The Schloss Elmau Experience

(Foto: Richard Dumas)
Elmau
ganzjährig

In Schloss Elmau finden jährlich über 200 Konzerte und Gespräche mit den großen Künstlern und Persönlichkeiten unserer Zeit statt.
Eine Auswahl aus dem aktuellen Konzertprogramm: 18.5. David Kadouch, 10.6. Kate Lindsey & Baptiste Trotignon (siehe auch Seite 26), 11.7. Ray Chen, Julien Quentin, 13.7. Measha Brüggergosman, Delian Quartett, 14.8. Igor Levit, 22.8. Ulrich Matthes liest Tschingis Aitmatow „Dshamilja“,23.8. Yury Revich, Xin Wang, 12.9. ­Daniel Hope, 2.10. Kirill Gerstein.

Der Exzess des Lebens


Kate Lindsey und Baptiste Trotignon flanieren auf dem Klassik-Broadway. Sie entdecken Kurt Weill, 
Alma Mahler, Alexander Zemlinsky und Erich Korngold.

Am Anfang stand eine einzigartige Künstlerbegegnung: Die amerikanische Mezzosopranistin Kate Lindsey, längst gefeierte Mozart- und Purcell-Interpretin und an den großen Opernbühnen der Welt zu Hause, traf auf den preisgekrönten französischen Jazz-Pianisten Baptiste Trotignon, der bereits mit Künstlergrößen wie Brad Mehldau und Tom Harrell die Bühne teilte. So weit, so gut. Doch was, wenn zwei solche Künstler ein unstillbares Verlangen nach Austausch, nach intensiver und akribischer Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Einflüssen, aber auch nach Spiel und Improvisation haben, wenn sie schlichtweg grenzenlose Freiheit besitzen?

Das Ergebnis ist das Projekt „Thousands of Miles“. Darin treffen sich Klassik und Broadway, Alte und Neue Welt, Musik und Sprache. Kernstück des dreisprachigen Programms – auf Deutsch, Englisch und Französisch – bilden Lieder von Kurt Weill. Deren Klavierbegleitungen hat Trotignon allesamt neu arrangiert – mit genügend Raum für Improvisationen. Kurt Weill hat zwar unverwechselbare Melodien geschaffen, aber nicht unbedingt selbst die Partituren dazu geschrieben, wie Trotignon bei seinen Archiv-Recherchen herausfinden konnte. So war der Mut zur Neugestaltung schnell gefasst. Zentrale Prämisse dabei: Originalität und Lebendigkeit. Dass Kate Lindsey ihrerseits nicht nur ihren Hintergrund aus der klassischen Musik einströmen lässt, sondern in ihrer amerikanischen Heimat auch mit der Musik von George Gershwin und Cole Porter aufwächst, schenkt dem Duo weitere Farben. Während viele der anderen aktuellen Weill-Adaptionen sehr jazzig oder sehr akademisch daherkommen, findet „Thousands of Miles“ so eine ganz individuelle, neuartige Form der Klangsprache, die weit über eine simple Jazz-Klassik-Fusion hinausreicht. Hier ist das Ganze in der Tat mehr als die Summe seiner Teile.

Bei den Aufnahmen zu ihrer ersten gemeinsamen CD, die im Mai bei Alpha erscheint, waren Lindsey und Trotignon immer wieder überrascht davon, wie sie sich selbst ohne Worte verstehen. Zu den Weill-Liedern gesellen sich dabei auch Lieder von Alma Mahler, ­Alexander von Zemlinsky und Erich Korngold. Die Geschichte der Verbindung zwischen diesen Künstlern ist spannend wie ein Krimi und geht weit über die Gemeinsamkeit hinaus, dass alle drei Komponisten genau wie Kurt Weill gezwungen waren, in die Vereinigten Staaten auszuwandern.

