Es geht um Ausdruck

Vilde Frang

Die Norwegische Violinistin Vilde Frang schlüpft mit ihrem neuen Album von der Nachwuchskünstlerin in die Rolle der eigenständigen Solistin.  

crescendo: Sie sprechen so herrlich deutsch. Probieren wir es?
Vilde Frang: Danke für das Kompliment, aber ich finde, es klingt wie Kindergartendeutsch. Ich lebe in München und komme zurecht, aber auf Englisch kann ich besser ausdrücken, was ich meine.

Auf Ihrer neuen CD spielen Sie das Violinkonzert von Tschaikowsky und das des dänischen Komponisten Carl Nielsen. Tschaikowsky kennt man, aber wie würden Sie das Nielsen-Konzert beschreiben?
Nielsen ist eine große Entdeckung für mich. Er hat selbst Geige gespielt, nicht erstklassig, aber dafür wusste er als Komponist, wie man dieses Instrument so einsetzen kann, dass der Geiger viel Freude damit hat. Sein Violinkonzert ist sehr pastoral und idyllisch. Wie eine skandinavische Landschaft, flaches Land, weiter Blick, auf jeden Fall melancholisch. Die Musik ist sehr warmherzig.

Haben Sie solche Landschaften vor Augen, wenn Sie das Stück dann auf der Bühne spielen?
Nein. In einem Konzert habe ich gar nichts vor Augen. Wenn ich auf der Bühne stehe, geht es nur um Ausdruck. Im besten Fall werde ich selbst zu Musik, zu Klang, zu Tönen.

Man denkt also nicht, wenn man Geige spielt?
So könnte man sagen. Ich werde von der Musik komplett absorbiert. Die Musik und ich, das lässt sich nicht mehr trennen. Spielen Sie selbst ein Instrument?

Acht Jahre Klavier, zwei Jahre Gitarre.
Dann wissen Sie doch, was ich meine.

Naja, ich habe beim Klavierspielen an alles Mögliche gedacht: Fußball, Spaghetti mit Tomatensauce …
Ich bin sicher, Sie kennen dieses Gefühl. Vielleicht tritt es nicht stundenlang auf, sondern nur für Sekunden, aber jeder, der Musik macht, kennt es. Ein schöner Akkord, eine traurige Passage, auf einmal hört man auf zu denken. Ich glaube, wer beim Musizieren über sich nachdenkt, hat auf einer Bühne nichts verloren. Wenn ich die ersten Töne eines Konzerts spiele, stoße ich mich von einem Ufer ab und versuche eins zu werden mit dem Ozean vor mir. Man geht da schon ein Risiko ein, aber lieber riskant mit zwei kleinen Fehlern als auf Nummer sicher.

Vor vier Jahren waren Sie mit Anne Sophie Mutter auf einer Tournee durch Europa und Amerika. Wie war‘s?
Es war toll. Wir sind oft miteinander aufgetreten, mittlerweile kennen wir uns ganz gut. Sie ist eine wunderbare Frau und Künstlerin. Ich war damals zum ersten Mal in New York. Sie hat sich liebevoll um mich gekümmert und mir die ganze Stadt gezeigt. Wir sind durch den Central Park gelaufen, waren im Guggenheim Museum, am Abend sind wir zusammen in der Carnegie Hall mit dem Bach-Doppelkonzert aufgetreten. Wenn sie jemanden unterstützt, unterstützt sie ihn richtig, zu einhundert Prozent.

Was haben Sie von ihr gelernt?
Dass ich meinem Instinkt und meiner inneren Stimme folgen muss. Es gibt immer Menschen, die sagen, das kannst du nicht oder das machst du falsch, man muss es anders machen. Sie hat mir Mut gemacht, auf mich selbst zu hören.

Das könnte Ihnen beim Tschaikowsky-Violinkonzert geholfen haben, schließlich gibt es Hunderte von Aufnahmen davon. Wie findet man seine eigene Interpretation?
Ich habe gar nicht so viele andere Interpretationen gehört. Wissen Sie, Tschaikowsky begleitet mich schon mein ganzes Leben lang. Als Kind war mir seine Musik so nah wie die Märchen der Gebrüder Grimm. Und deshalb habe ich meine ganz eigene Geschichte mit diesem Komponisten. Ich will diesen Zugang nicht vernachlässigen, indem ich Dutzende von CDs höre und miteinander vergleiche.

Beschäftigen Sie sich auch mit der Biografie eines Komponisten?
Wenn man nur die Musik und keinen Kontext kennt, kann es sein, dass man auf eine falsche Fährte kommt. Man muss recherchieren, ganz klar, aber man sollte es nicht übertreiben.

Hand aufs Herz: Wie viele Fehler unterlaufen Ihnen an einem normalen Konzertabend, die das Publikum gar nicht bemerkt?
Unterschiedlich. Das hängt davon ab, wie gut ich in die Musik reinkomme, aber perfekt ist es nie. Ich habe es zumindest noch nie erlebt, dass ich von der Bühne gehe und denke: Wow, besser geht es nicht.

Wie schade, oder?
Überhaupt nicht. Ich glaube, dass ich nach einem perfekten Konzert nicht mehr spielen könnte. Ich wäre wohl für alle Zeiten verdorben, die Spannung würde zu sehr nachlassen. vielleicht würde ich sogar arrogant werden. Nein, ich will es nach jedem Konzert besser machen, das ist mein Antrieb.

Vilde Frang: Violinkonzerte
EMI Classics (EMI)

Vilde Frang

Die Norwegerin wurde 1986 in Oslo geboren und genoss ihre musikalische Ausbildung an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg. Im Alter von zehn Jahren debütierte sie beim Norwegischen Rundfunkorchester. Zwei Jahre später wurde sie von Mariss Jansons als Solistin zu einem Konzert mit der Philharmonie Oslo eingeladen. Im vergangenen Jahr wurde Vilde Frang mit dem ECHO Klassik als beste Nachwuchskünstlerin ausgezeichnet.
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Kommentare

  1. Herbert Pälmke
    6. Juli 2012 at 13:49

    Am 17.11.2005 gab die Geigerin Vilde Frang ein Konzert in der von mir 1982 gegründeten und seitdem geleiteten Konzertreihe “Musik im Alten Pfarrhaus” (bisher über 300 Konzerte in 30 Jahren) in Beckum-Vellern. Mit sehr großer Freude habe ich bisweilen von ihren Erfolgen gehört. Das Interview finde ich sehr gut, zumal ich sie in ihren Antworten wiederfinde.
    Mit freundlichem Gruß
    Herbert Pälmke

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