Vikingur Ólafsson: Nähe schaffen – tot oder lebendig

(Vikingur Olafsson - Philip Glass: Piano Works, Foto: Ari Magg/DG)

Schon im Bauch seiner Mutter fühlte sich Vikingur Ólafsson den Klaviertasten nahe. Heute hat der Isländer die perfekte Mischung zwischen spielerischem Freigeist und technischer Finesse gefunden.

Die ersten Klavierklänge seines Lebens hörte Vikingur Ólafsson im Bauch seiner Mutter. Damals war die Pianistin im sechsten Monat schwanger und machte an der Berliner Hochschule der Künste ihren Abschluss. Auf dem Programm stand Beethovens Appassionata – eine wohl entscheidende pränatale Prägung für den heute 32-Jährigen. „Ich mag diese Vorstellung: im Bauch meiner Mutter ganz nahe bei den Tasten gewesen zu sein“, sagt der große junge Mann mit der runden Brille, dann wischt er sich die dunkelblonden Haare aus der Stirn und lächelt. Es ist ein Tag Anfang Dezember in Berlin. Seit drei Jahren lebt der Pianist zur Hälfte in der deutschen Hauptstadt, die andere Hälfte des Jahres verbringt er, wenn er nicht gerade zu Konzerten unterwegs ist, in Reykjavík, seiner Heimat.

Kurze Zeit nach dem Abschlusskonzert seiner Mutter waren seine Eltern zurück in ihre isländische Heimat gezogen, wo Ólafsson 1984 auf die Welt kam. Die familiären Koordinaten wiesen seinen Weg beinahe unausweichlich in Richtung Musik: die Mutter Klavierlehrerin, der Vater Architekt und Komponist, als Soundtrack seiner Kindheit dazu der musikalische Schatz der Schallplattensammlung seiner Eltern, die isländischen Volkslieder und nicht zuletzt die Spielversuche der Schüler seiner Mutter. Das Klavier stand für Ólafsson von Beginn an im Zentrum seines Lebens – im wahrsten Sinne: Kurz nach seiner Geburt leisteten sich seine Eltern einen Steinway-B-Flügel, der fortan inmitten der kleinen Wohnung der Familie thronte. „Das Klavier war unsere Wohnung, wir haben quasi um das Instrument herumgelebt“, sagt Ólafsson. Schon früh hat er als kleiner Junge die Nähe der Tasten gesucht, und bis heute erzählt seine Mutter, dass er dabei nie laut und rabiat zu Werke ging, sondern schon als Zweijähriger bedächtig und leise einzelne Töne spielte. Auch als er älter wurde, blieb das Klavier für ihn „geliebtes Spielzeug“. Als „Üben“ hat er seine ständige Beschäftigung mit dem Klavier nie empfunden, Drill und Druck waren ihm fern.

Mit 18 Jahren ging Ólafsson schließlich zum Studium bei Ronald McDonald an die Juilliard School nach New York und erlebte dort erst einmal einen Schock. „In New York habe ich erkannt, dass ich nicht allein bin. Da waren so viele fantastische Pianisten, und ich habe begonnen, wahnsinnig hart zu arbeiten.“ Sein Spiel vereint heute beides: den Feinschliff und die technische Finesse der New Yorker Zeit ebenso wie den spielerischen Freigeist und die hingebungsvolle Emotionalität seiner isländischen Kindheit und Jugend. Eine prickelnde Mischung, die unmittelbar berührt und die Hörgewohnheiten raffiniert infrage stellt.

Im Januar erscheint nun das erste Album von Ólafsson mit Klavieretüden von Philip Glass. Die Begegnung mit dem amerikanischen Meister der Minimal Music war für den Pianisten ein Schlüsselerlebnis, wobei er dessen Musik bereits als Jugendlicher für sich entdeckt hatte. Damals saß er zwischen seinen beiden Schwestern auf dem Autorücksitz, ein Urlaub in der Schweiz, seit Stunden auf der Autobahn. Da legte sein Vater eine CD mit Glass’ Violinkonzert ein, und Ólafsson war sofort fasziniert. „Diese Musik hat eine unglaubliche Wirkung. Sie ist so emotional, so farbenreich, so intensiv und ehrlich.“ Es sollte noch einige Jahre dauern, bis er sich selbst daran machte, Glass zu spielen. Auslöser war kein Geringerer als der Komponist selbst, der Ólafsson einlud, zusammen mit ihm und der Pianistin Maki Namekawa seine Etüden aufzuführen. Eine große Ehre für den jungen Musiker und gleichzeitig ein Novum. „Ich war bisher ja eher gewohnt, mit toten Komponisten zu arbeiten“, sagt Ólafsson und grinst. Vor der ersten Begegnung mit Glass sei er dementsprechend nervös gewesen, doch die Aufregung wich bald der Erkenntnis: „Die Komponisten sind uns Interpreten in ihrem Suchen und Spielen mit der Musik viel ähnlicher, als ich zuerst dachte. Das war eine sehr erfrischende Entdeckung für mich und hat meinen Blick auch auf Komponisten wie Beethoven oder Bach vollkommen verändert.“

Die Folge ist eine zeitlose und offene Sicht auf die Musik, die Ólafsson nicht nur als Pianist, sondern auch als Kurator zeigt. Neben seiner Konzerttätigkeit leitet der Musiker mehrere Festivals, darunter das „Reykjavík Midsummer Music Festival“ und das „Vinterfest“ in Schweden. So wie er dort außergewöhnliche Programme konzipiert und neue Perspektiven wagt, tun sich auch in seinem Spiel oftmals ungeahnte Nuancen und Klangschattierungen auf. Erlebt man die Klavieretüden von Glass in der Interpretation von Ólafsson, besteht nie die Gefahr träger Redundanz. Stattdessen versteht der Pianist die sich wiederholenden Pattern als Form „musikalischer Wiedergeburt“, als immer wieder neu erlebte und klingende Zeit. Derart gespielt, entwickeln die Stücke eine spannungsvoll vibrierende Kraft, die gleich einem Strom nach vorne strebt.

„Große Musik vereint die Emotion und den Intellekt“, sagt Vikingur Ólafsson. In seinem Spiel findet beides zusammen und die Achse Berlin-Reykjavík verspricht spannende weitere Entdeckungen.

TERMINE
10., 11.2.2017: Hamburg, Elbphilharmonie

 

AKTUELLE CD

Philip Glass:
„Piano Works“
Vikingur Ólafsson

(DG)
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