 Filmmusiken mit ihm, darunter Hitchcocks „Die Vögel“, wo ein Rauschgenerator im Instrument für das Vogelflattern sorgt.

Doch mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten schwand das Interesse am Trautonium schlagartig dahin. Hindemith wanderte aus, etliche Trautonium-Werke des Hindemith-Schülers Harald Genzmer gingen in den Wirren des Zweiten Weltkriegs verloren, und die serienmäßige Produktion wurde eingestellt. Eine zweite Chance hätte das Instrument unter Umständen nach dem Krieg bekommen können, doch die „neue“ Avantgarde – etwa um Karlheinz Stockhausen – hatte sich längst anderen Arten des Klangarrangements zugewandt. Und die wenigen „Trautonioniten“ hielten nicht zusammen: Oskar Sala überwarf sich mit Trautwein und Genzmer – es kam sogar zu einem Rechtsstreit bezüglich der Namensrechte am Instrument –, und es war kein prominenter Lehrer vorhanden, der das komplexe Gerät in größerem Stil hätte weitervermitteln können oder wollen.

Eine weitere Chance, das Trautonium aus seinem Schattendasein zu befreien, verpasste Sala, als sich in den 1970er-Jahren die jungen Musiker der Band Kraftwerk an ihn wandten. Die Künstler waren begeistert von elektroakustischen Phänomenen und wollten unbedingt mehr über das Trautonium erfahren – doch Sala verstand deren Musik nicht und hielt sich distanziert – nicht ahnend, dass Kraftwerk als Pioniere des Elektro-Pop berühmt werden sollten und heute als Erfinder des Techno gelten.

1988 entdeckte dann der junge Peter Pichler, damals Student der klassischen Gitarre und Renaissance-Laute am Salzburger Mozarteum, den Klang des Trautoniums. Etwas Derartiges hatte er noch nie gehört, doch es sollte weitere 21 Jahre dauern, bis Kapital, Zeit und Gelegenheit eine intensivere Beschäftigung mit dem Instrument zuließen: 2009 verfasste er ein Theaterstück über die Geschichte des Trautoniums, forscht seitdem intensiv über dessen Historie, Technik und Literatur, ließ verschiedene Versionen davon nachbauen, experimentiert und übt und übt und übt. In der Bayerischen Staatsbibliothek hat er einige Handschriften von verloren geglaubten Trautonium-Kompositionen Genzmers ausgegraben und eingespielt. Soeben sind sie auf CD erschienen. Pichler gibt (stets ausverkaufte) Konzerte, tritt bei Festivals auf, wirkt in Kinderstücken mit, kommuniziert mit Stiftungen und Museen.

Weil es sich aber (noch) nicht leben lässt vom Trautonium, arbeitet der Multi-Instrumentalist auch mit Musikern wie Hans Söllner oder Funny van Dannen und unterrichtet an einer Musikschule in Erding bei München. Wird ihm die späte Renaissance des Trautoniums gelingen? Fraglich, denn einmal mehr hat das originelle Instrument Pech: Während andere kuriose Klangerfindungen aus den1920er-Jahren, wie etwa das Theremin in Russland und die Ondes Martenot in Frankreich, staatliche Förderung erfuhren und teils bis heute erfahren, hat sich Pichler mühevoll die Unterstützung einiger weniger Institutionen – etwa der Harald Genzmer und der Hindemith Stiftung – erkämpft. Und fast alle originalen Instrumente stehen in Museen und sind für das aktive Spiel verloren, dürfen weder verändert noch reproduziert werden. Ein Trautonium des 2002 verstorbenen Oskar Sala, das über einen speziellen Frequenzteiler für Glockenklänge verfügt, steht im Deutschen Museum in München, darf absurderweise aber weder angeschaltet noch für einen Nachbau vermessen werden. So bleibt dieser ausgefallene, eigentümliche Klang vorerst einem kleinen Publikum vorbehalten – eine verlorene und noch nicht ganz wiederentdeckte Musik des 20. Jahrhunderts!

Das Trautonium
Das Trautonium ist ein elektronisches Musikinstrument und Vorläufer des heutigen Synthesizer. Entwickelt haben es 1930 der deutsche Erfinder und Elektro-Pionier Friedrich Trautwein (1888–1956), nach dem es auch benannt ist, und der Komponist und Musiker Oskar Sala (1910–2002). Erstmals öffentlich präsentiert wurde das Trautonium im Rahmen des Berliner Fests „Neue Musik“ 1930. Seit dem Tod Oskar Salas gibt es nur noch sehr wenige Menschen, die das ausgefallene Instrument beherrschen.

 

Harald Genzmer:
„Works for Mixture Trautonium.
From Post War Sounds to Early Krautrock“,
Peter Pichler

(Paladino Music)
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