Und nun, James Levine?

James Levine wird vorgeworfen, Jugendliche missbraucht zu haben. Die Wellen schlagen hoch. Unser Autor findet, all das gehört vor Gericht – nicht in die Klatschpresse. Ein Plädoyer für Sachlichkeit in einer zutiefst emotionalen Debatte.

Von Axel Brüggemann

Alle haben die Vorwürfe irgendwann schon einmal gehört, und dennoch fallen nun alle aus den Wolken. Irgendetwas ist da merkwürdig am Umgang mit den aktuellen Vorwürfen gegen James Levine. Angefangen hat alles mit der öffentlichen Anschuldigung eines Opfers, das in der Washington Post schwere Vorwürfe gegen den Dirigenten erhoben hat: Als 15jähriger sei er von James Levine bedrängt, massiv sexuell benutzt und missbraucht worden – mit fatalen Folgen für seine Psyche. Inzwischen ist bereits von drei Betroffenen die Rede, die Levine ähnliche Straftaten vorwerfen. Die Reaktion der Häuser, an denen er dirigiert, allen voran „seiner“ MET, ließ nicht lange auf sich warten: Zunächst wurde versprochen, eine interne Untersuchung einzuleiten, einen Tag später zog Intendant Peter Gelb die Reißleine und erklärte, dass James Levine nicht mehr an seinem Haus auftreten würde. Ähnlich reagierte sein ehemaliges Orchester in Boston. Die Münchner Philharmoniker, die Levine ebenfalls leitete, und die Staatsoper Berlin, wo er auftreten soll, sind derweil noch etwas zugeknöpfter.

In besonderer Aufruhr sind die Feuilletons. Ein bisschen lesen sich einige Kommentare so, dass sich manch Klassik-Kritiker fast freut, dass die „Me too“-Debatte nun auch die Musik erreicht hat. Nicht ganz ohne Voyeurismus wird von alten Gerüchten palavert, andere Fälle werden hervorgezogen und eilig Schuldige ausgemacht: Natürlich James Levine, aber auch die Leitung der MET, besonders ihr Intendant Peter Gelb, dem – so wird vermutet – die Gerüchte bekannt gewesen sein mussten, der aber geschwiegen habe. Selbst die  „New York Times“ sei mitschuldig, war irgendwo zu lesen, weil sie Levine unkritisch gefeiert hätte. Ein bisschen lesen sich einige der aktuellen Berichte zur Causa Levine so, als hätten viele nur darauf gewartet, dass es endlich so weit ist.

Meine Recherchen vor fast 20 Jahren

Ich persönlich erinnere mich an die frühen 2000er Jahre. Auch damals gab es bereits Gerüchte. Ich war zu dieser Zeit bei der „Welt am Sonntag“ und begann zu recherchieren. Die Vorwürfe, die immer wieder ausgesprochen wurden, waren massiv. Und es war klar: Eine Veröffentlichung käme nur in Frage, wenn hieb- und stichfeste Beweise vorlägen. Unter anderem hatte ich damals bei der Polizei von New York angerufen, da es auch hier zu einem Vorfall gekommen sein sollte. Das zuständige Department wollte mir keine Auskunft geben, verwies stattdessen auf die Staatsanwaltschaft. Aber auch die schwieg. Die Suche nach Opfern, die aussagen würden, verlief ebenfalls ergebnislos. Ich beschloss damals, die Recherche zunächst einzustellen, bis es konkrete Anhaltspunkte gibt.

Was hat sich inzwischen verändert? Es gibt nun tatsächlich Opfer, die sich zu Wort melden. Es gibt eine Zeitung, die ihre Aussagen veröffentlich hat. Die Anhaltspunkte sind konkret, die Veröffentlichung richtig. Wesentlich haltloser sind dagegen Spekulationen, die derweil ebenfalls zu lesen sind: Hat Levines Manager seinen Dirigenten immer wieder „freigekauft“, also Schweigegeld gezahlt? Wussten der MET-Intendant, andere Journalisten, Sänger, Musiker und Menschen aus dem Klassik-Geschäft mehr als alle anderen? Warum haben sie geschwiegen? Haben sie sich mitschuldig gemacht? Und, ja, auch diese Fragen sind grundsätzlich relevant. Und, ja, ihre Beantwortung wird Aufschluss darüber geben, wie derartig schwerwiegende Straftaten ungeschoren passieren können. Fragen, die helfen, ein Geflecht aus Macht und Ohnmacht, aus öffentlichen Strukturen und stillschweigenden Abkommen zu entblättern und zu enttarnen, Fragen, die helfen, uns vor Augen zu führen, wie es sein kann, dass so viele Menschen auch bei höchst kriminellen Taten zuschauen. Fragen, die ein erschreckendes Umfeld, in dem Kriminalität bagatellisiert wird und Straftaten ungesühnt bleiben, offenbaren werden.