Wir befinden uns im Berlin des Jahres 1918. Aus dem idyllischen Dessau kommt der junge jüdische Musiker Kurt Weill in die noch übel von Armut und Erstem Weltkrieg gezeichnete Stadt. Doch in den kommenden Jahren vollzieht sich dort ein explosionsartiger Aufschwung, industriell wie kulturell. Die Liste der Prominenten, die Berlin nun für sich einnehmen, liest sich wie ein Who is Who des frühen 20. Jahrhunderts: Fritz Lang und Friedrich Wilhelm Murnau arbeiten an ihren unsterblichen Filmklassikern, Otto Dix und George Grosz prägen mit ihrer Malerei die Neue Sachlichkeit, musikalisch wirken Komponisten wie Paul Hindemith, Ernst Krenek oder Hanns Eisler in der Spree-Metropole. Kurt Weill nimmt Unterricht bei Engelbert Humperdinck, dem berühmten Komponisten von Hänsel und Gretel, und später bei Ferruccio Busoni, der in dieser Zeit bereits die Grenzen der althergebrachten Tonalität zu sprengen beginnt. Und schließlich meiden auch die Literaten nicht die Stadt: Erich Kästner kommt ebenso nach Berlin wie Bertolt Brecht. In Letzerem findet Weill seinen perfekten künstlerischen Partner. Brecht, der als junger Krankenpfleger im Ersten Weltkrieg schlimmste Gräuel miterleben musste, schreibt so ganz anders als alle anderen: klar, brachial, ehrlich. Da ist nichts mehr zu hören von den kitschigen Schnörkeln der Romantik, ihrer oft aufgesetzt wirkenden Rührseligkeit. Die Pro­tagonisten seiner Werke sind keine Adligen oder Bildungsbürger, sondern Prostituierte, Diebe, Mörder und Hochstapler. Das trifft den Nerv der turbulenten Zeit. 1928 verfassen Brecht und Weill zusammen die Dreigroschenoper – ein überwältigender Erfolg und bis heute eines der erfolgreichsten Werke des 20. Jahrhunderts, das kurz darauf auch von Regie-Star Georg Wilhelm Pabst verfilmt wird. Weill, so scheint es, befindet sich am Höhepunkt seines Schaffens. Was sein Privatleben betrifft, so hat er die Schauspielerin und Chansonnière Lotte Lenya geheiratet, seine Muse und Lieblingsinterpretin, die ihn trotz Streitigkeiten, Seitensprüngen und einer Scheidung mit Wiederheirat bis zu seinem Tod begleiten wird.

Doch nun ergreifen die Nationalsozialisten in Deutschland die Macht und Weill flieht zunächst nach Frankreich. Nachdem die Lage auch dort zunehmend bedrohlicher wird, tritt er 1935 die Reise nach Amerika an. Dort findet der Exilant eine zweite Heimat, erobert mit seinen Musicals den Broadway. Und: Er trifft auf ein pikantes Trio, das aus den mit Berlin vergleichbaren Wiener Künstlerkreisen stammt: Alexander Zemlinsky, dessen ehemalige Schülerin Alma Mahler und dessen ehemaligen Schüler Erich Korngold. Einst hatte Zemlinsky ein rauschendes Liebesverhältnis mit seiner Schülerin gehabt, doch diese sollte sich für den wesentlich älteren Gustav Mahler als Ehemann entscheiden – übrigens nicht für immer, denn die Femme fatale ging bereits zu Mahlers Lebzeiten eine Liaison mit Architekt und Bauhaus-Gründer Walter Gropius ein, den sie nach Mahlers Tod heiraten wird, um sich nach der Scheidung schließlich mit Schriftsteller Franz Werfel zu vermählen. Mit Letzterem war sie denn auch in die Vereinigten Staaten gekommen. Korngold hingegen war in Wien als Wunderkind gefeiert worden und sollte nach seiner Auswanderung eine zweite Karriere in Hollywood beginnen.

Im Programm von „Thousands of Miles“ stecken alle Aspekte dieser schillernden Geschichte. Da treffen sich zum einen die Werke der vier Komponisten Weill, Zemlinsky, Korngold und Alma Mahler – Letztere war übrigens nur in ihren jungen Jahren selbst künstlerisch aktiv; von ihren mehr als hundert Liedern sind nur 17 erhalten. Zum anderen wird in Musikauswahl und Sprachen das Dreieck Deutschland – Frankreich – USA gezeichnet, die (zwangsweise) Interkulturalität der Komponisten und die (freiwillige) Interkulturalität ihrer Interpreten Lindsey und ­Trotignon. Inhaltlich schließlich dreht sich alles um die Liebe: die enttäuschte, die vereinsamte, aber auch die glückliche und euphorische.

Maria Goeth

Termine
  • „Thousands of miles“ Kate Lindsey with Baptiste Trotignon (Alpha)
  • Live-Termin: 10.6.17 Schloss Elmau
Genres
Kirchen, Literatur, Schlösser, Theater, Jazz, Konzert, Weltmusik

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