Das Problem: So weit sind wir noch gar nicht. Derzeit gibt es zunächst einmal Vorwürfe. Die amerikanische Staatsanwaltschaft ermittelt. Auch sie hat nun zum ersten Mal reale Anhaltspunkte. Zunächst muss es um die Frage gehen, ob an den Vorwürfen gegen James Levine etwas dran ist. Erst dann können die anderen Fragen gestellt werden. Warum können wir nich abwarten, bis der Fall James Levine dort landet, wo er eigentlich hingehört: vor Gericht!

Vergewaltigungen, sexuelle Handlungen an Minderjährigen und Schutzbefohlenen, derartige Meldungen machen uns wütend. Ja, wir verstehen das langjährige Schweigen der Opfer, ihre psychischen Qualen – und ihren Mut, jetzt endlich aus der Deckung zu treten. Und sofort fordern unsere Instinkte harte Strafen. Unser soziales Sensorium sagt uns, dass es falsch sei, weiterhin Kontakt mit Menschen zu pflegen, die sich vielleicht schuldig gemacht haben. In der „Me too“-Bewegung haben wir all das schon erlebt: Da wird Kevin Spacey kurzerhand aus einem fertigen Film herausgeschnitten, der Vertrag mit „House of Cards“ wird eilig gekündigt, der Schauspieler selber liefert sich in einer Einrichtung zur Sexualtherapie ein. Und dann? Deckel drauf?

Es kann nur eine Instanz geben: Das Gericht

Gerade in Fällen mit derartigen Anschuldigungen kann der gesellschaftliche Umgang mit Tätern nicht derart willkürlich und emotional sein. Es ist nicht die Frage von Hollywood-Produzenten, von Opernintendanten oder von Schallplattenfirmen, zu richten. Gerade wenn die Fragen von Schuld und Sühne brisant und emotional werden, wenn es um grundlegende Prinzipien geht, die wir als Gesellschaft nicht dulden wollen. Gerade, wenn Prominenz gegen das Gesetz verstößt, kann es nur eine Instanz geben, die über die Schuld entscheidet und Strafen ausspricht: die Justiz.

Im Fall James Levine sollte sie das erste Wort haben. Und, ja, es ist richtig, die künstlerische Zusammenarbeit mit ihm vorläufig auszusetzen, bis juristische Fakten geschaffen werden. Mehr noch: Es würde zum Anstand gehören, dass James Levine selber diesen Vorschlag unterbreitet. Um so wichtiger, dass die Anschuldigungen so schnell und sauber, so unemotional wie möglich, verhandelt werden. Dass eine Schuld festgestellt werden und eine Strafe verhängt werden kann. Oder dass James Levine entlastet wird.

Danach erst ist die Zeit für alle anderen Fragen gekommen. Wer im Klassik-System hat sich eventuell mitschuldig gemacht? Warum wurden die Hilferufe der Opfer nicht verfolgt, als diese sich an die MET gewandt haben? Warum herrschte auch in Deutschland ein System des Schweigens? Und dann stehen auch ganz andere, relevante Fragen auf dem Zettel: Wie gehen wir mit dem Lebenswerk von James Levine um? Muss die „Deutsche Grammophon“ seine Einspielungen vom Markt nehmen? Kann er nach der Sühne wieder dirigieren? Grundsätzlich ist die Frage der Strafe keine von Unternehmen, von Kulturinstitutionen oder dem Markt – sondern allein der Gerichte.

Was passiert mit seinem Erbe?

Im Fall von James Levine aber scheint es so, dass viele aus der Klassik-Branche nur auf den Moment gewartet haben, dass jemand die Deckung verlässt, dass es öffentliche Beschuldigungen gibt, dass einer ausspricht, was angeblich alle gewusst haben. Es hat sich etwas zusammengebrodelt, das nun explodiert. Um so wichtiger scheint in dieser Situation die Sachlichkeit einer funktionierenden Justiz zu sein. Das jahrzehntelange System von Klatsch und Tratsch, von Vermutungen und Gemunkel ist bei einer Urteilsfindung nicht wirklich hilfreich.

Es muss in den nächsten Monaten darum gehen, die Musik um einen eventuellen Prozess spielen zu lassen. Und, ja, dieser Prozess darf und kann in der Öffentlichkeit stehen und verfolgt werden. Der Gerichtssaal ist der Ort, an dem über die eventuellen Taten von James Levine entschieden wird – und darüber, mit welchen Strafen er zu rechnen hat. Seine Musik, seine Kunst und sein Werk stehen bei diesen Fragen zunächst einmal nicht zur Debatte. Es steht jedem frei, auch weiterhin Aufnahmen mit ihm zu hören oder Konzerte mit ihm zu besuchen – oder eben nicht. Auch dieser Spagat, die Trennung von Straftat und Beruf, gehört zu einem Rechtssystem, das darauf vertraut, der Justiz das Gewaltmonopol zuzusprechen – und damit auch den Spruch über Recht und Gerechtigkeit. Alles andere ist eine spannende und notwendige ethische Debatte, die wir allerdings erst dann führen können, wenn wir über die tatsächlichen Vorfälle Bescheid wissen.

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